Ganz normale Kindheit

 

Kürzlich sah ich den Film „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“. Der Film basiert auf einer Erzählung von André Heller. Darin werden in poetisierter Form Erlebnisse aus Hellers Kindheit filmisch dargestellt. Mich hat der Film begeistert. Viele Szenen sind in grandiosen Bildern inszeniert. Hellers Lieder und einige seiner Bücher und Projekte beeindruck(t)en mich seit Jahrzehnten. Beim sehenden Genießen des Films sind Erinnerungseruptionen meiner eigenen Kindheit emporgestiegen. Das machte den Film für mich umso sehenswerter.

 

„Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim Fotografieren.“   (Peter Handke)

 

Die Wege von der Kindheit bis zur Jugend scheinen gleich lang. Kindheit, Jugend, Adoleszens, Erwachsensein – es liest wie eine schöne Schablone. Ich behaupte jedoch, dass Kindheiten unterschiedlich lang sind. Verschieden lange währen. Ein einziger Blick auf die Kindheiten dieser Welt bekräftigen meinen Widerspruch. Kinder unter zehn Jahren, die in Kleiderfabriken für die Billigtextilien der westlichen Welt schuften müssen gehören zu unserem Weltwissen. Sie sind nur ein trauriges Beispiel für das jähe Ende der Kindheit. Bedenkliche Exempel finden sich am anderen Ende der Extreme. Kindheiten, die nicht enden sollen oder wollen. Kind bleiben sollen oder wollen lebenslänglich. Kinder in Abhängigkeiten halten. Oder sich nicht entwickeln wollen; der Bequemlichkeiten halber.

 

Kürzlich hatte ich in einer Einrichtung zu tun, die Menschen mit Beeinträchtigungen Hilfestellungen im alltäglichen Umgang leistet. Auf dem Hof stand eine Mutter und redete auf ihre Tochter im Rollstuhl ein. Sie warteten darauf, dass eine Mitarbeiterin die Tochter in Empfang nehmen würde.
„Dass Du auch ja artig bist!“ Fünf- bis zehnmal innerhalb weniger Minuten trichterte sie ihrer Tochter diesen Befehl ein.
„Denk´ dran, dass Du artig bist!“
Mich berührte diese Aufforderung unangenehm, da sie in dieser Situation völlig unangemessen war.

Ich hatte kaum den Hof der Einrichtung verlassen als mir jäh einfiel, dass ich als Zweijähriger in unserem Haus gegen einen Türpfosten gelaufen bin. Eine Augenbraue platzte an der Kante der Zarge auf. Ich weinte und soll mehrfach ausgerufen haben: Robert artig sein. Vanillepudding. Robert artig sein. Vanillepudding.
Vanillepudding soll mein erstes fehlerfrei ausgesprochenes mehrsilbiges Wort gewesen sein. Ich habe angeblich sehr spät gesprochen, dann jedoch in kindhaften, aber immerhin Sätzen. Der „Vanillepudding“ sorgte jahrelang bei Familienfesten für Heiterkeit. Nicht hingegen wurde über den Sinn oder gar das Warum des Wortes „artig“ aus meinem Mund auch nur nachgedacht. Kindermund tut Wahrheit kund.
Ich werde von alten Leuten noch heute als fröhliches Kind beschrieben.

„Kinder, Kinder“ gilt als lustiger Ausruf.

An diesen Unfall habe ich ebenso wenig eine konkrete Erinnerung wie daran, dass ich ebenfalls im Alter von zwei Jahren vor Frauen schreiend davon gelaufen sei. Ich habe Photographien, die das Gegenteil zeigen. Die Narbe an der Augenbraue trage ich bis heute mit mir.
Die weniger sichtbaren Wunden sind im Lauf vieler Jahre nach und nach vernarbt. Ich bin frei von Phantomschmerzen.

