Der Richard

Die Bahnhofstraße führt fast gradlinig vom Rathaus zu den Bahngeleisen. Rechts liegt der alte Bahnhof und links der Wasserturm. Als Kind habe ich gesehen, wie das mächtige winklige Wasserrohr zum Befüllen der Dampflokomotiven über die großen Tender geschwenkt worden ist. Das ist lange her. Und der meterhohe, schön gestaltete Wasserstandanzeiger mit dem roten ziselierten Melder wurde vor Jahrzehnten schon demontiert.

Ich befahre die Bahnhofstraße aus dreierlei Gründen. Erstens stehen an ihrem Ende die Altglasbehälter. Zweitens setzte ich im Grün an der Bahnstrecke die Nacktschnecken aus, die wir im Garten aufgesammelt haben. Und drittens dient mir der Asphalt der Strasse auch als Teststrecke für ein Fahrrad, das nach seiner Aufarbeitung oder Restaurierung die kleine Werkstatt verlassen soll.

Heute Morgen habe ich ein altes Fahrrad der Marke Bauer, Klein-Auheim in der Bahnhofstraße probegefahren. Nach vielen Flüchen und einigen Verzweiflungsanfällen war es wieder ein Fahrzeug geworden, dem man seinen Zweck auch ansehen konnte. Das Fahrrad hatte ich über ein Inserat gefunden. Es sah aus, wie die meisten Räder aussehen, die über einen längeren Zeitraum abgestellt worden sind. Dreck, Verölungen, Verrostungen und Verbiegungen. Das Rad hatte erkennbar einige Originalteile, die inzwischen selten und entsprechend kostspielig geworden sind.
Wir verabredeten uns mit dem Verkäufer, einem älteren Herrn. Am Morgen des vereinbarten Treffens schickte er noch die vielsagende Nachricht: „Das ist kein Asozialenvierten hier.“

Als wir ziemlich pünktlich vor dem langgezogenen Wohnblock vorfuhren, stand der Verkäufer bereits vor einem der Eingänge. Er sprang auf unser Auto zu und tippelte mit den Fingern an die Seitenscheibe. Ich gab ihm ein Zeichen, dass ich erst einparken wollte. Er lief neben dem Auto her und tippelte unablässig weiter. Wir grüßten und stellten uns kurz vor.
„Ach“, meinte er, „hat die Frau auch mitgedurft?“ Als die Frau dann noch einige sachkundige Bemerkungen zu dem Drahtesel abgab, wurde er etwas ruhiger. Mich hatte dieser sein Auftritt und sein Gerede, so fiel es mir erst viel später bei der Restaurierung auf, aus der Fassung gebracht. Und zwar soweit, dass ich mir eine Bemerkung zum schäbigen Zustand des Rades verkniffen hatte. Es starrte nicht nur vor Dreck sondern war zudem merkwürdig klebrig verschmiert. Obwohl die Fotos des Verkaufsangebotes nicht geschönt waren, war dieser Zustand dennoch nicht erkennbar.

In der Werkstatt erfolgte die eingehendere Sichtung des Fahrrades. Ich tröstete mich mit den Teilen, die nach der Schlachtung des Rades und einer grundlegenden Reinigung noch verwendbar sein würden. Ich hatte keine Idee, was aus dem versifften Rest werden sollte.

 

In der vorigen Woche nahm ich mir den dunkelblaubraunen Hirsch nochmals vor. Nach ersten vorsichtigen Reinigungsproben stellte ich fest, dass die Chromteile durchweg noch brauchbar waren. Mit der Batterie von Reinigungsmitteln, Drahtbürsten, Putzwolle und einem Haufen Lappen sah ich plötzlich einen schönen hellblauen Lack aufleuchten. Ich begann, das Rad zu zerlegen. Stunde um Stunde offenbarte ein wenig mehr seiner früheren Schönheit. Selbstredend hatte auch der Zahn der Zeit am Rad genagt. Der Zahn darf das, das Fahrrad hat immerhin vor 64 Jahren die Klein-Auheimer Manufaktur verlassen..

Es ist fast wie im Märchen. Man ist in einem Prozess eingebunden, der eigenen Gesetzen folgt. Neben der Freude an der nach und nach sichtbaren Ästhetik lauern die Abgründe. Fast kein Teil, das nach einer intensiven Reinigung direkt wieder zu verwenden gewesen wäre. Zum Glück finden sich bei den angesammelten Ersatzteilen doch hin und wieder die zur Komplettierung benötigten Teile. Das Bauer Modell Brillant kann wieder in öffentlichen Räumen rollen. Die Schaltung klickert wie ehedem. Und die Bremsen verzögern tadellos.

