Wenn die Klingel zweimal klingelt

Ich habe den Handwerkern den Keller geöffnet. An der Elektrik soll etwas geändert werden. Die Kabel der von hier nach dort verlegten Leitungen werden überprüft. Mit Spannungsprüfern werden Lüsterklemmen untersucht. Fragen an mich. Ich kann sie nicht beantworten. Tuschelnd leise Selbstgespräche. Das Prüfgerät gleitet über Wände. Gibt akustische Hinweise auf Kabel unter Putz. Das entscheidende Kabel ist unauffindbar. Fragezeichen unter der Gewölbedecke.

Ich kann auch nicht weiterhelfen. Elektrizitätslehre hatte ich letztmals vor Jahrzehnten im Physikunterricht? Ich kenne lediglich noch die Grundregel des Elektrikers. Rot ist schwarz und plus ist minus.

„Hier in dieser Lampe ist die Birne kaputt. Die können Sie auswechseln.“
Das kann ich in der Tat. Ich hole eine Ersatzbirne und schraube sie ein. Die Dunkelheit bleibt. Ich wusste garnicht, dass an dieser Stelle eine Lampe an der Wand ist. Weiter vorn ist das Licht. Und das funktioniert seit Jahren. Während ich noch die alte Wandlampe mit dem Schutzgitter über der Glasglocke bestaune, steht er neben schräg neben mir.

Edi Klingelmeister. Starkstromelektriker. Der Mann und sein Name begleiten mich seit Jahrzehnten. Hochbetagt ist er vor drei Jahren gestorben. Ich weiss zwar, dass er Edwin hiess, aber alle Welt nannte ihn nur Edi. Edi arbeitete im Dreischichtbetrieb in einem grösseren Unternehmen.

Seinen Ruf als „Spezialist“ erwarb er sich allerdings nebenberuflich. Er hat wohl manchen Neubau verkabelt. Preisgünstig. Es ist manches gemunkelt worden. Mir erzählte er viel später, dass er einen kennt, der vom E-Werk aus die Installationen prüft und abnimmt. Beim Bohren und Strippenziehen, beim Abisolieren, Verdrahten und Löten gab er mir Weisheiten mit auf den Weg, die mich vorerst mehr verstörten und meine Phantasie entsprechend anregten. Einen wirklichen Nutzen zog ich erst viel später daraus.

Der Edi, das fällt mir jetzt auf, hat sich erst in seinen letzten Jahren etwas verändert. Er war dünner geworden. Für mich wird er immer das kleine kompakte Kraftpaket mit dem silbernen Bürstenhaarschnitt bleiben. Leichter Bauchansatz, fleischige Hände und das graue Feinrippunterhemd.

Ich lernte Edi kennen, als er in dem alten Haus, das meine Eltern beziehen wollten, für die elektrische Installation angeheuert worden ist. Und zum ersten lernte ich eines seiner Stückchen kennen, das ich später noch oft miterlebt hatte. Er stand auf der Leiter und aus der Wand ragten verschiedene bunte Kabel. Edi hatte sein Messgerät vergessen.
„Ich kanns ja holen.“
„Nicht nötig. Ich hab´ hier eins. Das hab´ ich immer dabei.“
Er formte aus Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Gabel.
„Das ist doch kein Messgerät.“
„Doch doch, schau mal hier.“
Er hat seine beiden Finger auf die Breite von zwei abisolierten Kabelenden angepasst. Und drückte sie von vorn auf die blanken Kupferdrähte.
„Aah, hier ist die Phase.“
„Das ist doch Strom. Tut das nicht weh?“ Ich war schon mal an die Drähte des Elektrozauns einer Viehweide gekommen und wusste wie das bizzelte.
„Nein, das tut nicht weh. Du musst das nur richtig üben. Ich messe 110, 220 und 380 Volt auf diese Weise. Aber nicht jeden Tag. Letzten Sommer in Russland…“

Edi wohnte mit seiner Frau in einer improvisierten Wohnung. Kein Schnickschnack. Schmucklos. Kinderlos. Ich erinnere mich aber, dass die beiden eine Zeit lang ein Kind bei sich wohnen gehabt hatten. Edis Frau war die Lotti. Ebenso gedrungen und kompakt wie der Edi. Sie war in ihrer Jugend Damenringerin. Ihr meines Wissens einziger Luxus waren Reisen. Von drei Reisen weiss ich. Bei zweien war ich Zuhörer der Reiseerlebnisse gewesen.

