Nun sag´ bloß nicht

Glück muss man haben. Unter dem alten Linoleumbelag haftete zwar noch eine dünnere Schicht Stragula, aber beim Entfernen nahm diese große Teile des Klebers und der Ausgleichsmasse gleich mit. Die ersten alten Holzbohlen kamen dabei zum Vorschein. Billige Weichholzbretter. Drei Generationen Bodenbeläge. Drei Erzählungen. Preiswerte Holzbohlen von vor über hundert Jahren. Anfangs der 1960er Jahre dann die Lage Stragula, die billige Imitation von Linoleum. Und in den 1980er Jahren dann echtes Linoleum. Pflegeleicht. Fegen und feucht aufwischen genügt für die deutsche Reinlichkeit.
Ausgleichsmassen und Klebereste sind hartnäckige Gegener auf dem Weg zu einem schönen alten Holzfußboden. Bei diesem Boden ging es diesmal ziemlich rasch. Aber was kommt denn hier zum Vorschein? Eine fast fünfzehn Zentimeter lange und drei Zentimeter tiefe Absenkung mit schön gerundeten Kanten. Sieht nach Kunsthandwerk aus. Wie kommt die dahin? Aus welchem Grund?
Ich nenne die Vertiefung Erinnerungsdelle. Das Wort entfährt mir spontan. Man legt einige Schichten des Daseins frei und schon betritt man das Wunderland der Erinnerungen. Im guten wie im traurigen Sinn. Erinnerungsdelle. Ob Erinnerungen Dellen oder Erhebungen sind, darüber könnte ich nun ausgiebig sinnieren. Das Holz ist inzwischen geschliffen und zur Konservierung mehrfach satt geölt worden. Die Vertiefung wurde sorgfältig gereinigt und ungeschliffen erhalten. Schließlich soll niemand stolpern in der Erinnerungsdelle.

 

In dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin lagen alle wichtigen Institutionen im Umkreis von nichtmal zweihundert Metern um unser Haus herum. Die Metzgerei, ein Milch- und Käsegeschäft, die große Wirtschaft mit Tanzsaal, die evangelische Kirche, die Bäckerei, die Volksbank, der Faselstall mit der Feuerlöschpumpe, die Capitol-Lichtspiele, die Raiffeisenverkaufsstelle, das Friseurgeschäft, ein Eisenwarengeschäft, die Kaffeerösterei, die Schmiede, ein Ifa-Fachring Lebensmittelgeschäft… Und der Schrottplatz.

In der Sackgasse hinter dem Anwesen der großen Gastwirtschaft und gegenüber von Kirche und Faselstall befand sich das Häuschen und der Schrottplatz von Herrn Klotzsche. Ich schreibe Herrn Klotzsche. Aber der Mann hatte offensichtlich keinen Vornamen. Schenkte uns Buben jemand rostige Nägel oder Eisenteile, dann hieß es: „Brings zum Klotzsche. Aber lass´ Dich nedd bescheiße.“ Auch eine Art zu lernen. Selbst auf einem Schrottplatz. Lernen kann man immer und überall.
Der Klotzsche also. Es mag ein Jahr gedauert haben (meine Erinnerungsdelle ist an dieser Stelle nicht tief genug). Es mag ein Jahr gedauert haben, vielleicht auch zwei. Alle Buben der Nachbarschaft schlichen tagein tagaus umher mit magnetischen Blicken. Auf den Boden gerichtet. Immer den großen Fang im Blick. Aber die fetten Fische das waren alte Fahrräder, Teile von landwirtschaftlichen Gerätschaften. Ein gusseiseerner Ofen ein unerfüllbarer Traum. Wir spekulierten darüber. Wie siebenjährige Buben eben spekulieren. Den Ofen hatte der alte Hornickel auf dem Leiterwagen aber längst selbst zum Klotzsche gefahren. Und abends kam er ziemlich torkelig aus dem Garteneck. Torkelte er tatsächlich? Es ist erfunden. Ich lag zu dieser Zeit längst im Bett.
Unsere Beuten brachten zwischen zwei und fünf Pfennig pro Lieferung.
„Nun sag´ bloß nicht, dass Ihr dafür Eure Nachmittage verschwendet habt.“
Ein Groschen (Zehnpfennigstück) für eine Kugel Eis grenzte an einen Einser im Diktat und kam entsprechend selten vor.

 

Als ich acht Jahre alt wurde sind wir aus dieser harten herzlichen, aber vor allem lebenstüchtigen Umgebung einige Strassen weiter gezogen. In eine stille Strasse mit stillen Häusern und kleinen verschlossenen Hoftoren. Ich vermisste die tagsüber offenen Bauernhöfe. Das Gewese im Faselstall, den Klotzsche. Die Bauern mit ihren Gespannen. Schreibers Karl-Josef vermisste ich nicht. Der hatte mich kurz vor dem Umzug in unserem Hof wuchtig gestossen. Ich war rückwärts gestolpert und mit dem Kopf auf die Kante der steinernen Treppe gefallen. Loch im Kopf.

„I’d rather trust a countryman than a townman,
You can judge by his eyes, take a look if you can,
[…]
I’d rather trust a man who works with his hands,
He looks at you once, you know he understands…“ (Genesis – The Chamber of 32 Doors). 

In der neuen Umgebung gab es weniger gleichaltrige Kinder. Dafür einen Güterbahnhof. Und ein unüberschaubar riesiges Gelände für abenteuerliche Spiele. Die einzigen Begrenzungen für uns waren das rollende Gleismaterial und die immer und irgendwo aus dem Nichts auftauchenden Bahnpolizisten. Die unformierten Spielverderber. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 – – – –

 

Wir sitzen mit einigen Nachbarn zusammen in unserem Hof. Die abendlichen Musikveranstaltungen zur Kerb finden in diesem Jahr nicht statt. Die Nachbarin bringt den tradionellen saftigen Pflaumenkuchen mit. Ein Nachbar hat den leckeren Spundkäs gerührt. Tee, Kaffee und kleine Bembel mit Apfelwein. Für das leibliche Wohl ist bestens gesorgt. Es wird geredet. Und (wichtig für mich), es wird viel gelacht. Mit einer der Nachbarinnen saß ich zusammen im Kindergarten. Mit dem anderen Nachbarn bin ich früher Motorrad gefahren. Anekdoten. Schulzeit. Lehrer Lehrerinnen.
„Nun sag´ bloß nicht, dass Du Dich an die Lehrerin nicht mehr erinnerst“.
Und dann spricht der Nachbar den Namen aus. Jonny. (Jonny! nicht Schonny oder Tschonny – Jonny).

Ich habe früh angefangen zu arbeiten. Mit vierzehn Jahren ging das zur Sache. Mofa, Schalplatten; die Wünsche von Jugendlichen mit stets zu kleinem Taschengeld. Ich arbeitete nachmittags in einem Supermarkt. Mit einer Aufkleberrollenpistole beklebte ich Verpackungen und Dosen mit kleinen Preisschildern. Und für die kommenden Sommerferien hatte ich einen Job auf dem Bau.
Im gleichen Ort. Acht Querstraßen weiter. Vier Wohnblocks sollen entstehen. Ich war der Bierbub. Ich musste über die Baustelle und durch die vier Wohnblocks laufen und die Frühstücksliste für die Bauarbeiter aufnehmen. Über den so oder so ähnlich wiederkehrenden Spruch: „Für mich zwei Wurstbrötchen, die BildZeitung und eine Siebzehnjährige“, kann ich heute noch nicht lachen. Ich war vierzehn Jahre alt. Dasselbe Ritual dann für die Mittagspause.