 

„Auf ein Gemüt von Adel wirkt schon ein kleiner Tadel,
vergebens durchgebläut wird stumpfe Niedrigkeit.“  (anonym)

 

Wie die meisten ihrer Zeitgenossen, wurden auch meine Eltern nach den „Ratgebern“ von Johanna Haarer erzogen. Durch die fortschreitende Industrialisierung und die daraus resultierenden sozialen Folgen war die Welt komplexer geworden. Erziehungsratgeber erfüllten das Bedürfnis vieler junger Mütter nach Aufklärung. Johanna Haarers Bücher erlebten viele Auflagen. In den 1930er Jahren passten ihre pädagogischen Empfehlungen ins Konzept der braunen Machthaber. Immerhin noch bis in die 1960er Jahre wurden ihre Bücher verlegt. Nach 1945 wenigstens von völkischen Sichtweisen bereinigt. Methodisch und didaktisch lässt sich die von Haarer empfohlene Form der Pädagogik auf einfache Schlagworte reduzieren. Erzogen werden sollten Kinder und Jugendliche durch Gefühlskälte und unnachgiebige Strenge der Eltern zu Disziplin und Unterordnung der Kinder und Jugendlichen. Haarers ursprüngliches Ziel als überzeugte Nationalsozialistin war dabei, Buben und Mädchen für die HJ und den BDM abzurichten.

 

Meine Erinnerung setzt mit einem Erlebnis ein, das für mich nicht nur das Ende meiner Kindheit markiert. Ich war drei Jahre alt. In unserem Haushalt lebte außer meinen Eltern auch meine Urgroßmutter. Im Zusammenhang mit dieser Urgroßmutter haben sich mir zwei Begriffe fest eingeprägt. Märchen und Verrat.
Als kleines Kind saß ich häufig bei ihr in der Küche. Sie verrichtete ihre Arbeiten und erzählte mir dabei Märchen. Grimms Kindermärchen, auswendig und wortgetreu. Viele Jahre später habe ich selbst professionell mit Märchen gearbeitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass die Auswahl der Märchen, die mir meine Urgroßmutter erzählt hatte, geradezu heilsam gewirkt haben gegen die Erziehung, der ich ausgeliefert war. Verraten hat mich meine Urgroßmutter meiner Erinnerung zweimal.
Beim zweiten Mal hatte sie uns im Hühnerstall erwischt. Zwei Mädchen, Schwestern aus der Nachbarschaft, und ich. Mit heruntergelassenen Beinkleidern. Kichernd ob der sichtbaren Unterschiede. Wir waren etwa sechs Jahre alt. An die Reaktion meiner Eltern auf den Verrat hin habe ich keine Erinnerung. Ihr erster Verrat beendete meine Kindheit endgültig.

 

Ich war mit meiner Urgroßmutter im Kolonialwarenladen meiner Tante Käthe. Tante Käthe hatte keine Kinder. Sie war mit Mitte dreißig bereits verwitwet und betrieb im Anwesen der Familie ihren Kolonialwarenladen. Eigentlich war das eine Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss der linken Haushälfte. Das große Wohnzimmer wurde zu dem Ladenlokal umfunktioniert. Tante Käthe war dermaßen kurzsichtig, dass man hinter ihren dicken Brillengläsern ihre Augen als schmale waagrechte Striche wahrnahm.
Ich stand im Laden während sich die beiden Frauen unterhielten. Ich ging hinter die Theke und griff in eines der Gläser der dort befindlichen Bonbonniere. Zwei Pfefferminze nahm ich und steckte sie in den Mund. Weder die Urgroßmutter schien etwas zu bemerkt zu haben und auch Tante Käthe nichts gesagt.
Als wir nach Hause kamen, sagte meine Urgroßmutter nur lapidar: „Der hat gestohlen.“ Ich merkte, dass etwas nicht stimmte, verstand aber nichts. Vor allem, dass ich offensichtlich etwas falsch gemacht haben musste. Was gestohlen bedeutete, wusste ich nicht.
Was darauf folgte, erinnere ich nicht mehr. Die nächste Szene spielte in unserem Wohnzimmer. Mein Vater saß auf einem Stuhl legte mich über seine Knie. Es pfiff kurz und dann folgte der erste von vielen Schlägen. Stöcke aus Rattan pfeifen besonders gut. Vor allem aber hinterlassen sie auf der nackten Haut Doppelstriemen. Aus diesem Grund werden sie noch heute gerne von Folteren für leibpeinliche Strafen benutzt.