Mitte der 1960er Jahre waren Edi und Lotti auf einer Reise in der Sowjetunion. Damals war das noch ein Abenteuer. Sie waren mit einem Opel Commodore Coupé unterwegs. Karosserie silbermetallic, schwarzes Vinyldach. Edi hatte den Wagen für seine Zwecke hergerichtet. Flüssigkeitsbehälter in den Türen. Für Trinkwasser. Unauffällige Halterungen, damit man unbemerkt aus dem Auto heraus fotografieren konnte.

Vier Wochen waren die beiden unterwegs. Hatten tausende Kilometer weggeschrubbt und allerhand erlebt. Und davon erzählt.
„Sag mal Edi, Du hast Dich wohl überhaupt nicht für kulturelle Sehenswürdigkeiten interessiert? Nur fürs Essen und Trinken und die Armut der Leute.“
„Das kannst Du so nicht sagen. Überall, wo wir Station machten haben mich natürlich die elektrischen Installationen zu sehen gereizt. Zum Glück hatte ich genug Werkzeug und Material dabei. Da war nämlich eine Menge zu reparieren. Ihr glaubt ja garnicht…“
Ein Gelächter hob an unter den Zuhörern. Edi war schließlich bekannt.
„Der Edi hat den Kommunisten das Licht gebracht.“ Erneutes Gelächter brauste auf.
„In einem Dorf war der Strom schon seit einer Woche ausgefallen. Ein Fehler im Generator. Ein Mords Trumm von einem Teil. Sechs Stunden habe ich gebraucht. Dann lief das Ding wieder und es ward Licht.“ Annerkennende Blicke.
„Zwei Tage haben uns die Leute danach noch bewirtet. Dann kam jemand aus dem Nachbardorf. Irgendwas schien zu flackern. Nix verstehn, versteht Ihr? Wir verabschiedeten uns also und fuhren ins Nachbardorf. Der Dorfchef fuhr bei uns im Commodore mit. Dem sind fast die Augen rausgefallen. Nix Moskwietsch.
In der Kolchose liefen einige Maschinen nur mit halber Last. Ich also das Messgerät raus,“ und er legte Daumen und Zeigefinger zum Bogen,“ und stelle gleich fest, dass nur 220Volt rauskommen, wo 380 rauskommen sollten.“

Er hatte den Fehler natürlich bald gefunden und weil das Material zur Reparatur gefehlt hatte, half er mit seinen Sachen und setzte den Schaden so gut es eben ging instand.
„Auch dort, in dieser Kolchose sind wir eingeladen worden. Da wurde gefeiert als gäbs kein Morgen. Ich trinke ja keinen Akohol. Und wenn ich genug Material hätte, könnte ich dort gut leben.“

Die Sensation von Edis Russlandfahrt war abgeebbt. Für mich standen die Sommerferien an. Eine Fahrt war geplant. Für drei Wochen mit den Pfadfindern nach England. Edi arbeitete abends bei uns im Haus und hatte selbstredend für eine Englandreise den guten Rat schlechthin.
„Die Engländer können nicht kochen. Das Essen dort ist ganz schlecht. Merk´ Dir also folgendes: wenn das Frühstück lecker ist, dann schlag´ Dir den Ranzen voll bis er spannt. Denn dann sind die anderen Essen ungeniessbar. Und wenn der Lönsch“, er meinte den Lunch, „zufälligerweise geniessbar ist, dann iss´ auf Vorrat. Und mach´ das jeden Tag, dann brauchst Du dort nicht zu verhungern “
Das Essen in meiner Gastfamilie war einfach und sowohl morgens, mittags als auch abends geniessbar. Anders als zuhause zwar aber ich lernte so die englische Alltagsküche kennen.

Manche Sätze, so absurd sie auch sein mögen, bleiben hängen. Als das grosse Kind erstmals in den Sommerferien zu einem Sprachkurs nach England gefahren ist, gab ich ihr den gleichen scheuklapprigen Rat.