Meine Hauptaufgabe bestand jedoch darin, meinen (eigenen!) Bauwagen immer gut verschlossen zu halten. Darin befanden sich die Türme aus Bierkästen. Wenn es irgendwo aus einem der Rohbauten schrie: „Bub, Bier!“ suchte ich die Blockwände nach dem schwarzen Fensterloch ab, aus dem die Stimme gerufen haben könnte. Flugs den Eimer mit Bierflaschen gefüllt und losgewetzt. Durstige Maurer können auch zu grossen Jungs ziemlich ungemütlich werden.
Der Polier auf der Baustelle war Jonny. Morgens um sieben Uhr traten die Arbeiter vor der Holzbude des Poliers an. Namen wurden gerufen. Der Angerufene antwortete knapp „Ja“ oder „Hier“ und Jonny setzte ein Häkchen auf der Liste hinter dem Namen des Mannes. Mich rief er am ersten zu sich in seine Bude. Von seinem rechten Ohr fehlte die untere Hälfte. Er erklärte mir meine Aufgaben und setzte noch zwei, drei Warnungen hinterher. Er sprach undeutlich. Wie undeutlich er mitunter sprach, erfuhr ich schon bald.

„Ich kenne Deinen Großvater. Der Robert ist doch Dein Großvater?“ Ich bejahte. „Wir waren zusammen im Krieg. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Jetzt merk´ Dir erstmal eins: ich kann Dir hier nur helfen, wenn Du meine Warnungen genau befolgst, kapiert!?“ Ich war vierzehn und hatte nichts kapiert.
„So, meine Bestellung fürs Frühstück: zwei Schinkenbrötchen, zwei Packungen Atika, eine Flasche Dornkaat und eine Siebzehnjährige.“ Er musste meinen Blick gesehen haben. „Du bist jetzt unter Männern, Du Schüler.“ Sein Lachen schepperte wie ein schlecht anspringender Schiffsdiesel. Jonny war spätestens vor der Mittagspause hackevoll. In der Mittagspause kuckte er sich zwei, drei Männer aus. Er spielte leidenschaftlich Schwimmen. Und er beherrschte das Spiel. Ich fiel jeden Abend ziemlich früh schon todmüde ins Bett.

Die erste Woche verging ziemlich rasch. Freitags zum Feierabend versammelten sich alle Mann vor Jonnys Bude. Wieder wurden Namen gerufen. Man trat vor und erhielt seine Lohntüte. Ich wurde fast als Letzter aufgerufen. Ich war stolz und nahm meine Lohntüte in Empfang. Im Umdrehen rief Jonny mich zurück.
„Du bleibst da. Hey Erich, gib dem Schüler einen Spaten.“ Erich hielt mir einen Spaten entgegen. Keiner der Männer sagte etwas.
Jonny schwankte und kommandierend lallte er:“ Los Du Bubi, zeig uns mal, wie Du ein Zehn-Liter-Loch aushebst.“
Alle schwiegen und schauten mir zu. Ich hob ein Loch aus und Jonny grölte: Da passen vierzehn Liter rein. Erich!“ Erich wusste offensichtlich Bescheid und stand mit dem Wassereiner bereit. Es passten nicht ganz vierzehn Liter ins Loch. Aber keiner der Männer hätte Jonny in seinem Zustand korrigiert oder gar kritisiert.
„Machs Loch zu und fang dort nochmal an.“ Er zeigte auf eine andere Stelle. Ich spatete erneut.
„Neun Liter. Du bist garnicht so dumm wie aussiehst.“ Erich kippte den Eimer ins Loch. Ein Liter blieb im Eimer. Noch heute staune ich über Jonnys Augenmaß bei zwei Promille. Mein dritter Versuch war erfolgreich.
„Nun sag´ bloß nicht, dass Du den Typen verflucht hast für diese miese Vorführung.“
„Ich weiß nicht alles, was ich damals dachte. Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich stolz war,  von nun an Zehn-Liter-Löcher graben zu können. Das hilft mir noch heute bei Pflanzlöchern. Stolz war ich auch auf manche anerkennenden Blicke der Kollegen.

Einmal wollte mich der Kranfahrer bei der Frühstückskasse um zwei Mark betrügen. Es wurde schnell lauter, da sich andere Kollegen einmischten. Jonny war an diesem Tag schon beim Frühstück dicht. Er mischte sich ein. Böse Worte wurden gesprochen. Ich stand einfach so dabei. Mir fiel erstmals auf, dass Jonny sabberte wenn er sich richtig in Wut sprach. Im Krieg hatte er einen Schuss abbekommen von links unten in den Mund. Das Geschoss trat rechts aus und riss dabei die untere Hälfte seines rechten Ohres ab. Und beeinträchtigte von da an seine Sprache. (Jahre später, ich war längst kein Schüler mehr, erzählte er mir von den Alpträumen seiner Kriegserlebnisse. Und von seiner Medizin dagegen).
Jonny schnappte sich den Kranführer. Seine Stimme überschlug sich fast und er sabberte dabei: „Hast Du den Schüler beschissen? Los, red´sonst lass´ich Dich nachher in Deinem Dreckskran übernachten.“
Der Kranführer wurde kleinlaut und gab endlich seinen Versuch zu. Jonny zückte sein Portemonnaie und gab mir ein Zweimarkstück. „Los raus mit Euch“, schnauzte er die Männer im Bauwagen an, „an die Arbeit, ihr habt Zeit verloren.“ Der Kranführer musste bleiben. Sie spielten zu zweit Karten bis zum Nachmittag. Am Feierabend steckte mir der Erich, der Kranführer habe seine Lektion hoffentlich diesmal gelernt. Er versuchte immer wieder mal Lehrbuben oder Schüler wie mich zu behumsen. Pleite sei der dämliche Kranfahrer jetzt auf jeden Fall.

In den kommenden Jahren war Jonny mein Polier auf verschiedenen Baustellen. Von ihm habe ich viel für meine Lebenspraxis gelernt. Er war ein Gerechter auf seine Art. Wenn sich einer als Arschloch gezeigt hat, hat er ihn behandelt wie man es mit einem Arschloch macht. Hatte einer seiner Männer Sorgen, hat er geholfen. Man musste ihm das halt morgens vor der ersten Flasche vortragen. Er zückte dann sein Portemonnaie oder er griff zum Telefonhörer. Er hielt die Hand über seine Männer. Er lebte das Pflichtbewusstesein seiner Generation. Logisch, dass er seine Rohbauten termingerecht übergab. Nacharbeiten waren nicht nötig.
Solche Männer gibt es heute nicht mehr.

 

 

Schule Fotos Erinnerungen

Die Photographie zeigt das Portrait einer Schulklasse. Aufgenommen in schwarz-weiß. Die Schüler stehen auf verschiedenen Stufen eines Innenhofes. Die Kleidung verweist auf den Anfang der 1970er Jahre. Bei den Klassenkameraden wachsen die Haare über die Oberkanten der Ohren. Die Mädels teilweise in heißen Hosen, gebatikten T-Shirts. Zwischen den Schülern erhebt sich eine Skulptur. Damals nannten wir das ein „dämliches Gestell“.  Überall standen Zacken ab. Man konnte nicht daran klettern. Vergiss´ es.

Auf diese Schule und in diese Klasse war ich vor eineinhalb Jahren gekommen. Vom Gymnasium wäre ich wegen wiederholter Nichtversetzung demnächst ohnehin relegiert worden. Da legte der findige Direktor den Erziehungsberechtigten einen listigen Plan vor. Ich hörte während der Besprechung kaum zu. Alles ätzend dröge. Bei seinen Worten „dann kann er eventuell einfach so versetzt werden. Ist doch nur Mittelschule. Dort herrscht ein niedrigeres Niveau.“
Eine Versetzung ohne weitere Energieverschwendungen, das klang interessant. Nach den Weihnachtsferien trat ich in meine neue Klasse. Eine andere Welt. Irgendwie noch etwas zurück. In Sachen Musik und überhaupt. Ich brachte einige Neuigkeiten mit und es wurde schon bald lebhafter in der Abteilung der Jungs.

