Achtzehn, zwanzig, Horst…

Die elfte Klasse und die zwölfte Klasse. Dann war endgültig Schluss mit meinem Schülersein. Vorerst jedenfalls. Da halfen auch keine Vorabkopien. Woher der Hausmeister wusste, dass mein Vater semiprofessioneller Jäger gewesen ist; ich weiß es nicht. Für ein Kaninchen gabs eine Mathe- oder eine Englischarbeit als Vorausvervielfältigung. Englisch hätte ich nicht gebraucht, eher eine Information für die anstehende Französischarbeit. Oder Physik.
Der Hausmeister hiess Herbert, war um die fünfzig und er war kein sturer Kopf. Mit einem Schüler wegen einer Arbeit unnötige Diskussionen lostreten, damit einem notfalls ein Karnickel durch die Lappen geht. Da zierte er sich nicht lange.
Das erlegte Kleinvieh meines Vaters half ebenso wenig wie Herberts freigiebige Handhabung des Vervielfältigungsgerätes im stets abgeschlossenen Räumchen neben der Paukerwalhalla. Ich jedenfalls war reif für ein Lehrstück. Nur war mir das damals noch nicht klar. Mit siebzehn hat man mehr verwaschene Träume im Kopf als Vernunft für den entscheidenden Moment. Manche Schüler jedenfalls. Und ich stand auf  der Absprungrampe.

Ob mein definitiver Niedergang in der elften Klasse bereits ihren Anfang nahm, weiß ich nicht mehr. Herbert hatte einen speziellen Keller im Gymnasium. Herberts Bierkeller. Auserlesene Schüler bekamen leihweise den Schlüssel. Für eine bestimmte nur und nach langen Reden. Hinweise, Mahnungen und Warnungen. Wehe…
Irgendwann – jetzt erinnere ich mich; es war in der elften Klasse. Irgendwann also, wurde ich wohl für würdig befunden und durfte mit in den Keller. Wenn ich mich besinne, fällt mir kein Name der Beteiligten ein, dafür ein Gesicht. Und das wahrscheinlich nur dehalb, weil wir beiden im Schuljahr darauf vom Gümmi geflogen sind. Den letzten Brief meines damaligen Klassenlehrers bewahre ich noch immer auf.

Im Keller standen ein Tisch und einige einfache Stühle. Statt der erwarteten Bierkästentürme, standen zwei halbvolle Kästen an der Wand gegenüber dem Tisch. Legenden entschärfen sich, wenn man ihnen, so gut es eben möglich ist auf den Grund geht. Wir waren zu fünft. Es wurde gewürfelt. Um Kleingeld. Und zwischendurch wurde Isidor angerufen, um Beistand für wohlfallende Würfel. Jeder hatte ein Bierchen vor sich stehen. Das Geld dafür landete in einer Blechbüchse. Ehrensache. Und eingedenk der Warnung, falls nicht: dann!!!
Wem ich den Sprung von der elften in die zwölfte Klassse zu verdanken habe weiss ich nicht. Weder mein Engagement noch erjagtes Niederwild hätten dafür ausgereicht.

Gleich zu Beginn der zwölften Klasse wechselten wir von den Würfeln zu den Karten. Meist haben wir einen Bierlachs ausgespielt. Der Bierkonsum stieg dadurch, denn der Sieger einer Runde bekam jeweils eine Flasche Bier. In der Zeit zwischen acht Uhr und der sechsten Stunde konnten das gut fünf Flaschen sein. Indem ich das hier niederschreibe wundere ich mich nachträglich, wie der Biervorrat aufgefüllt worden ist. Es standen nunmehr so um die sechs bis acht Kästen im Keller. (Ob die Oberprimaner vielleicht?…).

Ich spielte mittlerweile ziemlich gut Skat, weil ich zusammen mit einem Freund und seinem Vater spielte. Wir trafen uns mehrmals in der Woche zu einem ganz normalen Skatspiel. Sowohl Vater als auch der Sohn hiessen beide Horst. Horst Hauser senior und Horst Hauser junior. Mit dem Junior verbrachte ich viel Freizeit. Der Alte arbeitete bei einer Behörde. Er hatte einen langen Titel, versah seinen Dienst allerdings auf einer unteren Ebene. Und erklärte uns oftmals, dass die Mitarbeiter mit den längsten Titeln am unwichtigsten seien und am wenigsten verdienten.

