Der Karl und seine Karla

Seinen Werdegang habe ich sinnbildlich verstanden an der grandiosen Serie „Heimat“ von Edgar Reitz. Onkel Karl stammte aus Niederkumbd. Das Dorf liegt im tiefsten Hunsrück. Karl war ein aufgeweckter Knabe. Also ist beschlossen worden, dass der Bub was lernen durfte und sollte. Nach der vierten Klasse stand für den zehnjährigen Karl ein Ortswechsel an. Die weiterführende Schule war die höhere Schule in Simmern. Von Niederkumbd bis nach Simmern ins Gymnasium sind es fünf Kilometer. Karl lief die Strecke zu Fuß. Morgens hin und nach Schulschluss wieder zurück. In der Untertertia wurde Karl konfirmiert. Für das Geschenk legten die Verwandten zusammen. Karl bekam ein Fahrrad. Die verbleibenden fünf Schuljahre fuhr Karl mit seinem Rad zur Schule.

In der Oberprima saß Karl über den Büchern. Er hatte ein Ziel. Sein Fahrrad sah auch nach fünf Jahren noch immer so aus wie vor kurzem erst gekauft. Er liebte sein Fahrrad schraubend und pflegte es entsprechend. Ähnlich nah waren ihm lediglich seine Metallbaukästen. Inzwischen brauchte er keine Bauanleitungen mehr. Er interessierte sich für alles Mechanische. Er konstruierte seit der zehnten Klasse seine eigenen Maschinen. Und er hatte einen Traum. Sein Ziel war es, Ingenieur zu werden.


Für einen Dorfbuben, der es auf eine höhere Schule in der nahen Kleinstadt gebracht und dort einen erfolgreich bestanden hatte, war die nächste Lebensstation die Stadt. Und die hieß in Karls Fall Bingen. Dort gab es eine Ingenieursschule. Das heißt, als Karl dort studierte, hieß dieses Institut noch Rheinisches Technikum. Aber jedermann kannte und nannte es die Ingenieursschule. So hieß sie tatsächlich nach ihrer Umbenennung im Jahr 1937. Mein Patenonkel „machte“ an der Binger Ingenieursschule seinen Ingenieur.


Karl sollte später sein Schwiegervater werden. Zuvor jedoch hatte Karl seine Karla gefunden. Und eine Anstellung als Ingenieur angetreten. Und war Vater einer Tochter geworden. Meine spätere Patentante.
In den 1930er Jahren war man als Ingenieur noch angesehen im bürgerlichen Sinne. Man hatte es bereits zu etwas gebracht denn die Industrien hatten volle Auftragsbücher. Sie boomten, würde man heute wahrscheinlich sagen. Auch Karl hatte eine gute Stelle, aber die Decke des Großraumbüros war ihm ziemlich hoch. Karl wollte hoch hinaus. Und er steckte sich Ziele.


Als Kind fand ich es lustig, dass ein Mann und seine Frau fast gleich hießen. Karl und Karla. Die beiden wohnten vierhundert Kilometer von uns entfernt.
Onkel Karl und Tante Karla. Von Karla wurde bei uns in der Familie nicht gesprochen. Von Karl dagegen schon, allerdings eher belustigt. Wenn er zu uns, oder besser zu meinem Großvater kam, der zwei Straßen weiter in seinem Haus lebte, hieß es schon Tage vorher süffisant, dass der Karl wieder auf der Tank- und Rastanlage Rimberg seine Hühnerbrühe verzehren müsse. Eine Hühnerbrühe auf der Herfahrt und eine auf der Rückfahrt. Er konnte angeblich auch nicht richtig deutsch sprechen. Seine laute und herrische Stimme ist eine der wenigen Stimmen, die mein inneres Ohr auch heute noch zu hören vermag.

 

Anfangs wohnten meine Paten in einem Wohnblock. Dort wohnten ausschliesslich Mitarbeiter, die in gehobenen Positionen im Werk arbeiteten. Ich durfte dort meine Oster- oder Herbstferien verbringen. Goldene Kindertage. Meine Paten waren kinderlos und ich war für sie vielleicht so etwas wie eine schöne Ahnung oder ein frommer Wunsch.
Die folgenden Osterferien verbrachte ich wieder bei meinen Paten. Die waren inzwischen umgezogen. Sie wohnten in einem Reihenendhaus, in dem vier Familien wohnten.  In der Wohnung links unten wohnten meine Paten und rechts oben der Karl und seine Karla.
Gegenüber auf der anderen Straßenseite erhoben sich Wohnblocks. Dazwischen befanden sich, quasi als Trennung verscheidener Welten Parkplätze. Die Parkplätze der Wohnblocks waren fast immer leer. Die Reihe der Parkplätze vor dem Ensemble der Reihenhäuser waren ab 17:30 Uhr belegt.