 

Dreiundzwanzig Mädchen und neun Jungen waren in der Klasse. (Halt, da fehlt doch jemand auf dem Foto). Nochmal nachzählen. Es sind lediglich zwanzig Mädels abgelichtet. Die Jungs sind komplett. Und links außen der Klassenlehrer. Im schlecht geschnittenen Anzug und mit kaltem Gesichtsausdruck. Und er baut sich in meiner Erinnerung sofort auf in einer Uniform. Wehrmachtsgrün oder die schnittige Schwarze mit den Totenköpfen auf den Kragenspiegeln. Es interessiert mich nicht weiter. Heute nicht mehr.
Auf unserer Abschlussfahrt hat mich dieser widerliche Pauker auf dem Flur des Landschulheims mit Wucht gegen eine Heizung gestoßen. Stechende Schmerzen im Rücken. Er hat mich damit nicht beeindruckt. Ich war andere körperliche Strafen gewohnt. Ich hatte nachts auf der Busfahrt das Mädchen neben mir geküsst. Meine erste Freundin. Seine Frau war als weibliche Begleiterin mitgereist und hatte mich dabei gesehen. Sie konnte es nicht für sich behalten. (Manchmal möchte ich eine Liste anlegen mit den Namen der Frauen, die mich schon von kleinauf bei den verschiedensten Gelegenheiten verraten haben. Warum hatten sie das getan?).
Meine erste Freundin, sie fehlt auf dem Foto. Die harmlose Freundschaft hielt nicht lange. Mein Nachfolger war ein Ausländer. Vielleicht war ihr der Vater zu nahe getreten. Er war ein harter Knochen. Der Altnazi half in den sechziger Jahren die Neunazipartei in unserem Städtchen nach vorne zu bringen. Meine erste Freundin ist schon vor einigen Jahren gestorben.

Auch andere Mitschüler auf der Photographie sind bereits verstorben. Der Junge rechts neben mir mit den damals längsten Haaren in unserer Klasse. Nach dem Schulabschluss hatten wir beide keinerlei Ambitionen zu einem achtzehnmonatigen Leben in einer Kaserne. Also sind wir zusammen nach Berlin gegangen. Am gleichen Tag haben wir unsere Wehrpässe an das für uns zuständige Kreiswehrersatzamt zurückgeschickt und sind losgefahren. Berlin war seinerzeit eine bundeswehrfreie Zone.
Er hatte bald eine lukrative Stelle in seinem Beruf gefunden und ich war glücklich, einen der wenigen und umso begehrteren Ausbildungsplätze in einer Berliner Fachschule erkämpft zu haben. Während ich Berlin später wieder verlassen habe, ist er geblieben. Wir haben uns noch einigemale getroffen. Dann bin ich nicht mehr nach Berlin gefahren. Er ist verschwunden. Einfach so. Irgendwann irgendwohin. Ich habe von gemeinsamen Bekannten erfahren, er sei verstorben. Genaueres wisse man nicht..

 

„Kannst Du diese Sachen fotografieren?“ In der Grundschule waren wir Klassenkameraden. Danach hatten wir kaum noch etwas miteinander zu tun.
„Kann ich. Aber wie kommst Du gerade auf mich?“ Wir sitzen in unserem Hof und lassen in Siebenmeilenschritten Ausschnitte aus unser beider Leben Revue passieren. So ging das los vor einigen Wochen. Der Heimatverein unserer Kleinstadt gibt jedes einen Kalender heraus unter einem bestimmten Thema. Im kommenden Jahr sollen Kunstwerke im öffentlichen Raum oder am Bau präsentiert werden Das bedeutet für mich eine fotografische Tour durch die Kommune, um die Aufnahmen zu erstellen. Ortsbegehungen, Fragen nach den richtigen Tageszeiten um das Licht gut zu nutzen. Für Kunst in Räumen müssen Erlaubnisse erbeten werden. Erinnerungen tauchen aus ungeahnten Tiefen auf.

 

Und nun stehe ich wieder in meiner ehemaligen Realschule. Diese Pausenhalle hatte ich vor Jahrzehnten erstmals betreten. Nach dem Gümmi nun also der Abstieg in die Provinz. Einige Jungens balgten sich in der Pause. Blicke von Mädels. Ich sollte mich im Rektorat melden.
Am Ende ging der Vorschlag des Gymnasialdirektors aber auf. Meine Vorfahren trugen bekannte Namen im Städtchen. Die Lehrerin für Englisch und Franz wohnte im Haus meines Großvaters zur Miete. Deren Verhältnis war zu jener Zeit denkbar ungünstig. Also günstig für mich. Phimbo, der Mathelehrer schlug zwar schnell zu aber er sang neben meiner Mutter im Kirchenchor.

Und heute bin ich hier, um das „dämliche Gestell“ abzulichten. Das Atrium finde ich nicht auf Anhieb. Die Aula kenne ich nicht, sie scheint neueren Datums. Überhaupt hat sich baulich viel verändert.

Das Sekretariat erreicht man jetzt über einen neuen Flur.
„Letzte Tür links“, weist mich eine Frau freundlich dorthin. Am Ende des Flures befindet sich die offene Tür zum Lehrerzimmer. Ich lasse meinen Blick schweifen. Hier war zu meiner Schulzeit Willis Reich. Wir nannten ihn nie bei seinem Familiennamen. Wir sprachen ihn per Sie an. Das war so. Unter uns Schülern war er der Willi. Bio, Chemie und Physik. Ein Schussel mit dünnrandiger Brille. Seine experimentellen Aufbauten hatten was für sich. Ich erinnere mich an keinen, der einigermaßen anspruchsvoll war und gleichermaßen auf Anhieb funktioniert hätte. Meist verschwand er dann hinter der Tafel im Materialraum und holte was noch fehlte. Oder er hat im schlauen Anleitungsbuch nachgeschaut, wie die Anordnung des Versuchs aufgebaut sein musste. Das waren die Minuten für die Spezialisten von. Rasanter Umbau oder Austausch einiger Kabel an der Versuchskonstruktion.
Heissa, wie es zischte, knallte oder infernalisch stank, wenn der Willi dann den Versuch startete. Eine Rauchwolke stieg auf, es blitzte oder es hatte die Hauptsicherung des Gebäudetraktes rausgehauen. Seine kraftlosen Drohungen verfingen nicht.
„Regen Sie sich nicht auf, ich glaube der Versuch muss anders aufgbaut werden.“ Einer der fachlichen Spezialisten griff korrigierend und erklärend ein und am Ende hatten alle was gelernt. Alle? Nun, der Willi wahrscheinlich nicht. Aber der war ja auch kein Realschüler mehr. Es gibt für pubertierende Schüler wahrlich nichts erbärmlicheres als humorlose Lehrkräfte, denen im Zweifelsfall selbst die feige Übermacht der Notengebung nicht weiterhilft.

„Nein, ein Atrium gibt es hier nicht. Hier war nie ein Atrium“ Die Sekretärin ist erst seit zehn Jahren hier im Dienst. Ich erkläre ihr, wann ich hier zur Schule gegegangen war.
„Da gab es mich ja noch garnicht“, lächelte sie etwas verlegen.
„Aber eine Plastik… , ähh ein Kunstwerk von Gotthelf Schlotter muss hier in der Schule doch irgendwo stehen.“
„Wenn Sie das Ding meinen, das über dem Eingang steht. Das kann ich Ihnen zeigen. Sie sind übrigens grade drunter duchgelaufen.“
Dienstfertig begleitet sie mich durch den Flur zurück zum Eingang. Eine Art Windfang aus Betonplatten.
„Sehen Sie, dort droben steht es.“
<Das Ding, dort droben steht es.> Für uns war es das dämliche Gestell. Es dauert lange, bis ein Kunstwerk von aller Welt als solches erkannt wird. Aber hier oben auf dem Windfang. Das hatten die „Auffliegende(n) Störche“ von Gotthelf Schlotter nicht verdient. Nicht auf diesem Abstellplatz. Da helfen auch die ausgestreuten Kieselsteine nicht.