 

Als ich noch ein Junge war spielten wir oft am alten Bahnhof. Wenn wir uns zu tief auf das Bahngelände trauten wurden wir von den resoluten Rangierern meist mit groben Worten verscheucht. Im Herbst standen die Bauern mit ihren schwer beladenen Gespannen in der Bahnhofstraße Schlange. Sie warteten darauf, dass ihre Zuckerrübenladungen an der Laderampe in die bereitstehenden Güterwaggons verbracht wurden.
Nebenan war der Güterschuppen, in dem man die schweren Pakete aufgab, die dann per Bahn als Stückgut weitertransportiert worden sind. An das Lehrstellwerk trauten wir uns nicht. Inzwischen hat ein Investor das Areal mit allem darauf gekauft. Das alte Fachwerk der Gebäude verrottet.


Im oberen Teil der Bahnhofstraße, nahe der im letzten Krieg zerbombten Ruine des großen alten Festsaals, wohnte Richard Baumeister. Er lebte mit seiner Mutter in einem der Bauernhäuser. Von einem Vater weiss niemand etwas, aber seine Mutter habe ich einigemale mit Richard zusammen gesehen.
Obwohl ich es nicht genau weiß, bin ich mir dennoch sicher, dass der Richard mit Nachnamen Baumeister hieß. Ich habe inzwischen einige Altersgenossen dahingehend befragt, und alle drei waren wir uns sich seines Nachnamens sicher.

Als ich heute Morgen mit dem Bauer Brillant meine Proberunde drehte, fiel mir der Richard wieder ein. (Es geht nichts vergessen im Leben, auch wenn die Erinnerung keinen Zugriff mehr hat). Er war älter als wir anderen Kinder. An seiner rechten Schläfe hatte er eine mächtige Vertiefung. Keine farbliche Veränderung, keine Narbe; nur diese imposante Vertiefung. Irgendjemand sagte mir, ich solle mich von Richard fernhalten. Ich hielt mich nicht daran. Mir war der Richard seltsam vertraut. Er arbeitete bei einem hiesigen Handwerksbetrieb als Handlanger. Er sei nicht ganz richtig, sagte mal einer Bauern. Für mich war er Einer, den ich um seines Fahrrades wegen bewunderte. Es muss aber noch etwas mitgeschwungen haben. Ich bin mir sicher im Unsicheren.

Der Richard hatte auch so ein blaues Fahrrad. Es war sein ganzer Stolz. Er musste entgegen seiner auffällig einfachen Kleidung Geld zur Verfügung gehabt haben. Denn sein Rad war mit einem Rennlenker ausgestattet. Die beiden Bremszüge und der Schaltungszug waren mit Bowdenzugspiralen verziert. Der Fuchsschwanz, ein Wimpel, die Hupe mit schwarzem Gummiball, rechts und links flatterten aus den Lenkerenden bunte Plastiktroddeln. Ganz klar, er hatte den blauen VDO-Tacho am Lenker montiert.
Er war so voller Freude, wenn er uns ein neues Detail an seinem Rad präsentieren konnte, dass sein Stolz darauf auf mich übersprang und bei mir jeden Anflug von Neid erst garnicht aufkommen ließ. Und ich hätte doch auch so gerne… dies oder jenes..
Für diese Erfahrung, die mich in meinem späteren Leben vor manchen ungesunden Wettbewerben bewahrt hat, bin ich dem Richard noch immer und so auch heute wieder dankbar.
Eines Tages war der Richard weg. Er war nachmittags auf seinem stets sauber geputzten Fahrrad nicht mehr zu sehen. Außerdem waren wir längst auf Kleinkrafträdern unterwegs. Was waren japanische Plastikteile an den ollen Drahteseln gegen Easy Rider und unsere knatternden Böcke.

Bei den beiden anderen Kindkollegen sind die Erinnerungen an den Richard weitgehend verblasst. Und ich erinnere mich nicht mehr die Marke seines blauen Fahrrades. Aber, wie bereits gesagt, es geht nichts vergessen im Leben, auch wenn die Erinnerung momentan keinen Zugriff mehr auf zurückliegende Geschehnisse hat.

 

 

 

 

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11 Gedanken zu “Der Richard

  1. Ist das auf dem Bild das Bauer Brillant? Wenn ja, sieht es aus, als käme es schnurstracks aus’m Laden, wunderbar akriebisch restauriert, tolles Teil, Kompliment! Kenner werden Dich deswegen bewundern, wenn Du es ausführst! Ein Nachbar besitzt seit kurzem einen professionell restaurierten Citroen DS 23 Pallas und wenn der den ausführt, rotieren nur so die Köpfe…

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    1. Das ist das Bauer Brillant auf der Photographie.
      Nach Feierabend ein kurzer Ritt ins Nachbarstädtchen. Auf ein Bierchen. Die Kneipe liegt zwischen zwei Verkehrberuhigungspollern. Rechts und links sind Fahrradspuren. Ein besonders listiger Autofahrer will die Pollerchen elegant umfahren, fährt auf die Fahrradspur und brummt das Bauer Brillant weg.

