Märchenhafte Dunkelwolken

 

Gegen Ende des Jahres war mir defintiv klar, dass ich so nicht weitergehen könne. In dem großen Anwesen war aus der ehemaligen Wohngemeinschaft eine Hausgemeinschaft geworden. Menschen in verschiedenen Wohnungen. Die Themen änderten sich. Kinderwünsche. Berufspläne. Zukunftsträume. Egal ob gemeinsames Grillen im Hof oder die Abende in der Kneipe gegenüber. Die Gespräche drehten sich um die irrsinnige Aufrüstung und die galoppierende Umweltzerstörung. Und dazwischen die Zukunftspläne. Auch darin schwangen bedrohliche Visionen mit.
Ich nahm unangenehme Auflösungserscheinungen wahr.

Ich hatte das Angebot angenommen, in dem Wirtschaftsgebäude des Anwesens meine Firma zu betreiben. Die hatte ich im Jahr zuvor gekauft. Die Zahlen auf der linken Seite meiner Kontoauszüge raubten mir nächteweise den Schlaf. Aber die Aussichten auf wirtschaftliche Prosperität und meine Ideen waren erfolgversprechend.   
Arbeiten und leben am Ort. Sogar im gleichen Haus. Keine allmorgendliche Stausteherei mit der Aussicht auf lebenslänglich in einem Ballungsraum.

Ich hatte zwei kleine gesunde Kinder. Im Sommer hatten wir unseren Urlaub auf der Insel Elba verbracht. Alles lief auf scheinbar ruhigen Bahnen in bester bürgerlicher Ordnung. Die sogenannten „Grundpflichten eines deutschen Mannes“ hatte ich bereits erfüllt. Sohn gezeugt, Baum gepflanzt und ein Haus massiv (um)gebaut.

In der Werkstatt standen einige alte Einzylinder Ducatis. Meine Arbeiten und die gesammelten Belegexemplare zur Geschichte und zum Programm eines deutschen Verlages waren an das Literaturarchiv in Marbach verkauft.

Im Herbst war ich mit einem befreundeten Hausbewohner der Einladung zu seiner Verwandtschaft nach Thüringen gefolgt. Bis dahin bin ich lediglich zahlreiche Male in Berlin (Hauptstadt der DDR) gewesen. Eine Woche im Gegenentwurf eines deutschen Staates. Unbekannte Rituale. Sonderbare Verhaltensweisen. Stetes Schlechtreden des eigenen Landes. Zum ersten Mal leuchtete mir eine gesamtdeutsche Gemeinsamkeit auf. (Der bis heute noch viele folgen sollten). Der äußerliche Verfall des Landes war aber auch nicht zu übersehen.

Vor dieser Reise hatte ich eine nebenberufliche Ausbildung zum Märchenerzähler begonnen.

Meine Entscheidung für die Beschäftigung mit Märchen traf ich nur teilweise wegen des Erzählens. Da waren natürlich die eigenen Kinder. Weit mehr interessierten mich jedoch andere Aspekte. In jenen Jahren erlebten die Volksmärchen eine erneute Renaissance. Kritiklos hochgelobt und mystifiziert einerseits, mit einer vernichtenden Kritik brüsk abgelehnt andererseits. Hier das Seelenheilsame und die brutale Gewalt dort.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Wie mit jedem anderen Handwerkszeug, ist es hilfreich zu wissen, was und wie man damit sinnvoll umgeht. Den sicheren Umgang damit kann man üben.

Die ständig vertiefende Beschäftigung mit Märchen hat mich für eine Weile über dem Wasser meines Lebensstroms gehalten. Kinder sind als kritisches Publikum unschätzbar, denn sie hören genauestens zu. Kleine Fehler werden sofort lautstark korrigiert. Ich habe Märchenbilder in Beratungsgesprächen verwendet, Vorträge und kleine Seminare für Pädagogen verschiedener Fachrichtungen gehalten.

Am Ende des Jahres traf ich meinen alten Jugendfreund wieder. Im Lauf der personellen Veränderungen im Haus und wegen einiger kleinlicher Meinungsverschiedenheiten hatten wir unseren Kontakt zwei Jahre zuvor schweigend auf Eis gelegt. Wir sprachen auf einer Party miteinander und die beiden vergangenen Jahre waren wie von Zauberhand ausgelöscht. Wortloses Verstehen wie immer.