Es ist mühselig, die Plastik ansprechend abzulichten. Da bin ich heutzutage ehrgeiziger als damals als Schüler. Am Ende sind einige Aufnahmen brauchbar.
Hinten rechts? Was befand sich denn dort in der Pausenhalle? Ich erinnere mich nicht mehr. Die Toiletten waren damals draussen. Oder ist das alles bloß umgebaut worden? Das waren Zeiten. In der großen Pause zerrieb man ein wenig der duftenden Masse. Drehte eine Zigarette und bröselte die Krümelchen hinein. Drei, vier Jungens im Kreis. Jeder durfte mal als Erster anziehen. Schließlich gibt es zwanzig große Pausen in jeder Woche. Bester Laune folgte man dem Gong, der das Ende Pause signalisierte. Die kommende Schulstunde, egal bei welchem Lehrkörper konnte einfach nur erhellend sein.

 

 

 

 

 

Ein Fall von Lebensglück

Den Herrn Jockel, Oh Verzeihung, den Herrn Jakob-Maria habe ich nach meiner Konfirmation näher kennengelernt. In dem Haus, das er mit seiner Frau bewohnte, war ich aber schon früher. Die Frau betrieb ein kleines Fotoatelier mit eigener Dunkelkammer. Wobei das photographische Atelier das Wohnzimmer der Familie war. Für die Aufnahmen wurden als Hintergrund die schweren Samtvorhänge zugezogen. Zu der Frau Isolde ging man für Passbilder. Sie fertigte auch Familienportraits an. Hochzeitsfotos, Fotos zu silbernen Hochzeit, zur goldenen Hochzeit. Vorwiegend jedoch Passbilder. Und auf Bestellung auch Einschulungsfotos oder Erinnerungsfotos zur Kommunion und Konfirmation.

Ich schaute mir in meinem Archiv nochmals die beiden Fotografien meiner Einschulung und meiner Konfirmation an. Würden heutzutage Aufnahmen derart unkünstlerisch gestaltet, würden die Auftraggeber wahrscheinlich die Zahlung verweigern. Mit einigem gutem Recht. Auf dem Bild zu meiner Einschulung liegt der Teppich schief und man sieht am linken Bildrand noch Teile des Fußes des Wohnzimmerschranks. (Damals trug ich keine Brille und lächelte noch mit Grübchen. Es wäre eine Geschichte wert, was mir geschah, als ich meinen Eltern den Hinweis der Erstklasslehrerin übermittelte, sie sollen wegen meines Sehens einen Augenarzt aufsuchen. Ich habe jenen Nachmittag überlebt. Aber meine Grübchen für einige Jahrzehnte verloren).

Meine Eltern verbrachten ihren einzigen Urlaub in Spanien mit Isolde und Jakob-Maria. Das war zwei Jahre vor meiner Konfirmation. Onkel Jockel, so durfte ich ihn seit jenem Urlaub nennen, war mir ungemein sympathisch. Ein großer Mann, kurz geschorenes Haar. Lächelnd. Mir gegenüber stets witzig. Pfeifenraucher. Ein stattliches Mannsbild mit dem elastischen Gang eines Tigers.

„Der Onkel Jockel geht wie ein Tiger.“
Wie oft mag ich in den Jahren danach diesen Satz gehört haben. So oft hat er ihn zitiert, wenn wir zusammensaßen.
„Weißt Du noch, damals in Sitges, da hast Du gesagt: der Onkel Jockel geht wie ein Tiger.“

Anläßlich meiner Konfirmation schenkte er mir eine Schallplatte. Ich hatte bereits einige Langspielplatten. Diese war so ganz anders. Walter Carlos – Der wohltemperierte Synthesizer. Mit dieser Platte begann unsere eigentliche Bekanntschaft.

Meinen Eltern muss inzwischen klar geworden sein, dass meine Schulkarriere auf eine tiefe Schlucht zulaufen würde. Die Grundschule durchlaufen als mittelklassiger Schüler. Danach drei Schuljahre ohne Hauaufgaben und im Unterricht mit allem anderen als dem Stoff beschäftigt. Im achten Schuljahr knallte es erstmalig. Keine Versetzung. Der Nägelbeißer Hosenscheißer, der Nichtsnutz und Saukerl von dem man ohnehin schon länger ahnte, nein man wusste es sicher: nun hatte er auch in der Schule versagt. Aus dem wird nichts werden. (Das hatte mir man mir seit Jahren ohnehin schon prophezeit).

Wie sie draufkamen weiß ich nicht. Es war jedenfalls außer meiner Zeugung die zweite und letzte gute Tat, die sie an mir vollbrachten. Sie vertrauten mich dem Jockel an. Der sollte mir Nachhilfe geben. Am besten in allen Fächern. Besonders in Mathematik, Physik, Chemie und Latein. Der Jockel war Physiker und wusste viel. Unheimlich viel und weit gefächert. Wie viel, das erfuhr ich erst im Lauf der Jahre.

Der Jockel gab sich viel Mühe mit mir. Auf dem Küchentisch lagen leere weiße A4 Blätter, Bleistifte (Minenstärke h) und mit dem Messer angespitzt. Er muss ziemlich rasch erkannt haben, was mit mir los war. Ein völlig gestörtes Kind. Da half keine Mathe und kein Latein. Also sprach er mit mir. Er wars, der mir die Welt groß machte. Von Anfang an. Ging sehr sparsam mit Imperativen (Du musst, Du solltest…) um. Er redete mit mir und hörte mir zu.
Er war der erste Mensch, an den ich mich erinnere, der mir zuhörte. Und viel nachfragte. Bei ihm lernte ich, was ein Gespräch ist. So etwas gabs bei uns zuhause nicht. Er wurde zu meiner wichtigsten Bezugsperson in jenem Alter. Ließ mich auch jeglichen jugendlichen Unsinn reden. Er widersprach kaum aber stellte kluge Gegenfragen. Nebenbei hob er den linken Unterarm und schüttelte seine Hand. Dies tat er wenn er begann nachzudenken und um das automatische Werk seiner Armbanduhr, einer IWC aus den 1950er Jahren aufzuziehen („vom ersten eigenen Gehalt gekauft“).
Er begleitete meinen schulischen Fall vom Gymnasium, meine ersten kleinen Erfolge bis zum Realschulabschluss und meinen anschließenden Lebensweg. Seine Nachhilfen nach Feierabend waren längst passé. Ich war mittlerweile siebzehn Jahre.

Inzwischen trafen wir uns regelmäßig Samstagmorgens. Zum Frühschoppen gabs eine Flasche Export. Wir sprachen über dies und jenes. Der Jockel kochte dabei. Davon später noch mehr. Er hielt sich einige der großen Tageszeitungen. Nachdem die naturwissenschaftlichen Ressorts bei mir wenig fruchteten, überließ er mir die Feuilletons. Das gab immer wieder Gesprächsstoff. Dass er mich mit vierzehn Jahren Freud und Schopenhauer lesen ließ und mich damit in große Verlegenheiten stürzte war vergeben. Denn er hatte damit in mir eine Neugier auf Menschen und besonders ihr Verhalten geweckt. Dass er mir so nebenbei auch manche Blicke in die Literatur und Geschichte entfachte mein Interesse.

Durch viele seiner Anregungen, die ich begierig aufnahm, konnte ich meine Sinne und meinen Verstand schärfen. In manchen Gesprächen ließ er Sätze los, die mir arg mißfielen. Und bei entsprechenden Gelegenheiten stiegen sie immer wieder störend aus der Erinnerung auf. Heute staune ich darüber, ob er ahnte, welche mächtige Wirkung solche Sätze in meinem Leben haben würden.