 

In diesem Haus lernte ich, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind. Durch die Reden von Onkel Karl und Tante Karla. Tante Karla kenne ich eigentlich nur als Kaffeekränzchendämchen. Schlechte Zähne hatte sie. Sie war mir unangenehm. Wenn ich das Pech hatte, dass meine Patentante nachmittags einen Termin hatte, musste ich in Tante Karlas Wohnzimmer spielen. Spielen konnte man das eigentlich nicht nennen. Ich musste einige Stunden gut aufpassen, dass ich nicht beschmutzte oder beschädigte. Dabei hörte ich, was die Kaffeetanten zu erzählen hatten. Auf einen kurzen Nenner gebracht, ging es um wichtige Mitarbeiter (die eigenen Männer) im Werk und aufbegehrende Arbeiter, die es zu nichts gebracht hätten in ihrem Leben. Dazwischen, die Szenenwechsel quasi, füllten Klagen über untaugliche Friseure oder Lobesworte über fähige Ärzte. Ich habe höchstens vier oder fünf solcher Nachmittage erlebt. Dennoch haben diese Redereien meine eigenen Wertmaßstäbe bis heute beeinflusst.
Aber auch der Onkel Karl hat seinen Anteil beigesteuert. Unangenehm ist mir neben seiner schnarzigen Stimme seine Überheblichkeit in Erinnerung. Einmal, als ich bei meinen Paten angekommen war, baten diese mich, oben bei Onkel Karl und Tante Karla mal eben Guten Tag zu sagen. Ich sprang sogleich hoch und klingelte. Onkel Karl öffnete und sah mich von oben bis unten an. Es muss in den Herbstferien gewesen sein, denn ich hatte meine ungeliebte Mütze auf. Ein scheußliches Mittelding zwischen Mütze und Hut mit Ohrenwärmklappen außen dran.

„Wie siechst Du denn aus, wie e lausicher Baurebub mit Deiner Baurekapp!“
„Ich sollte nur Guten Tag sagen.“
„Kumm wieder, wenn Du ordentlich aussiehst. Vorher brauchste net wiederkumme.“ Alles in breiter Hunsrücker Mundart.


Ein Jahr später kam meine Cousine zur Welt. Meine Rolle als Kind bei meinen Paten war zu Ende gekommen. Karl und seine Karla waren für mich kein Thema mehr.
Irgendwann, Jahre später, erzählte mir meine Mutter, Karla sei gestorben. Von uns nahm niemand an der Beerdigung teil. Bei Karl habe ich es garnicht mehr mitbekommen.


Nach der Beerdigung meines Patenonkels kam beim Leichenschmaus das Gespräch auf den Karl. Und ich fragte, wie kamen der Karl und meine Paten denn überhaupt hierher in diese Stadt und in dieses Werk.
Der Karl war doch ein ganz Zackiger. Da half die richtige Uniform in jenen Zeiten. Karls Ehre hieß Treue und er trug bei Gelegenheit eine schwarze Uniform. Er war bei der SS. Der konnte nach dem Krieg bei seinem Unternehmen nicht wieder arbeiten. Schwarze Uniformen waren aus der Mode. Und Karl hatte es in den zwölf Jahren nicht weit genug nach oben geschafft. Er fand aber rasch eine neue Arbeit hier im Werk. Inzwischen hatte auch mein Patenonkel sein Patent als Ingenieur erworben. Der wollte bei Borgward in Bremen einsteigen. Sein Schwiegervater Karl aber hatte es längst zwitschern hören. Borgward war nicht mehr zu retten und ging ein Jahr später in Konkurs. Rechtzeitig holte er meinen Patenonkel Robert ins Werk. In sein Werk. Der Begriff „das Werk“ begleitete meine Kindheit.

 

Karl hatte eine Schwester. Die war als junge Frau von Niederkumbd ins nahe Klosterkumbd verheiratet worden. Im vorgeschrittenen Alter hatte sie sich in einem Altersheim eingemietet. Meine Patentante rief mich an und fragte, ob ich bei dem Umzug ihrer Patentante helfen wolle. Es gebe auch Bücher und andere alte Sachen; ich dürfe mir sicherlich etwas Schönes aussuchen. Ich hatte eine Grippe, aber mit zweiundzwanzig ist man eigentlich unaufhaltbar. Ich fuhr in meinem flotten Golf nach Klosterkumbd.
Ich begrüßte die Patentante meiner Patentante zeimlich befangen. Es war zu der Zeit als die erste Kritik an Altersheimen aufkam. Und die alte Frau war unheimlich gut drauf. Ich half und schleppte Kisten und Kartons. Die Grippe schlug zu, ich bekam Fieber.
Ich sah die betagte Frau in ihrem neuen Zimmer stehen. Sie lächelte in einem fort und schien richtig fidel. Und sprach auch so. Eine letzte Wagenladung noch von der alten Wohnung ins neue Domizil. Ich durfte mir einen kleinen alten Bücherschrank mitnehmen. Er passte gerade so in den Golf mit offener Heckklappe. Ich fuhr nachhause und legte mich mit vierzig Grad Fieber ins Bett.