Wie hoch sich die Striemen auf meinem Rücken hinzogen weiß ich nicht. Kinderärmchen sind zu kurz, um den ganzen Rücken zu erfassen. Aber nach unten bis die Kniekehlen konnte ich sie fühlen. Das Laufen fiel mir schwer. Mein Lebensweg als kleiner Erwachsener hatte spätestens an diesem Tag mit diesem Erlebnis seinen Anfang genommen.

 

Von nun an „hatte ich Gewohnheiten“,
ob ich
oft im Schneidersitz saß,
aus dem Stand lief – ich weiß es nicht mehr.
Aber ich hatte einen Wirbel im Haar
und machte noch kein Gesicht beim Fotografieren.

 

Fast alle kleinen Kinder sind von Adel. Ihre Unbedarftheit, ihre Offenheit und vorbehaltloses Vertrauen – das alles adelt sie. Gesunde Kinder sind selten stumpft. Sie werden allenfalls abgestumpft. Durch die Menschen in ihrer Umgebung.
Lange bevor größeren Kindern durch die natürliche Entwicklung bewusst wird, dass sie autonome Einzelwesen sind, war ich für mich allein auf der Welt.

 

Alles war mir beseelt,
aber alle Seelen waren für sich und getrennt.

 

Wie ich die nächsten drei Jahre bis zu meiner Einschulung erlebte, das weiß ich nicht mehr. Mir aus diesen drei Jahren ein verbogenes Kind vorzustellen, dem man den Willen bricht und vielfach „gegerbt an Arsch und Rücken“, erniedrigt und gedemütigt – es wäre Einbildung und falsche Anschuldigung.
Zu massiv überlagern die Erinnerungen an meine Schulzeit diese Zeit. Gewiss erinnere ich den Umzug in ein anderes Haus; einige Szenen an Urlaube in Italien und die Fahrten dorthin. Dies sind jedoch Schlaglichter, denen es an farbiger Klarheit fehlt. Dennoch werde ich davon erzählen, denn Menschen werden auftauchen in meinem Leben, denen ich viel zu verdanken habe. Menschen, die mich durch ihre Verhalten und ihre Handreichungen in meinem Menschsein gerettet haben. Die in dem sonderbaren Kind und später schrägen Jugendlichen keine „stumpfe Niedrigkeit“ sondern die Möglichkeiten eines fruchtbaren Bodens gesehen haben.

 

 

 

 

 

 

 

34 Gedanken zu “Ganz normale Kindheit

  1. Ich bin von 51 und empfinde die Nachkriegszeit bis ca. ’75, also meine Kindheit und Jugend als von Dumpfköppen und/oder Gewalttraumatisierten bestimmte Zeit… mit einigern Ausnahmen, Lehrern! Deine Großmutter stelle ich mir eigentlich als liebe, sorgende alte Frau vor, wegen der Märchen. Aber genauso dumpfbackig, wegen des Verrats. War haben die Alten alles so an ihren Kindern verbrochen?

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    1. Da wir in etwa gleichaltrig sind, haben wir die „Dumpfköppen und/oder Gewalttraumatisierten“ in guter Erinnerung. Von meinen Lehrern habe ich an anderer Stelle bereits geschrieben.

      Was mir seit einigen zunehmend auffällt: Etliche alte Menschen aus der Umgebung meiner Eltern verfallen Tabletten oder dem Alkohol. Vormals tüchtige Leute, erfolgreich im Beruf. Sie verlottern geradezu…

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      1. Ja, da komme ich doch mal gleich zu meiner Mutter, die vor 6Jahren starb: die hatte eine Tante als Apothekerin in Emmerich a/Rhein, die meiner Mutter seit den 60gern Pillen mit der Post schickte, so nach dem Motto: „nehmen wir doch mal heute die grüne, oder doch besser mal zur Abwechslung die blaue und danach vielleicht noch die rote, aber davon nur ’ne halbe, wegen der Verträglichkeit…“ Alzheimer ließ dann irgendwann schön grüßen. Marihuana war in deren Generation verpönt, das ganze Chemiezeugs aber große Mode und völlig en vogue.