Erzählte ich beispielsweise Szenen aus meiner Familie, meinte er lapidar, dass ich nie auf der Ebene meiner Eltern agieren könne. Ich als ihr Kind habe meine eigene Ebene. Und bei jeder passenden Gelegenheit wiederholte er diesen Satz ebenso geduldig wie stur. Betraf das Thema mein zumindest gestörtes Selbstvertrauen und ich phantasierte Macht- oder Rachewünsche, bremste er mich: ich würde nie ein Intrigant werden, auch kein Politiker. Und rachsüchtige Menschen sind schwache Charaktere. Wie es wäre, ich würde Dorfschullehrer werden?“ Und er schlug mir einige mögliche Gegenden vor. Ich lehnte natürlich vehement ab.

So saßen wir samtags in der kleinen Küche. Er rauchte Pfeifen von Peterson, Irland. Und blieb, solange er rauchte, beim gleichen Tabak. Er hatte mich überzeugt, die Finger von den starken schwarzen Drehtabaken zu lassen und mich an Pfeifen zu halten. Er schenkte mir zum Auftakt zwei gut eingerauchte Peterson System 313, die mich lange begleitet haben.
Aus dem Onkel Jockel war längst der Jockel geworden.
Wie gesagt, während unserer Plaudereien kochte er. Auch hier hatte er einen Standardsatz bereit: „Bei Emulsionen ist alles eine Frage der Teilmengen.“ Er war Spezialist auf einem Grenzgebiet zwischen Physik und Chemie. Verdiente nebenbei auch ganz ordentlich an den Lizenzen eigener Patente.
„Ob hydrophil oder lipophil, alles eine Frage der Zusammensetzungen. Ob Marmelade oder Leberwurst, ob Mann und Frau, eine Salatsauce oder die Mengen einer Wandfarbe. Letzten Endes sind alles Zusammensetzungen. Ob es lecker schmeckt, ob eine Beziehung funktioniert oder die Wände schön aussehen ist eine Frage der Emulsion. Und darin liegt das Problem. Die meisten Menschen machen sich genau darüber zu wenige oder gar keine Gedanken. Deshalb stehen wir heute da, wo wir stehen.

Der Jockel machte sich keine Illusionen mehr. Als Naturwissenschaftler dachte er ohnehin bodenständig. . Jahrgang 1928. Er saß 1944 mit anderen Buben in einer Flakstellung auf einem Hügel oberhalb seines Heimatortes. Dort beobachtete er wie bei einem Bombenabwurf 80% der Gebäude seiner Gemeinde niederbrannten. Vater, Mutter und seine Schwester hatten das Inferno nicht überlebt. Bei der Erzählung wurden jedes Mal die Augen nass. Am Ende des Krieges geriet er in französische Gefangenschaft. Er wurde in die berüchtigte Wäscherei bei Marseille transportiert. Er kam aufgrund seines Alters schon bald wieder zurück. Danach zog er bis Ende der 1950er Jahre auch nachts im Bett die Schuhe nicht aus.
„Wenn Du angegriffen wirst hast Du auch ohne Waffe meist noch eine Chance, und wenn sie noch so klein ist. Aber ohne Schuhe bist Du vollkommen hilflos.“ Auch so einer seiner Sätze. Er hatte zu viel erlebt und gesehen für einen jungen Mann in jenen Zeiten. Wenn ich mit dem Herbst und der jugendlichen Melancholie kokettierte, bemerkte er nur trocken: „Wenn ich wüsste, wie es auf der anderen Seite aussieht, würde ich wahrscheinlich das Tor öffnen. Aber ich weiß es nicht.“ Der Jockel entstammte einem sehr katholischen Elternhaus (Jakob-Maria).

So vergingen die Samstage. Hin und wieder trafen wir uns auch wie früher an einem Spätnachmittag. Die zogen sich dann bis in den späteren Abend. Es war nie langweilig. Die Bandbreite der Themen hat mich schwer beeindruckt und gebildet gleichermaßen. Zwei Themenkreise blieben ausgespart. Musik und Kinder. Musik interessierte Jockel nur theoretisch. Und über die eigene Kinderlosigkeit hat er nie gesprochen. Obwohl er gerne welche gehabt hätte.
Als ich eigene Kinder hatte wurden unsere Zusammenkünfte seltener. Familie, Arbeit und zunehmend andere Verpflichtungen ließen mir wenig Zeit. Er rief mich nie an. Aber wenn wir uns trafen irgendwo auf der Straße war mir eine Einladung gewiss. Er wusste, wie sehr ich seit meinen Kindertagen seine überbackenen Schinkennudeln mochte, seinen Frankfurter Kranz und manche andere Köstlichkeiten. (Alles eine Frage der Emulsion).
Der verführerischen Einladung zu einer feinen Consommé double konnte und wollte ich nicht widerstehen. Wir hatten uns fast ein Jahr lang nicht gesehen. Ich kam zum verabredeten Zeitpunkt in die Küche. Auf meinem Platz saß ein Junge von vielleicht zehn Jahren. (Er hatte einen Nachfolger für mich gefunden). Er sprach einige Worte zu dem Jungen und verabschiedete ihn freundlich.

„Du hast Dir ja einen runden Kinnbart stehen lassen.“
„Ja. Findest Du ihn gut? Der passt doch prima zu meinem Schnauzerbub. (Hunde als Kinderersatz sind mir suspekt. Ich bin über Jahre mit Gebrauchshunden groß geworden).“
„Du musst Dein Gesicht doch nicht hinter einem Bart verstecken.“ Er schwieg. Ich trank eine Flasche Export und mir fiel auf, wie oft er sein Weinglas nachschenkte. Das Rindfleisch war von erstklassiger Qualität aber die Brühe war ungenießbar. Er musste ein Vielfaches der üblichen Menge Sherry verkocht haben. Die Emulsion stimmte nicht mehr. Es wollte auch kein lebendiges Gespräch in Gang kommen. Nach diesem Treffen sind wir uns bloß noch einige Jahre später ein letztes Mal begegnet.

Die Generation der zwischen 1925 und 1945 geborenen Menschen hat man ihre natürlichen Entwicklungsphasen wild durcheinander gewirbelt. Wie viele von ihnen habe ich in den letzten dreißig Jahren kennengelernt. Viele sind lebenslang Kinder geblieben oder Dauerpubertierende. Die direkten Einwirkungen des Zweiten Weltkrieges: Nächte in Luftschutzkellern, Kindersoldaten, Flucht, Vergewaltigung und Vertreibung haben die Seelen der Menschen zerrüttet. Die meisten haben über ihre Erlebnisse und Erfahrungen geschwiegen. Viele haben sich bis an die Schwelle ihrer Gräber zusammengerissen und sich nichts anmerken lassen von dem Grauen, dass auch nach Jahrzehnten noch in ihnen wütete. Und vielen merkt man es durch ihre Handlungen im späteren Leben an. Der Jockel war Alkoholiker geworden.

Ich stand etwas ratlos in dem Wohnzimmer. Hier bin ich als ABC-Schütze und Konfirmant fotografiert worden. Es stand nur rechts noch einer der beiden bequemen Sessel da, in denen man so herrlich herumlümmeln konnte. Links stand jetzt ein Krankenbett. Über Jockels Gesicht wischte ein schwaches Lächeln als er mich sah. Zur Begrüßung das Übliche wie gehts und wie wirds weitergehen.
„Weißt Du noch, damals in Spanien. Da sagtest Du, der Onkel Jockel geht wie ein Tiger?“
„Ich habs nicht vergessen. Ich erinnere mich überhaupt sehr gut an viele unserer Gespräche.“
Er hob kraftlos die Decke an. Ich sah nur den Stumpf seines amputierten Beins.