Ein Konzert besuchten wir an dem folgenden Wochenende. Einen weitergehenden Vorschlag meinerseits musste er ablehnen. Er hatte einen Termin in der Klinik. Als er sich zwei Wochen danach wieder meldete, bot er mir eine Zigarette an. Er knöpfte dabei sein Hemd auf und zog die rechte Seite aus. Von der Rippenseite durch die Achselhöhle bis hoch hinters Ohr zog sich eine Narbe. Man ahnte fast einen Reißverschluss. Alles in Ordnung soweit, meinte er.

Eigentlich war garnichts in Ordnung. Bei mir jedenfalls nicht. Meine innere Welt fiel zusehends auseinander. Ich ritt ein Pferd, das zwischen himmelhohe kahle Bergwände geraten war, die immer enger aufeinander zuliefen. Das Pferd konnte ich schon nicht mehr wenden. Aber immerhin hatte ich noch eine geringe Bewegungsfreiheit.

 

27 Gedanken zu “Märchenhafte Dunkelwolken

    1. Als Kind Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein, Schneerwittchen, Tischlein deck dich… und Rapunzel.
      Das letzte Märchen meiner späteren Kindheit war „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“.

      Als ich die Ausbildung begonnen hatte waren anfangs wiederum die Kindermärchen dran. Meine Lieblingsmärchen waren dann der Korpus der „Dummlingsmärchen“ sowie als Hausmärchen Der Eisenhans, Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet; Das Mädchen ohne Hände und natürlich als ideales Beziehungsmärchen: Von dem Fischer un syner Fru.

      Daneben gibts noch einige aus anderen europäischen Sammlungen, die ich bevorzugt mag.
      Nicht zu verachten sind auch „Die erotischen Märchen aus Russland“, gesammelt von Alexander Afanasjew

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    1. als da standen
      125er Scrambler
      160er Monza
      350er Desmo
      450er Desmo
      450er Scrambler
      450er Regolarita – –
      und der Vollständigkeit halber
      750er GT
      850er Moto Guzzi T5
      ——

      ne 450er Regolarita würde ich sofort wieder fahren…

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        1. Die waren aus damals vergleichsweise teuer.
          Wir haben in der WG etliche – 250er, 350er, 450er…
          Einer bate die zeimlich einfach aufgebauten Regel von 6V aus 12V um. Ein anderer konnte die Ventilsteuerung der recht fix Desmomotoren einstellen.
          Ich baute Sitzbänke für die Café Racer.
          Bei den Umbauten erklangen Namen wie Ceriani Gabeln, Tomasselli Griffe, Borrani Felgen, Dunlop Roadmaster Reifen, Koni Stoßdämpfer – – –

          ach was für eine – wenigstens in dieser Hinsicht – schöne Zeit…

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  1. Die Dux waren anfangs der 70er hier in Deutschland sehr selten, deshalb stand ich damals auf ’ner BSA Rocket III die auch sehr selten war, aber ein Nachbar hatte eine. Heraus kam aber zu meinem Zweiradstart eine NSU Max, dann eine deutsche Triumph „Boss“, BMW R26 und aus einem Heuschober im Harz erstrahlte im generalüberholten (inklusive mit Hilfe einer Abitursklassen selbstkonstruiertem Kabelbaum) eine BMW R51/3. Danach musste DAS Motorrad der 70er her: eine Kawasaki Z1. Bedingt durch einen unverschuldeten Unfall folgte eine lange Pause bis 1989 (meine Familie machte mir die Hölle so heiß, so daß ich das Motorradfahren erstmal ad acta legte). 1989 schlug das Virus nach einer Maltareise aber wieder zu: eine 125er Cross Yamaha gemietet und zwei Räder fuhren wieder zunächst in meinem Kopf! Also sachte angefangen mit einer Suzuki GS 500 und bald Umstieg auf eine rote Yamaha XJ 600S Diversion, ein sehr unproblematisches Spassbike! Mit meinem damaligen Traummotorrad, einer roten Honda VFR 750, die mich 15 Jahre beglückte, hörte dann wegen eines Bandscheibenvorfalls der Spass am Motorradfahren auf, aber auch das Internet war daran Schuld. Ich habe nämlich zum Motorradfahren immer einen Grund gebraucht und den hatte ich, da ich mehrfach in der Woche zu meinen Kunden von Essen nach z.B. Wuppertal, Ennepetal und Dortmund usw. fahren mußte, um mir zu bearbeitendes Bildmaterial (u.A. Fotonegative und Dias) dort abholen und zurückbringen mußte. Im Zeitalter des digitalen Bildes und des Internets wurde das dann obsolet! Einfach aus Lust und Dollerei in der Gegend rumfahren war nie mein Ding. Heute verfolge ich, ohne Tränen im Auge, die Motorrad Grand Prixs im TV, aktuell an diesem Wochenende in Assen, Holland!