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        1. Die Tabakindustrie hatte in 1940er/50er Jahren damit geworben, dass Zigarettenrauchen der Gesundheit zuträglich sei. Für Frauen zusätzlich damit, dass es für eine zarte Haut sorge.
          Nicht zu vergessen, die Unmengen Alkohol. Ohne Stoff ging garnichts. Ich staune immer wieder übers Rauchen und Trinken in alten Filmen.
          Aber uns ein kleinfeines Ofebröhrchen verbieten wollen 😉

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  2. Autobiographisches, Erinnertes und Erfundenes fliessen ununterscheidbar ineinander, wenn ein älterer Mensch über die eigene Kindheit spricht. Ich habe zwar in meiner Kindheit auch Bitteres erlebt, aber ich kann mich auch an die schönen Momente in der Natur oder mit Menschen erinnern. Die Auseinandersetzungen mit den Eltern hat mich in der Jugend zu den Methoden und Formen von Protest und Widerstand gebracht, die Ende der 60er Jahre entwickelt worden sind.

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    1. „Autobiographisches, Erinnertes und Erfundenes fliessen ununterscheidbar ineinander, wenn ein älterer Mensch über die eigene Kindheit spricht.“
      Diesem Satz kann ich so nicht zustimmen. Man hat als älterer Mensch ja die Möglichkeit nur über das sprechen oder schreiben, worin man sicher ist. Alles Unsichere spricht man nicht aus. Oder wenn doch, so kennzeichnet man es als Vermutung.

      An schöne oder auch lustige Situationen in meiner Kindheit kann ich mich auch noch gut erinnern. Dies schon deshalb, weil es vergleichsweise wenige Momente gab. Die wirkten deshalb umso tiefer.

      Die Protestformen in der meiner Jugend orientierten sich zeitgemäß an den älteren Menschen, vor allem an den studentischen Formen Ende der 60er Jahre.

      Über all dies werde ich noch berichten. Am Ende werden sich Schönes und Unschönes in etwa die Waage halten. Es wird jedenfalls gut ausgehen. So viel sei an dieser Stelle verraten.

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      1. Mir gefallen Deine Lebensnovellen. Und ich rechne die Texte eindeutig einer autobiographisch orientierten Schreibweise zu, kann aber
        als Leser nur vermuten, was darin Erfahrung ist, und was sich in Erfindung umsetzt, das verhindert auch die Ich-Form nicht.

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        1. Dein „aber“ kann ich nachvollziehen. Du müsstest ich sein, wenn Du Erfahrung und Erfindung auseinanderhalten wolltest. Und dass ich nichts „erfinde“ kannst Du mir glauben oder daran zweifeln. Hauptsache, Du verzweifelst dabei nicht 😉

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  3. Interessant der Titel „Ganz normale Kindheit“. Sicherlich immer auch der jeweiligen Zeit geschuldet. Ich bin nun etwas jünger, wie mir scheint, aber deren negative Erfahrungen habe ich auch zuhauf, bemühe mich jedoch, die positiven überwiegen zu lassen. Denn, das sollte man nicht vergessen, das Verrätertum fand auch im Freundeskreis statt, nicht nur in der Familie. Am Ende machen sie aus uns was wir sind, und man kann manches Mal kaum mehr aus seiner Haut raus, manches bleibt einfach haften, wenn auch sehr subtil. Bei mir das dauernde Bemühen, ’nicht aufzufallen‘ (es könnte ja negativ belegt sein) und der Verzicht auf das Kundtun der eigenen Meinung, wobei die beiden Themen dicht beieinander liegen. Aus Gründen und per Zufall bin ich durch eine harte Schule gegangen, um diese Dinge teilweise abzulegen. Manchmal muss man dem inneren Drängen eben Raum geben, der Rest kommt von selbst, auch wenn es nachhaltige Einschnitte sind. Und manchmal hilft auch der Zufall dabei, da können negative Ereignisse schlagartig positive Folgen auslösen – mit denen nicht jede/r umgehen kann. Die Folgen wiederum davon auf mein Umfeld würden Papierseiten füllen. Wenn mich meine Kollegen, meine Bekannten, meine Ur- und Jetztfamile beschreiben müssten, gäbe das vier Welten, die anscheinend wenig miteinander zu tun haben, was wiederum nicht an den Welten liegt, sondern am mangelnden Interesse einzelner Gruppen. Sehr chamäleonesk, aber mitunter von Vorteil. Interessant übrigens, wie Sie es schaffen, persönliche Aspekte der Leser/innen offen zu legen.
    In der Nachschau muss man dann eben vorsichtig sein, denn 30 Jahre später startet die Wiederholung mit Protagonisten in anderen Rollen. Vielleicht muss man sich nur die Frage stellen: ‚durfte ich Kind sein?‘
    Eine positive Antwort ist dann dochmal was.
    Viele Grüße von unterm klaren Himmel.