Die Pflegerin brachte ihm die mit dem Arzt besprochene Menge Alkohol. Man wollte ihm keinen Entzug zumuten. Jetzt nicht mehr. „Meine Medizin. Schmeckt ekelhaft. Ich will sie nicht, muss sie aber viermal am Tag nehmen wegen der Schmerzen am Bein.“

Wir haben uns danach nicht mehr gesehen. Obwohl er noch fünf weitere Jahre in seinem Bett im Wohnzimmer lag, habe ich ihn nicht mehr besucht. Ich wollte es vermeiden, ihn zunehmend verfallen zu sehen. Und seine verwirrten Reden waren schon bei diesem letzten Besuch teilweise befremdlich.

Bei unseren abendlichen Runden mit dem Rad halten wir manchmal am Friedhof und gehen zu seinem Grab. Es ist schmucklos und fast verwahrlost. Nachdem auch die Isolde gestorben war, hat eine weit weg wohnende Verwandte das Haus geerbt. Die kümmert das Grab nicht. Jetzt im Sommer löschen wir mit einer Gießkanne Wasser Jockels Durst.

Letztens haben wir uns einen Döner geholt. Das kommt selten vor. Der Dönermacher hat Jockels Haus gekauft. Wir reden ab und zu einige Worte. Ich erzählte ihm, dass ich in seinem Haus die wichtigsten Etappen meiner Jugendzeit verbracht hätte. Er lud mich ein, das Haus zu besichtigen. Es wäre alles noch so, wie sie es damals gekauft hätten.
„Grünes Sofa im Wohnzimmer und ein Sessel?“
„Grünes Sofa im Wohnzimmer. Aber zwei Sessel.“
“ Treppe hoch, erstes Zimmer links ein kleines Büro. Schreibtisch, großer Stuhl aus Leder, ein Tisch und zwei Stühle?“
„Alles noch genau so.“
Ich habe die Einladung nicht angenommen.

 

Der Jockel bleibt mir zeitlebens in Erinnerung als der großartige Impulsgeber für mein Leben. Seine offene und freigiebige Art, sein Wissen und sein Humor. Der Jockel war vielleicht der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich mag mir auch heute noch nicht vorstellen, wohin ich auf meinem Lebensweg geraten wäre ohne die Lebensklugheit und Fürsorge dieses Mannes. Einen solchen Menschen wünsche ich allen Kindern, die unter ähnlichen oder noch bedrückenderen Verhältnissen aufwachsen müssen wie ich sie erlebt habe.

 

 

 

 

 

Der Richard

Die Bahnhofstraße führt fast gradlinig vom Rathaus zu den Bahngeleisen. Rechts liegt der alte Bahnhof und links der Wasserturm. Als Kind habe ich gesehen, wie das mächtige winklige Wasserrohr zum Befüllen der Dampflokomotiven über die großen Tender geschwenkt worden ist. Das ist lange her. Und der meterhohe, schön gestaltete Wasserstandanzeiger mit dem roten ziselierten Melder wurde vor Jahrzehnten schon demontiert.

Ich befahre die Bahnhofstraße aus dreierlei Gründen. Erstens stehen an ihrem Ende die Altglasbehälter. Zweitens setzte ich im Grün an der Bahnstrecke die Nacktschnecken aus, die wir im Garten aufgesammelt haben. Und drittens dient mir der Asphalt der Strasse auch als Teststrecke für ein Fahrrad, das nach seiner Aufarbeitung oder Restaurierung die kleine Werkstatt verlassen soll.

Heute Morgen habe ich ein altes Fahrrad der Marke Bauer, Klein-Auheim in der Bahnhofstraße probegefahren. Nach vielen Flüchen und einigen Verzweiflungsanfällen war es wieder ein Fahrzeug geworden, dem man seinen Zweck auch ansehen konnte. Das Fahrrad hatte ich über ein Inserat gefunden. Es sah aus, wie die meisten Räder aussehen, die über einen längeren Zeitraum abgestellt worden sind. Dreck, Verölungen, Verrostungen und Verbiegungen. Das Rad hatte erkennbar einige Originalteile, die inzwischen selten und entsprechend kostspielig geworden sind.
Wir verabredeten uns mit dem Verkäufer, einem älteren Herrn. Am Morgen des vereinbarten Treffens schickte er noch die vielsagende Nachricht: „Das ist kein Asozialenvierten hier.“

Als wir ziemlich pünktlich vor dem langgezogenen Wohnblock vorfuhren, stand der Verkäufer bereits vor einem der Eingänge. Er sprang auf unser Auto zu und tippelte mit den Fingern an die Seitenscheibe. Ich gab ihm ein Zeichen, dass ich erst einparken wollte. Er lief neben dem Auto her und tippelte unablässig weiter. Wir grüßten und stellten uns kurz vor.
„Ach“, meinte er, „hat die Frau auch mitgedurft?“ Als die Frau dann noch einige sachkundige Bemerkungen zu dem Drahtesel abgab, wurde er etwas ruhiger. Mich hatte dieser sein Auftritt und sein Gerede, so fiel es mir erst viel später bei der Restaurierung auf, aus der Fassung gebracht. Und zwar soweit, dass ich mir eine Bemerkung zum schäbigen Zustand des Rades verkniffen hatte. Es starrte nicht nur vor Dreck sondern war zudem merkwürdig klebrig verschmiert. Obwohl die Fotos des Verkaufsangebotes nicht geschönt waren, war dieser Zustand dennoch nicht erkennbar.

In der Werkstatt erfolgte die eingehendere Sichtung des Fahrrades. Ich tröstete mich mit den Teilen, die nach der Schlachtung des Rades und einer grundlegenden Reinigung noch verwendbar sein würden. Ich hatte keine Idee, was aus dem versifften Rest werden sollte.

 

In der vorigen Woche nahm ich mir den dunkelblaubraunen Hirsch nochmals vor. Nach ersten vorsichtigen Reinigungsproben stellte ich fest, dass die Chromteile durchweg noch brauchbar waren. Mit der Batterie von Reinigungsmitteln, Drahtbürsten, Putzwolle und einem Haufen Lappen sah ich plötzlich einen schönen hellblauen Lack aufleuchten. Ich begann, das Rad zu zerlegen. Stunde um Stunde offenbarte ein wenig mehr seiner früheren Schönheit. Selbstredend hatte auch der Zahn der Zeit am Rad genagt. Der Zahn darf das, das Fahrrad hat immerhin vor 64 Jahren die Klein-Auheimer Manufaktur verlassen..

Es ist fast wie im Märchen. Man ist in einem Prozess eingebunden, der eigenen Gesetzen folgt. Neben der Freude an der nach und nach sichtbaren Ästhetik lauern die Abgründe. Fast kein Teil, das nach einer intensiven Reinigung direkt wieder zu verwenden gewesen wäre. Zum Glück finden sich bei den angesammelten Ersatzteilen doch hin und wieder die zur Komplettierung benötigten Teile. Das Bauer Modell Brillant kann wieder in öffentlichen Räumen rollen. Die Schaltung klickert wie ehedem. Und die Bremsen verzögern tadellos.

 

Als ich noch ein Junge war spielten wir oft am alten Bahnhof. Wenn wir uns zu tief auf das Bahngelände trauten wurden wir von den resoluten Rangierern meist mit groben Worten verscheucht. Im Herbst standen die Bauern mit ihren schwer beladenen Gespannen in der Bahnhofstraße Schlange. Sie warteten darauf, dass ihre Zuckerrübenladungen an der Laderampe in die bereitstehenden Güterwaggons verbracht wurden.
Nebenan war der Güterschuppen, in dem man die schweren Pakete aufgab, die dann per Bahn als Stückgut weitertransportiert worden sind. An das Lehrstellwerk trauten wir uns nicht. Inzwischen hat ein Investor das Areal mit allem darauf gekauft. Das alte Fachwerk der Gebäude verrottet.