 

Edi lebte schon einige Jahre im Ruhestand. Mit der Lotti hatte er sich ein Haus gekauft. Die Wohnräume waren ebenso praktisch wie schmucklos eingerichtet. Der Edi und die Lotti brauchten halt kein Brimborium. Ausser im Keller. Das war Edis Reich. Räume voller „Material“.
„Weisst Du“, sagte er mir bei einem meiner letzten Besuche dort, „weisst Du, alles kann man irgendwann mal brauchen. Und wenns nur zum Wegwerfen ist.“
Sein Auto stand längst nicht mehr auf seinem Hof. Dort sah es inzwischen aus wie auf einem Schrottplatz

 

Meine letzte Begegnung mit seinem handwerklichen Können hatte ich vor einigen Jahren gehabt. Und ein Könner war er in der Tat gewesen. Ein Nachbar hatte Probleme mit dem Heizstrahler im Badezimmer. Den hatte Edi in den 1970er Jahren dort installiert und angebracht.
„Der geht nicht mehr. Wir brauchen den ja auch nicht mehr seit wir Heizung haben im Bad. Könntest Du uns den wegmachen? Ich war schon beim Edi, aber der steigt auf keine Leiter mehr.“
„Ich kanns mir ja mal ansehen.“
Es war die typische Edikonstruktion. Vier verschiedene (gefundene und gesammelte?) Schrauben hielten den alten Strahler an der Wand. An dem Teil hätte man Klimmzüge machen können.
„Au Backe! Was soll ich denn jetzt mit den acht Kabeln machen, die mich da aus der Dose anschauen?“
„Ei, ich habe Lüsterklemmen und Isolierband. Wenn Du…“
„Schon gut, gib´ mir mal den grossen Schraubendreher dort. Ich will die Kabelenden schön auf Distanz voneinander bringen. Dann können wir sie sichern.“
Gesagt getan. Ein Kabel nach links weg, eins nach unten links, eins nach oben, eins… Es knallte laut und mir versetzte jemand einen Hammerschlag gegen den Ellenbogen. Der fette Schraubenddreher flog auf den Boden.
„Das war knapp. Der Schraubendreher ist hin.“ Am Blatt war eine tiefe Kerbe. Da lag eine Phase frei. Für Kraftstrom. Und ich hatte mit dem Werkzeug nicht mal das blanke Ende berührt.

„Tja, der Edi. Jetzt fällts mir wieder ein. Der hatte damals mehrere Kabel als Reserve verlegt, als er den Heizstrahler angeschlossen hat. Falls uns der nicht genügend warm machen würde, könnte er das ändern. Aber für uns hats immer gereicht.“

 

Menschen begleiten mein Leben. Manche habe ich vergessen im Lauf der Zeiten. Der Edi ist heute Morgen schräg neben mir wieder aufgetaucht. Unten im Keller. Den hatte er vor über fünfzig Jahren auch elektrifiziert.
Die kaputte Birne habe ich gegen eine neue ausgetauscht. Die brennt auch nicht. Ich lasse alles so wie es ist. Das Licht hinten an der Wand habe ich vorher nie bewusst wahrgenommen. Und die vordere Lampe gibt genügend Licht.

 

 

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Wenn die Klingel zweimal klingelt

  1. Im Urlaub auf Malta lernte ich den Ober-Elektriker der Bonner U-Bahn kennen. Er öffnete jeden Elektrik/Zählerkasten den er zu sehen bekam und regte sich in Valetta über die wirr über die Straßen und Fußgängerzonen gespannten Elektrokabel auf. Der machte auf Malta Urlaub…

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  2. Eine famose Zeilenzeichnung eines der vielen Originale, die uns auf unserem Lebensweg begleiten. Wenn wir sie denn lassen! Menschen, die aus der Masse ragen und uns mehr lehren als jede Gebrauchsanweisung.

    Vielen Dank für dieses Lesereise in einen ausgeleuchteten Keller voller Geschichten. Und das Bild dazu~~~~~~~~ passt! Ich kann Edi erkennen.

    Schöne Grüße in den Abend, Ihre Käthe Knobloch.

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  3. Liebe Frau Knobloch, ich finde, dass wir Menschen, die unsere Lebenswege tangieren – wie lange oder intensiv auch immer – intensiver wahrnehmen sollten. Sehr viele dieser Menschen haben ein Denkmal verdient. So wie der Edi, der auf seine Art ein ganz besonderer Mensch gewesen ist.
    Wenn Sie mögen, werden Sie ihm hier früher oder später nochmals begegnen.

    Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende,
    Robert

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  4. Das sind noch Originale, aber die sterben aus.
    Wir leben im Zeitalter der anpassungsfähigen, rundgelutschten Powerpoint-Helden.
    Wenn sie etwas austauschen können, haben sie ein

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  5. Master-Studium im Austauschen absolviert und sind technisch versiert, wollen aber immer, dass der Altgeselle in Elektrik mitkommt, wenn was kaputt ist.

    Traurig!

    (bin auf der Tastatur ausgerutscht, deshalb zwei Kommentare) ;_)

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