Eine Woche später rief mich meine Patentante an. Ihre Patentante sei von allen Verwandten unerwartet ganz überraschend verstorben. Beim Anblick des kleinen alten Bücherschranks sehe ich in das lächelnde Gesicht der greisen Frau.

 

 

 

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13 Gedanken zu “Der Karl und seine Karla

  1. Eine schöne Geschichte! Wie im fiktiven Schabbach, wo die Widersprüche und Konflikte des Modernisierungsprozesses veranschaulicht werden, und das unter Verzicht auf die übliche Sentimentalität der zur Schau gestellten Heimatgefühle.

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      1. Wer wie ich vom Land kommt, kennt diese Originale, wie sie in jenem fiktiven Hunsrückdorf anzutreffen sind. Der zweite Teil von „Heimat“, in dem das Hermännchen als Kompositionsschüler an der Musikhochschule studiert, fand ich dann aber ziemlich pathetisch und naiv.

        Gefällt 2 Personen

        1. Die zweite Staffel mag zwar ein gutes Zeitbild abgeben, aber meiner Meinung nach waren manche der vorgeführten Biographien zu langatmig dargestellt. So auch beim langwierigen Hinundher zwischen Hermann und Clarissa.
          Andererseits steckt sehr viel vom Leben des Regisseurs drin und München war nun mal der Anfang seiner Karriere.

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  2. diese geschichte macht mir wieder sehr deutlich, wie verwoben die familiengeschichte mit den politischen zeitläufen verwoben wird. und diese ferienbesuche bei der verwandtschaft waren zwar rar, aber meist die einzige chance, aus dem heimatort zu kommen. danke fürs erzählen.

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    1. Die Patentante ist in ihrer Demenz so hinübergegangen, mein Patenonkel starb eineinhalb Jahre drauf an einem Hirnschlag infoge eines gebrochenen Herzens. Die beiden waren die Sonne meiner Kindheit…

      Dieser Blog dient der Beschreibung solcher Eindrücke. Du bist herzlich zum Teilhaben eingeladen, lieber Zeilentiger

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  3. Vielen Dank auch für diese Lebensnovelle. Über einen Gedanken bin ich gestolpert:

    „Dazwischen, die Szenenwechsel quasi, füllten Klagen über untaugliche Friseure oder Lobesworte über fähige Ärzte. Ich habe höchstens vier oder fünf solcher Nachmittage erlebt. Dennoch haben diese Redereien meine eigenen Wertmaßstäbe bis heute beeinflusst.“

    Und deshalb meine Frage: Welche Wertmaßstäbe wurden denn durch diese „Redereien“ beeinflusst ?

    Liebe Grüße aus München.

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    1. Ich habe „in diesem Umfeld“ höchstens vier oder solcher Nachmittage erlebt. In meinem damaligen Leben jedoch viel mehr. Die Verwandtschaft war zahlreich und an Geburtstagen oder anderen Jubiläen liefen ähnliche Gespräche ab.
      Im Alter ab etwa zehn Jahren werden Kinder merkwürdig wach für „das Leben“. Welche Wahrheiten die Erwachsenen so verbreiten. Und Wahrnehmung, wenn sie völlig anders leben. Wenns also nicht zusammenpasst.

      Wertmaßstäbe, die heute noch gelten, wurden in meinem Fall verkürzt gesagt die Überzeugung der Gleichheit der Menschen (keine Unterschiede zwischen „oben und unten“); dass Erwachsene tagsüber arbeiten statt zu albern rumzureden.
      Diese beiden Beispiele mögen genügen.
      Anzumerken bleibt, dass ich heute als Erwachsener diese Wertmaßstäbe bewusst darstellen und erläutern kann. Als Kind hingegen, waren das eher Gefühle, denen die Durchdringung durch das Bewusstsein zum klaren Verständnis noch fehlten. Als großes Kind „dachte“ ich eher: wieso reden die Damen über manche Leute so schlecht? Oder: wieso sitzen die fast jeden Nachmittag rum und arbeiten nicht? Wieso braucht man in einer Dreizimmerwohnung eine Putzfrau dreimal in der Woche? – – –
      Ich hoffe, ich konnte zu mehr Klarheit beitragen.

      Liebe Abendgrüße,
      Robert

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  4. Hahaha, Hanns-Dieter Hüsch lebt und lässt schön grüßen:
    „Als großes Kind „dachte“ ich eher: wieso reden die Damen über manche Leute so schlecht? Oder: wieso sitzen die fast jeden Nachmittag rum und arbeiten nicht? Wieso braucht man in einer Dreizimmerwohnung eine Putzfrau dreimal in der Woche?“

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