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    1. Ich danke Dir für Deinen fantastischen Kommentar und Deine Offenheit darin.
      Natürlich verläuft jede Kindheit in einem jeweiligen zeitlichen Kontext.
      Am Ende dient es der eigenen seelischen Gesundheit, sich mehr an den positiv fördernden Einflüssen zu orientieren. Andernfalls ist der Preis ein mehr oder weniger deutlicher körperlicher Zerfall. Insofern werden meine folgenden „Lebensnovellen“ noch einige unschöne Szenen behalten – nicht nur andere haben sich mir gegenüber übel verhalten, auch ich war kein Unschuldslamm. Von nichts kommt nichts, oder wie man so sagt: input / output.

      Ich will und werde nicht den Eindruck erwecken, dass die Familie einengend und das Umfeld fördernd gewesen sei. So einfach ist die Welt nicht. Es wird also noch einiges zu erzählen geben.

      Und jetzt in dieser meiner Lebensphase bin ich tagtäglich glücklich. Alles glatt gelaufen könnte man meinen. Und dennoch, Du schriebst treffend: „man kann manches Mal kaum mehr aus seiner Haut raus, manches bleibt einfach haften“.

      Schöne Grüße von mir zu Dir,
      Robert

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  4. Ein toller Text. Leidvolle Erfahrungen. Und – bei mir war das Ganz anders. Und man kann den Unterschied nichteinmal auf „das System“ schieben.
    Um jetzt nicht all zu dramatisch zu werden:
    Diese Vanillepudding-Episode! Könnte es sein, dass die Bedeutung war: „Ich war doch artig, Vanillepudding als Trost her – für’s aua!“?

    Mein Kleinkindsprachphänomen war „Kalüscha-Kalüscha!“ bzw. „Nis Kalüscha!“ Was meint er nur?

    Meine Großeltern hatten sich einige vornehme deutschböhmische Redensarten gerettet:
    Ein Chef ist ein Cheeeef und China ist Kina usw. Hausschuhe waren Tuch-Schuh und der Schlafanzug war ein Pyjama. Und letzteres hatte für mich irgendwie einen seltsamen Reiz: Es klang irgendwie witzig-blöde, denn niemand sonst sprach so.
    Ich wollte einfach meine Großeltern veräppeln bzw. schulmeistern, dass das „nis kalüscha“ heißt, sondern Schlafanzug. Und zu Hause bei Mutti wollte ich mich vergewissern, ob ich recht hab: „Nis Kalüscha?“ Und sie – ahnungslos – bestätigte prompt (keine Ahnung was das Kind hat) „nein nis Kalüscha- jetz‘ Schlafanzug an und ab ins Bett!“

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    1. Leidvolle Erfahrungen im Leben eines Kindes gehören einfach dazu. Nur aus diessen Erfahrungen lernen wir uns zu entwickeln. Ich glaube, dass negative Erfahrungen durch Menschen direkt erworben werden; durch Herrschaftssysteme allenfalls mittelbar, als Folge sozusagen.