Der alte Horst hatte ein Holzbein. Holzbein ist eigentlich Unsinn, die Prothesen waren stabile Leichtmetallstangen mit entsprechend eingestellten Gelenken. Sein Bein hatte er in Russland verloren. Wenn ich die Alten reden hörte, stiegen mir als Kind surreale Bilder auf.
„Der Horst hat sein Bein in Russland verloren.“ (Wie macht man das, ein Bein zu verlieren? Das ist doch festgewachsen.)
„Die Irmgard ist bei dem Fliegerangriff umgekommen.“ (Wie kommt man um?)
„Der Willi ist ja schon im ersten Krieg in Frankreich geblieben.“ (Wieso wollte der denn nicht mehr heimkommen?)
Kinderfragen. Als man meiner Urgroßmutter zuerst die Fußzehe, anschließend den Fuß, dann den Unterschenkel und schließlich den Oberschenkel amputiert hat, wusste ich  noch nicht, was abgenommen in diesem Zusammenhang bedeutet.
„Jetzt haben sie im Krankenhaus Deiner Uroma das Bein abgenommen.“
„Wie hat man ihr denn das Bein abgenommen? Wie geht denn das?“
„Jetzt frag´ nicht so dumm. Das wirst Du später verstehen, wenn Du groß bist.“

 

Der Hauser Horst hat sein Bein in Russland verloren. Während unsrer abendlichen Skatrunden war das kein Thema. Da sind die üblichen Sprüche ausgerufen worden.
„Jetzt aber raus mit der wilden Katze.“
„Auf, lass´ die Hosen runter. Wir wollen die Wahrheit sehen.“

Manchmal mischten sich in die Parolen jedoch auch andere Töne ein. Hatte jemand von uns Jugendlichen einmal eine Flöte einer Farbe auf der Hand, dann rief Horst sen. aus: „Du lieber Gott, der hat ja Pik von hier bis Orel.“
Sein Sohn konterte dann regelmässig mit der Frage: „da wars ganz schön kalt dort in Russland, was?“
„Aber klar doch, da wars so verdammt eiskalt, da haben wir Bogen gepisst, die stehen heute noch.“

 

In jenem Sommer hat dann festgestanden, dass es nun nichts werden würde mit einem Studium. In der zwölften Klasse hatte ich meine Zukunft versenkt. Zumindest war das die Meinung meines familiären Umfelds. So ganz aufgegeben habe ich in meinem Leben allerdings selbst mich nicht.
Ich verbrachte die Nachmittage mit den beiden Horsts. Mit unseren Fahrrädern fuhren wir an eine der Kiesgruben in der Umgegend. Der Alte hatte zwei Besonderheiten an seinem Rad. Eine abgekröpfte rechte Kurbel. Dadurch konnte man mit einer Prothese radeln. Und dem Sattel fehlte die normale Form. Die Spitze fehlte. Wenn der Mann dann so richtig in Fahrt war konnte ihn keine Steigung aufhalten.
Dann dachte ich manchmal daran, dass dieser Mann jetzt weiterfahren könnte von hier bis Orel.

 

 

 

 

 

30 Gedanken zu “Achtzehn, zwanzig, Horst…

  1. Ja, ja, die Jugenderinnerungen, im Handumdrehen sind sie lebendig. Wir waren als Halbwüchsige oft im Hinterraum einer Kneipe und machten uns am Flipperkasten zu schaffen. In diesem Raum hatte es auch eine Musikbox. Wir rauchten Zigaretten und tranken Bier, ab und zu liess einer am Flipperkasten die glitzernde Kugel trocken gegen das Glas knallen.

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    1. Das gefällt mir. Wenn aus eigenen Erinnerungen bei anderen menschen Erinnerungen wach werden. Werden diese dann geteilt, wie in Deinem Fall, dann steigen auch bei mir gleich wieder andere Erinnerungen auf. Wieviel sauer erspartes Geld habe ich in den Maschinen von Bally oder Wiiliams versenkt. Immer auf der Jagd nach dem „Same player shoots again“ . . .

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        1. Ich danke Dir für Deine Offenheit. Musst ja nicht alles lesen.
          Ich kürze meine Beschreibungen erheblich, weil ich es meiner Leserschaft nicht unnötig schwer machen will.
          Andererseits habe ich mich von einigen Blogs verabschiedet, weil in Berichten letztendlich lediglich Oberflächlichkeiten verbreitet worden sind.

          Aber ich verstehe auch, dass man sich manchmal etwas überwinden muss. Ich höre mir in den von mir besuchten Musikblogs auch jedes präsentierte Musikstück an, oft auch eine ganze Platte. Wer weiss, was ich da entdecken könnte.

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  2. Der letzte Satz, werter Robert, der jagt mir Gänsehäute auf den Leib…

    Klasse Text, bildreich geschrieben. Skat haben wir auch gespielt. Auf einer Klassenfahrt habe ich die Jungs mal ordentlich abgezockt, ab da war mein Stand unverrückbar fest bei denen. Solche Texte lese ich ungemein gerne. Texte, die nicht nur anrühren, sondern eintauchen lassen und Erinnerungen wecken. Bitte schreiben Sie weiter! Unbedingt! Und das Bild ist auch wieder ein Kracher! Lebensnovellen, ja, genau solche teilen Sie hier.