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    1. Ahh, ähnliche Träume… Ich habe gerade wieder nach 650er BSA Lightning und Thunderbolts Ausschau gehalten.

      Meine erste war keine NSU Max sondern eine NSU Super Lux (9,5 PS). Von einer 51/3 konnte ich nur träumen; die waren alle bereits in festen Händen.

      Von Japan hatte ich nur eine 50er Honda. Eine Katastrophe, wenn man mit Kreidlers und Zündapps mithalten wollte. Konnte man nämlich mangels Leistung nicht.

      Vor einigen Jahren träumte ich nochmals vom Krad: eine Kawasaki W650. Eigentlich ein BSA Nachbau, aber ich wollte nicht mehr schrauben.
      Aber es gibt ein Abkommen mit meiner Frau: wir fahren nur Fahrzeuge, für die wir beide einen Führerschein haben. Deshalb kommt kein Motorrad und kein LKW mehr ins Haus. 🙂

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        1. Diesen Traum schaue ich mir erst garnicht an *ggg* – ich brauche im Link nur „Thruxton“ zu lesen…

          (Das war auch mal so ein Traum: Velocette Venom Thruxton)

          Dennoch: ich wünsche Dir einen erfüllten Traum !

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  2. Jaja, die Mopeds. Ich war nie so verrückt, hatte mir anno 86 die (einfache) Honda XBR 500 angeschaut, ein kleiner Traum für mich, in bordeauxrot. Dann, über 30 Jahre später ist sie doch noch eingezogen. Klar, Baujahr 86. Das neue Garagentor war teurer als das Mopd. Ich fahr keine 100 km im Jahr, macht eben keinen Sinn. Seit Corona ohnehin nicht. Aber wenn sich die Gelegenheit mit einem Sinn zusammenschließt, ja dann.
    Ansonsten, eine gute Frage, wann biegt man warum ab und was könnte einen aufhalten? Und wann merkt man, dass man es vergessen hat? Tatsächlich stelle ich fest, bin ich auch schon mit Vollbremsung abgebogen. Es war bislang nie falsch. Wobei ich den Blick zurück meide, zumindest in dieser Hinsicht, der bringt nix.
    So, muss wieder, der Grill zuckt!
    Dir einen schönen Restsonntag.

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    1. Klasse Kommentar (wie eigentlich immer).
      Da fällt mir ein alter Spruch ein. Nach dem habe ich gehandelt und bin dabei nicht auf die Schnauze gefallen:
      Bremsen vor der Kurve ist Feigheit.

      Funktioniert natürlich nur, wenn man sich geschwindigkeitsmässig einigermaßen vernünftig verhält.

      Ich hoffe, das Grillgut war wohlschmeckend und wünsche Dir ebenfalls einen feinen Abend und eine gute neue Woche

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  3. Tut mir leid, wenn ich eben nicht eng am Thema bleiben kann. Ich schweife, schweife ab, vielleicht auch von der wilden Gewitterstimmung da draußen getrieben. Desmo – Ducati. Marbach – das Gestüt, die Vollblutaraber. Pferd. So schrecklich die dem endgültigen Fluchtpunkt von allem zustrebenden Felswände auch drohen – ich spüre den Ritt, den wunderbaren Ritt, der für jeden von uns endlich ist.
    Ob Haarnadelkurven auf dem Motorrad oder der preschende Galopp über kahle Felder: das ist die wünschenswerte Art der Fortbewegung, die jedes noch so enge, noch so endgültige (Lenore, Bürger) Ziel erträglicher macht. Ob keiner dorthin will, ob keiner wieder absteigen will wie einst Walter Scheel vom gelben Wagen, die Frage stellt sich bekanntlich nicht – jeder noch so großartige, wilde Ritt hat einmal ein Ende. Was ihn nach allgemeinphilosophischer Anschauung nur desto wertvoller macht.

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    1. „…jeder noch so großartige, wilde Ritt hat einmal ein Ende…“
      Das ist bedauerlicherweise unvermeidbar. Für manchen Menschen (Bürger, Leonore) mags am Ende eine Erlösung sein; für andere allenfalls die erwzungene Ablösung von einem freudigen Dasein…

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  4. Huch, hier ging ja was weiter!
    Ach soooo verhielt sich das mit den Eichsfelderlebnissen!
    Nu isses klar. Aber wie gesagt, ne “besondere“ Ecke in der Ehemaligen.
    Was die Märchen angeht: Da bin ich Traditionalist. Das muss so – und der Nachwuchs sollte darin bewandert sein.
    Disneyversionen richten schon genug Schaden an.

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