      Eine nette Anekdote: „Kalüscha-Kalüscha!“ Wahrscheinlich haben viele Kinder beim Spracherwerb ähnliche Erlebnisse. Phantasie und Realität sind immerhin noch nicht streng trennbar. (Manchen Leuten gelingts ja lebenslang kaum)

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      1. Nur sollten die leidvollen Erfahrungen eben lieber von außen kommen und nicht inmitten der Familie erzeugt werden, sodass der Rückzugsraum Familie heil bleibt. Das war bei mir gottseidank so.

        Mir ist aber mittlerweile aufgegangen, wie sehr ich die Kriegs-und Vertreibungstraumata meiner Sippe vererbt bekommen habe, nicht nur im Wortschatz, sondern auch im Nachempfinden und diffuse Ängste aushalten, obwohl ich gar nicht wusste, woher die kamen – auch die automatische Sucht nach „antikem“ Trödel, das Bodenkammer-Gen, schiebe ich heute auf den unbewussten Drang, wieder da anknüpfen zu wollen, wo meine Eltern schonmal waren – mit genau dem alten Spielzeug zu spielen, das „jetz‘ die Tschechn hamm…“, in Möbeln zu wohnen, die ich aus Großmutters Fotoalbum kannte…

        Lange Vorrede: ich wollte die beiden Bücher empfehlen: Kriegskinder und Kriegsenkel von Sabine Bode. Die steckten mir Lampen auf.

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        1. „Nur sollten die leidvollen Erfahrungen eben lieber von außen kommen …“ obwohl es für die eigene Entwicklung, kühl betrachtet, eigentlich gleichgültig ist, wer die Hindernisse zur Entwicklung aufstellt, kann ich dem natürlich zustimmen, dass die eigene Familie als „Nest“ der für ein Kind leichter zu erkennende Schutzraum ist, als einer irgendwo außerhalb.

          Insofern hast Du da mehr „Glück“ gehabt. Hätte ich mir auch so gewünscht. Ich habe ja Kinder und deren Familien erleben können, wo das zumindest so aussah, als ginge es dort anders zu als bei mir. Heute bin ich dennoch eher vorsichtig mit einer Bewertung, denn inzwischen habe ich auch etliche Folgeentwicklungen miterleben können. Und weil ich mit meinem Leben heutzutage sehr zufrieden bin…

          Was Deine Sammelleidenschaften betrifft und deren vermutete Urspünge, da tragen wir alle ein Erbe mit uns. Wichtig ist, dass man es erkennt und damit umgehen kann. Ich habe ebenfalls schon vieles gesammelt, behalten habe ich davon dauerhaft lediglich Erkenntnisse und Erfahrungen. Ansonsten habe ich mich – auch gelegentlich beruflich – mit der Generation meiner Eltern beschäftigt.
          Das Kapitel ist abegschlossen. Und dennoch leuchtet auch heute noch hier und da eine neue kleine Erkenntnis auf.

          Sabine Bode? Mal sehen…

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        1. Bei uns hieß es „Leckereinfach“ und befand sich ganz oben im Küchenschrank, so dass nur Mama oder Papa drankamen.
          Schokolade (falls vorhanden) gab es am Tag immer nur eine Reihe und die musste dann mit der kleinen Schwester geteilt werden.
          Ich erinnere mich an selbstgekochte Karamellbrocken, die in unserer alten Eisenpfanne hergestellt wurden.

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      1. Um den Sprüchen noch einen zuzufügen: Meine 95-jährige Anverwandte meinte zur Nachtschwester, die ihr einen Trunk zum besseren Schlafen geben wollte: Das könnense grad selber saufen! (Sie war immer artig und tat nur, was sich schickte.., früher.)

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  5. Nun überlege ich schon länger, an welche Art des Schreibens mich Ihr Text erinnert, doch ich denke, es sind mehrere Autoren…Letztendlich jedoch keiner, denn es ist unverwechselbar Ihr Text. Sehr klare Worte.
    Gruß aus dem naheliegenden Hinterland

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    1. Es sind meine Texte. Ob unverwechselbar mögen Leser für sich bestimmen.
      Klare Worte auf jeden Fall und sie werden klarer werden – in jede Richtung.