    Danke dafür und herzliche Grüße,
    Ihre Käthe Knobloch

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      1. … in meiner Erinnerungsschublade ganz hinten finde ich dann noch die Männerrunde im heimischen Wohnzimmer. Vollgequalmt und mit Schnäpsken befeuert wurde da wahrhaftig der Skat gedroschen. Und ich als Vorschulkind mittenmang, staunend lauschend schauend…

        Und heute? Bin ich froh, noch einen vernünftigen Offiziersskat hinzubekommen! Tja, verrauchte Wohnzimmer sind ja auch rar geworden… ein Glück!

        Herzliche Grüße zum Sonntag an Sie und den Autoren dieses anregenden Beitrags,
        Ihre Käthe Knobloch

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        1. Wie wärs mit einem ordentlichen Offiziersskat? Den würde ich hinkriegen. Ich habe das Spiel von meinem Vater gelernt. Der ist in seinem Kopf immer Kind geblieben und wollte immer nur gewinnen. Ich war ein prima Gegenspieler für ihn. Im Gegensatz zu ihm habe ich dabei auf einer anderen Ebene die Erkenntnis gewonnen, welche Funktionen Spiele haben können. Bis hin zum „panem et circenses“.

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          1. Spielen als Teil des Mensch-Seins. Wohl dem, der Erkenntnisse daraus gewinnt. Eine davon: Nicht dem Spiele verfallen, besser da die kindliche Nuance behalten. Ein Kind langweilt sich schnell bei stupider Wiederholung im Leben. Es gilt, neue Wege zu begehen und zu beschreiben…

            Eben auf gezielte Nachfrage noch das Getränk zum Skat der Altvorderen leicht brrrrrend recherchiert: „Koks“.

            Gläschen voll Weinbrand, Stück Würfelzucker, drei Kaffeebohnen dazu und ab in den Durstschlund… bjäch!

            Grüße aus den Tiefen der Erinnerungsschubladen, Ihre Käthe Knobloch, einer Partie Offiziersskat dennoch nicht abgeneigt.

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  3. Der Zitat-Abschnitt, der beginnt mit „Der Horst hat sein Bein in Russland verloren.“ hat einen gelungenen Lacher bei mir hervorgerufen, weil ich heutzutage noch so scheinbar unbedarft wie ein Kind auf solche Aussagen reagiere und ich die tollsten Reaktionen dann erhalte., wie z.B.: „Du weist doch genau, was ich meine, willst du mich utzen?“ oder sowas… Das war übrigens Hans-Dieter Hüsch mit seinen Geschichten vom Niederrhein, der mir in dieser Hinsicht die Ohren öffnete. Vorsicht ist nur geboten, wenn ich meiner Frau mit solchen Kleinlichkeiten anfange auf den Wecker zu gehen… ; )

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    1. Den Worten oder Sätzen auf den Grund zu gehen, mag ich sehr. Da öffnen sich manches Mal Welten ungeahnter Kontexte und Bedeutungshorizonte.
      Das man anderen Menschen damit durchaus „auf den Wecker gehen kann“, habe ich auch schon erlebt.

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  4. „So ganz aufgegeben habe ich in meinem Leben allerdings selbst mich nicht.“ Ein wichtiger Satz, wie ich finde, inmitten der Erinnerungen. Nie sollten wir uns aufgeben.
    Vom Gümmi fliegen muss man auch erst mal schaffen 🙂

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  5. die geschichte gefällt mir, hatte keine chance zu solchen aktivitäten, bei uns waren mädchen ausgeschlossen. ein sprung ins volle leben, und die prophezeiungen sind nicht eingetreten, es gab eine zeit zur suche, ich finde sie wichtig.

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    1. In der beschriebenen Zeit lebten bei uns die Mädchen auch noch „in ihrer Welt“. Aber bereits ein, zwei Jahre später war alles anders. Die Mädchen waren mittendrin dabei.

      Die wichtige „Zeit der Suche“ hatte begonnen.

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  6. Na! Nu hab ich auch hergefunden.
    Schöne Story. Ja der Krieg im Alltags-Talk damals:
    „Pik bis Orell.“

    Vater fährt den Mosquitsch durch Tauwettermatsch und einen flachen Riesenpfützensee in Richtung abgelegene Schweinemastanlage.
    Wir rutschen ein bissel. Der Schlamm spritzt die Autotüren voll.
    Vater steigt aus und begrüßt den Bauern:
    „Dass is ja wie die Pripjet-Sümpfe hier!“
    „Musste nachts komm Duktor. Da hamwer och Russen.“
    (Die Muschiks der nahen Kaserne hungerten, kamen zum Schweinklau oder zum Handel Ferkel gegen Wodka.)

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  7. Ich bin auch vom Gümmi geflogen, nach der achten, man stelle sich vor…
    Da war ich aber schon so alt wie Du in der elften.
    Ich machte meinen Lieben das Leben mit einer gewissen Unangepasstheit schwer, die war und ist irreparabel… 😉

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