      Er tut alles ab („war ich das?“), zückt aber gleich seine Geldbörse. Ich rege mich auf, weil ich nicht erklären kann was er ohnehin nicht verstehen würde.
      Zwei Ischen, Typ einsame Mittverzigerinnen, mischen sich ungefragt: „Er will aber doch zahlen…“

      So oder so ist das Leben

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      1. „Das Leben ist so!“ steht als Gravur auf einem hellen Schiefer. Nicht auf einem den Vorherigen gewidmetem, sondern mitten auf zwei Lebenswegen.

        Sie haben sicher den Schaden behutsam beigebogen und werden weiter das Rad bemüssigen. So schön, so treu! Danke für diese gebettete Erinnerung, sie bleibt haften. Mitsamt der eingebundenen Prozesse.

        Radeln Sie bitte unbedingt weiter trotz Ignoranz und Scheinwedelei. Lebensnovellen fetzen nämlich.
        Herzliche Grüße, Käthe Knobloch

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      2. Ist viel kaputtgegangen, sind die tollen Weißwandreifen noch makelos weiß?
        Der besonders listige Autofahrer und die zwei Ischen meinen wohl, mit Geld könne man alles gut machen! Das macht einsam… ; )

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        1. Die Weißwandreifen sind noch einwandfrei weiß. Lenker verbogen, ebenso die Lampenhalterung und das seltene Aluschutzblech und natürlich die Streben.

          Das Gute am Fahrrad ist ja, dass man mit etwas handwerklichem Geschick alles wieder richten kann…

          Das verbindet…

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  2. Eine schöne Fahrrad-Geschichte. Ich habe auch eine solche Geschichte gehabt. Der ältere Nachbarjunge hiess Rupp Toni und er hatte ein neues Fahrrad der Marke Anker. Er hatte mich eingeladen eine Runde mit seinem Anker zu drehen. Eigentlich hatte ich das gar nicht gewollt. Ausserdem hatte ich zu kurze Beine. Der Rupp Toni zeigte mir, wie es trotzdem geht. In dem man mit den Beinen unter die Querstange schlüpft. Man muss dabei das Fahrrad schräg halten. Ich war dabei umgefallen und hatte mir das Knie blutig geschürft.

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    1. Eine feine Geschichte, die kurzfristig schief ausgegangen ist. Das Radfahren wirst Du aber sicher gut gelernt haben danach.

      Da fällt mir ein, dass ich als Schüler eine zeitlang vor lauter „coolness“ schräg auf dem oberen Rohr meines Rades sitzend gefahren bin. Als mein Rad eines Morgens einen Platten hatte, lieh ich mir das Rad meiner Mutter aus. Auf dem Rückweg von der Schule vergaß das fehlende Oberrohr bei Damenrädern. Ich donnerte runter bis auf den Kettenschutz. Mit einem entsprechenden Schmerzensjodler, versteht sich.

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  3. Mein Beileid zur nun 3. Wiederbelebung des chicen Oldtimers. Frank Schöbel fährt ein Diamandrad, das fast soähnlich aussieht.
    Und zu der Richardepisode: Es gab wohl im Leben von uns allen immer wieder Typen, die uns in nur einer Sache voraus waren, bis wir sie überholten oder übertrumpften. Dann verschwanden sie auf die eine oder andere Weise aus unserer Wahrnehmung um Jahrzehnte später in Erinnerungsblogs wiederzukehren.
    “Alles Leben bleibt Fragment.“
    F.Spielhagen.

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    1. Mich interessieren die Menschen, denen ich letztendlich dankbar bin durch größere oder kleinere Erlebnisse mit eben diesen Menschen.

      Durch den Richard habe ich zum ersten Mal realisiert, was Neid und warum er überflüssig ist. So bin ich vielen Menschen dankbar, weil ich durch die Begenungen weitergekommen bin.

      Letztendlich bin ich sogar manchen dumpfen Pfosten dankbar, denn auch die haben mich weitergebracht, weil ich manches von ihnen lernen konnte. Und wenns nur war, wie man es besser nicht macht.

      Von einigen beider Kategorien wird hier noch zu lesen sein.

      Was den Satz von Spielhagen betrifft, scheint er mir ein unglücklicher Mensch gewesen zu sein. Andererseits wird er sicherlich auch gelacht haben.

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