      Ich sende Ihnen schöne Grüße,
      Robert

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  6. mir fiel beim lesen dieses berührenden textes meine freundin ein, sie arbeitete bis voriges jahr in einem teuren altenheim. sie hatte eine zusatzausbildung zur traumatherapeutin gemacht, da sie die not vieler bewohner spürte, die von weit zurückliegenden erinnerungen gequält wurden. sie erzählte, je näher bei manchen der tod kam, desto unruhiger wurden sie, wollten immer mehr erzählen von damals, teilweise von ihrer kindheit in den zwanziger jahren.
    bewegend, wie sehr der zweijährige schon die verknüpfung: funktionieren= brav= belohnung in sich hatte.
    lieben gruß und danke zu dir.

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    1. Bei den Menschen, die in den 1920er Jahren geboren sind, sollte man ihre möglichen Kriegserlebnisse nicht vergessen.
      Es muss nicht immer die Erziehung gewesen sein, die zu traumatischen Folgen geführt hat. Das ganze Forschungsgebiet der Resilienz untersucht unter anderem ja auch, warum Menschen mit sehr ähnlichen negativen Erfahrungen in der Kindheit gänzlich unterschiedliche Strategien für ihren Lebensweg daraus ziehen. Manche stürzen ab, andere erleben wahre Höhenflüge.
      Bei mir ists, nach meiner derzeitigen Selbsteinschätzung, jedenfalls gut gegangen.
      Ich sende schöne Grüße am Abend.

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    1. Hier ist alles im Lot. Ruhige Winde. Das Schiff hat genug Wasser unterm Kiel.

      Allein mein ursprüngliches Konzept der Lebensnovellen haut nicht mehr hin. Ich laboriere seit Wochen an einem Text. Nix als Bruchstücke derzeit…

      Gesund und munter – ja ja 😉

      Ganz herzlichen Dank für Deine Nachfrage. Ich hoffe, bei Dir läuft ebenfalls alles nach Plan.

      Herzliche Grüsse,
      Robert

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  7. Ja, dann: Ahoi! Möglicherweise lösen Deine „Schreibblokade“ die Ausichten auf Minderung der Corona Fesselungen und jahreszeitlich entsprechende Temperaturen… Bei mir ist alles gut, meine Frau ist jetzt auch Rentnerin, was die totale „Zweisamkeit“ bedeutet. Nach anfängichen Schwierigkeiten, spielt sich alles reibungslos ein…
    Bleib gesund und munter!
    RYP

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  8. Das Zitat „… kleiner Tadel … vergebens durchgebleut“ ist eine Verballhornung eines großen Dichters, der wegen seiner altertümlichen Sprache kaum mehr gelesen wird, nämlich vom Vogelweiden – Walther. „… wen man zu Ehren bringen mag/dem ist ein Wort als ein Slac.“
    Das mit der Kindheit – dass, wie auch Handke gemerkt hat, Kindheit jener Zustand ist, in dem man nicht weiß, dass man nämlich in diesem ist, ein Kind also ist, stimmt gewiß. Uns fehlt der Begriff für die auch geistig rege Übergangsphase, das Erwachen des kritischen Denkens und des Selbstbewußtseins (beides wird in professionellen Einrichtungen angeblich gefördert, oftmals mehr unterdrückt), das den jahrelangen Übergang bis zur Jugendzeit, bis zur Pubertät abdeckt. Dass danach nur noch Wirrnis (Religiöse meinen: und Sünde) folgt, wissen wir und was als sogeannnte Erwachsene dann dieser Verpuppung entschlüpft – lasset uns Schweigen. S ist kein Schmetterling.

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    1. Herzlich Willkommen und schönen Dank für den HInweis auf Walter von der Vogelweide.

      Was die Pädagogik und ihr eigentliches Anliegen (in vielen europäischen Ländern) ist, dafür empfehle ich gerne:
      Rudi Palla (Hrsg.): Die Kunst Kinder zu kneten. Ein Rezeptbuch der Pädagogik. Eichborn, 1997.

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