Im oberen Teil der Bahnhofstraße, nahe der im letzten Krieg zerbombten Ruine des großen alten Festsaals, wohnte Richard Baumeister. Er lebte mit seiner Mutter in einem der Bauernhäuser. Von einem Vater weiss niemand etwas, aber seine Mutter habe ich einigemale mit Richard zusammen gesehen.
Obwohl ich es nicht genau weiß, bin ich mir dennoch sicher, dass der Richard mit Nachnamen Baumeister hieß. Ich habe inzwischen einige Altersgenossen dahingehend befragt, und alle drei waren wir uns sich seines Nachnamens sicher.

Als ich heute Morgen mit dem Bauer Brillant meine Proberunde drehte, fiel mir der Richard wieder ein. (Es geht nichts vergessen im Leben, auch wenn die Erinnerung keinen Zugriff mehr hat). Er war älter als wir anderen Kinder. An seiner rechten Schläfe hatte er eine mächtige Vertiefung. Keine farbliche Veränderung, keine Narbe; nur diese imposante Vertiefung. Irgendjemand sagte mir, ich solle mich von Richard fernhalten. Ich hielt mich nicht daran. Mir war der Richard seltsam vertraut. Er arbeitete bei einem hiesigen Handwerksbetrieb als Handlanger. Er sei nicht ganz richtig, sagte mal einer Bauern. Für mich war er Einer, den ich um seines Fahrrades wegen bewunderte. Es muss aber noch etwas mitgeschwungen haben. Ich bin mir sicher im Unsicheren.

Der Richard hatte auch so ein blaues Fahrrad. Es war sein ganzer Stolz. Er musste entgegen seiner auffällig einfachen Kleidung Geld zur Verfügung gehabt haben. Denn sein Rad war mit einem Rennlenker ausgestattet. Die beiden Bremszüge und der Schaltungszug waren mit Bowdenzugspiralen verziert. Der Fuchsschwanz, ein Wimpel, die Hupe mit schwarzem Gummiball, rechts und links flatterten aus den Lenkerenden bunte Plastiktroddeln. Ganz klar, er hatte den blauen VDO-Tacho am Lenker montiert.
Er war so voller Freude, wenn er uns ein neues Detail an seinem Rad präsentieren konnte, dass sein Stolz darauf auf mich übersprang und bei mir jeden Anflug von Neid erst garnicht aufkommen ließ. Und ich hätte doch auch so gerne… dies oder jenes..
Für diese Erfahrung, die mich in meinem späteren Leben vor manchen ungesunden Wettbewerben bewahrt hat, bin ich dem Richard noch immer und so auch heute wieder dankbar.
Eines Tages war der Richard weg. Er war nachmittags auf seinem stets sauber geputzten Fahrrad nicht mehr zu sehen. Außerdem waren wir längst auf Kleinkrafträdern unterwegs. Was waren japanische Plastikteile an den ollen Drahteseln gegen Easy Rider und unsere knatternden Böcke.

Bei den beiden anderen Kindkollegen sind die Erinnerungen an den Richard weitgehend verblasst. Und ich erinnere mich nicht mehr die Marke seines blauen Fahrrades. Aber, wie bereits gesagt, es geht nichts vergessen im Leben, auch wenn die Erinnerung momentan keinen Zugriff mehr auf zurückliegende Geschehnisse hat.

 

 

 

 

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Märchenhafte Dunkelwolken

 

Gegen Ende des Jahres war mir defintiv klar, dass ich so nicht weitergehen könne. In dem großen Anwesen war aus der ehemaligen Wohngemeinschaft eine Hausgemeinschaft geworden. Menschen in verschiedenen Wohnungen. Die Themen änderten sich. Kinderwünsche. Berufspläne. Zukunftsträume. Egal ob gemeinsames Grillen im Hof oder die Abende in der Kneipe gegenüber. Die Gespräche drehten sich um die irrsinnige Aufrüstung und die galoppierende Umweltzerstörung. Und dazwischen die Zukunftspläne. Auch darin schwangen bedrohliche Visionen mit.
Ich nahm unangenehme Auflösungserscheinungen wahr.

Ich hatte das Angebot angenommen, in dem Wirtschaftsgebäude des Anwesens meine Firma zu betreiben. Die hatte ich im Jahr zuvor gekauft. Die Zahlen auf der linken Seite meiner Kontoauszüge raubten mir nächteweise den Schlaf. Aber die Aussichten auf wirtschaftliche Prosperität und meine Ideen waren erfolgversprechend.   
Arbeiten und leben am Ort. Sogar im gleichen Haus. Keine allmorgendliche Stausteherei mit der Aussicht auf lebenslänglich in einem Ballungsraum.

Ich hatte zwei kleine gesunde Kinder. Im Sommer hatten wir unseren Urlaub auf der Insel Elba verbracht. Alles lief auf scheinbar ruhigen Bahnen in bester bürgerlicher Ordnung. Die sogenannten „Grundpflichten eines deutschen Mannes“ hatte ich bereits erfüllt. Sohn gezeugt, Baum gepflanzt und ein Haus massiv (um)gebaut.

In der Werkstatt standen einige alte Einzylinder Ducatis. Meine Arbeiten und die gesammelten Belegexemplare zur Geschichte und zum Programm eines deutschen Verlages waren an das Literaturarchiv in Marbach verkauft.

Im Herbst war ich mit einem befreundeten Hausbewohner der Einladung zu seiner Verwandtschaft nach Thüringen gefolgt. Bis dahin bin ich lediglich zahlreiche Male in Berlin (Hauptstadt der DDR) gewesen. Eine Woche im Gegenentwurf eines deutschen Staates. Unbekannte Rituale. Sonderbare Verhaltensweisen. Stetes Schlechtreden des eigenen Landes. Zum ersten Mal leuchtete mir eine gesamtdeutsche Gemeinsamkeit auf. (Der bis heute noch viele folgen sollten). Der äußerliche Verfall des Landes war aber auch nicht zu übersehen.

Vor dieser Reise hatte ich eine nebenberufliche Ausbildung zum Märchenerzähler begonnen.

Meine Entscheidung für die Beschäftigung mit Märchen traf ich nur teilweise wegen des Erzählens. Da waren natürlich die eigenen Kinder. Weit mehr interessierten mich jedoch andere Aspekte. In jenen Jahren erlebten die Volksmärchen eine erneute Renaissance. Kritiklos hochgelobt und mystifiziert einerseits, mit einer vernichtenden Kritik brüsk abgelehnt andererseits. Hier das Seelenheilsame und die brutale Gewalt dort.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mitte. Wie mit jedem anderen Handwerkszeug, ist es hilfreich zu wissen, was und wie man damit sinnvoll umgeht. Den sicheren Umgang damit kann man üben.

Die ständig vertiefende Beschäftigung mit Märchen hat mich für eine Weile über dem Wasser meines Lebensstroms gehalten. Kinder sind als kritisches Publikum unschätzbar, denn sie hören genauestens zu. Kleine Fehler werden sofort lautstark korrigiert. Ich habe Märchenbilder in Beratungsgesprächen verwendet, Vorträge und kleine Seminare für Pädagogen verschiedener Fachrichtungen gehalten.

Am Ende des Jahres traf ich meinen alten Jugendfreund wieder. Im Lauf der personellen Veränderungen im Haus und wegen einiger kleinlicher Meinungsverschiedenheiten hatten wir unseren Kontakt zwei Jahre zuvor schweigend auf Eis gelegt. Wir sprachen auf einer Party miteinander und die beiden vergangenen Jahre waren wie von Zauberhand ausgelöscht. Wortloses Verstehen wie immer.

Ein Konzert besuchten wir an dem folgenden Wochenende. Einen weitergehenden Vorschlag meinerseits musste er ablehnen. Er hatte einen Termin in der Klinik. Als er sich zwei Wochen danach wieder meldete, bot er mir eine Zigarette an. Er knöpfte dabei sein Hemd auf und zog die rechte Seite aus. Von der Rippenseite durch die Achselhöhle bis hoch hinters Ohr zog sich eine Narbe. Man ahnte fast einen Reißverschluss. Alles in Ordnung soweit, meinte er.

Eigentlich war garnichts in Ordnung. Bei mir jedenfalls nicht. Meine innere Welt fiel zusehends auseinander. Ich ritt ein Pferd, das zwischen himmelhohe kahle Bergwände geraten war, die immer enger aufeinander zuliefen. Das Pferd konnte ich schon nicht mehr wenden. Aber immerhin hatte ich noch eine geringe Bewegungsfreiheit.

 

Ganz normale Kindheit

 

Kürzlich sah ich den Film „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“. Der Film basiert auf einer Erzählung von André Heller. Darin werden in poetisierter Form Erlebnisse aus Hellers Kindheit filmisch dargestellt. Mich hat der Film begeistert. Viele Szenen sind in grandiosen Bildern inszeniert. Hellers Lieder und einige seiner Bücher und Projekte beeindruck(t)en mich seit Jahrzehnten. Beim sehenden Genießen des Films sind Erinnerungseruptionen meiner eigenen Kindheit emporgestiegen. Das machte den Film für mich umso sehenswerter.

 

„Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war,
alles war ihm beseelt,
und alle Seelen waren eins.
Als das Kind Kind war,
hatte es von nichts eine Meinung,
hatte keine Gewohnheit,
saß oft im Schneidersitz,
lief aus dem Stand,
hatte einen Wirbel im Haar
und machte kein Gesicht beim Fotografieren.“   (Peter Handke)

 

Die Wege von der Kindheit bis zur Jugend scheinen gleich lang. Kindheit, Jugend, Adoleszens, Erwachsensein – es liest wie eine schöne Schablone. Ich behaupte jedoch, dass Kindheiten unterschiedlich lang sind. Verschieden lange währen. Ein einziger Blick auf die Kindheiten dieser Welt bekräftigen meinen Widerspruch. Kinder unter zehn Jahren, die in Kleiderfabriken für die Billigtextilien der westlichen Welt schuften müssen gehören zu unserem Weltwissen. Sie sind nur ein trauriges Beispiel für das jähe Ende der Kindheit. Bedenkliche Exempel finden sich am anderen Ende der Extreme. Kindheiten, die nicht enden sollen oder wollen. Kind bleiben sollen oder wollen lebenslänglich. Kinder in Abhängigkeiten halten. Oder sich nicht entwickeln wollen; der Bequemlichkeiten halber.

 

Kürzlich hatte ich in einer Einrichtung zu tun, die Menschen mit Beeinträchtigungen Hilfestellungen im alltäglichen Umgang leistet. Auf dem Hof stand eine Mutter und redete auf ihre Tochter im Rollstuhl ein. Sie warteten darauf, dass eine Mitarbeiterin die Tochter in Empfang nehmen würde.
„Dass Du auch ja artig bist!“ Fünf- bis zehnmal innerhalb weniger Minuten trichterte sie ihrer Tochter diesen Befehl ein.
„Denk´ dran, dass Du artig bist!“
Mich berührte diese Aufforderung unangenehm, da sie in dieser Situation völlig unangemessen war.

Ich hatte kaum den Hof der Einrichtung verlassen als mir jäh einfiel, dass ich als Zweijähriger in unserem Haus gegen einen Türpfosten gelaufen bin. Eine Augenbraue platzte an der Kante der Zarge auf. Ich weinte und soll mehrfach ausgerufen haben: Robert artig sein. Vanillepudding. Robert artig sein. Vanillepudding.
Vanillepudding soll mein erstes fehlerfrei ausgesprochenes mehrsilbiges Wort gewesen sein. Ich habe angeblich sehr spät gesprochen, dann jedoch in kindhaften, aber immerhin Sätzen. Der „Vanillepudding“ sorgte jahrelang bei Familienfesten für Heiterkeit. Nicht hingegen wurde über den Sinn oder gar das Warum des Wortes „artig“ aus meinem Mund auch nur nachgedacht. Kindermund tut Wahrheit kund.
Ich werde von alten Leuten noch heute als fröhliches Kind beschrieben.

„Kinder, Kinder“ gilt als lustiger Ausruf.

An diesen Unfall habe ich ebenso wenig eine konkrete Erinnerung wie daran, dass ich ebenfalls im Alter von zwei Jahren vor Frauen schreiend davon gelaufen sei. Ich habe Photographien, die das Gegenteil zeigen. Die Narbe an der Augenbraue trage ich bis heute mit mir.
Die weniger sichtbaren Wunden sind im Lauf vieler Jahre nach und nach vernarbt. Ich bin frei von Phantomschmerzen.

 

„Auf ein Gemüt von Adel wirkt schon ein kleiner Tadel,
vergebens durchgebläut wird stumpfe Niedrigkeit.“  (anonym)

 

Wie die meisten ihrer Zeitgenossen, wurden auch meine Eltern nach den „Ratgebern“ von Johanna Haarer erzogen. Durch die fortschreitende Industrialisierung und die daraus resultierenden sozialen Folgen war die Welt komplexer geworden. Erziehungsratgeber erfüllten das Bedürfnis vieler junger Mütter nach Aufklärung. Johanna Haarers Bücher erlebten viele Auflagen. In den 1930er Jahren passten ihre pädagogischen Empfehlungen ins Konzept der braunen Machthaber. Immerhin noch bis in die 1960er Jahre wurden ihre Bücher verlegt. Nach 1945 wenigstens von völkischen Sichtweisen bereinigt. Methodisch und didaktisch lässt sich die von Haarer empfohlene Form der Pädagogik auf einfache Schlagworte reduzieren. Erzogen werden sollten Kinder und Jugendliche durch Gefühlskälte und unnachgiebige Strenge der Eltern zu Disziplin und Unterordnung der Kinder und Jugendlichen. Haarers ursprüngliches Ziel als überzeugte Nationalsozialistin war dabei, Buben und Mädchen für die HJ und den BDM abzurichten.

 

Meine Erinnerung setzt mit einem Erlebnis ein, das für mich nicht nur das Ende meiner Kindheit markiert. Ich war drei Jahre alt. In unserem Haushalt lebte außer meinen Eltern auch meine Urgroßmutter. Im Zusammenhang mit dieser Urgroßmutter haben sich mir zwei Begriffe fest eingeprägt. Märchen und Verrat.
Als kleines Kind saß ich häufig bei ihr in der Küche. Sie verrichtete ihre Arbeiten und erzählte mir dabei Märchen. Grimms Kindermärchen, auswendig und wortgetreu. Viele Jahre später habe ich selbst professionell mit Märchen gearbeitet. Dabei ist mir bewusst geworden, dass die Auswahl der Märchen, die mir meine Urgroßmutter erzählt hatte, geradezu heilsam gewirkt haben gegen die Erziehung, der ich ausgeliefert war. Verraten hat mich meine Urgroßmutter meiner Erinnerung zweimal.
Beim zweiten Mal hatte sie uns im Hühnerstall erwischt. Zwei Mädchen, Schwestern aus der Nachbarschaft, und ich. Mit heruntergelassenen Beinkleidern. Kichernd ob der sichtbaren Unterschiede. Wir waren etwa sechs Jahre alt. An die Reaktion meiner Eltern auf den Verrat hin habe ich keine Erinnerung. Ihr erster Verrat beendete meine Kindheit endgültig.

 

Ich war mit meiner Urgroßmutter im Kolonialwarenladen meiner Tante Käthe. Tante Käthe hatte keine Kinder. Sie war mit Mitte dreißig bereits verwitwet und betrieb im Anwesen der Familie ihren Kolonialwarenladen. Eigentlich war das eine Dreizimmerwohnung im Erdgeschoss der linken Haushälfte. Das große Wohnzimmer wurde zu dem Ladenlokal umfunktioniert. Tante Käthe war dermaßen kurzsichtig, dass man hinter ihren dicken Brillengläsern ihre Augen als schmale waagrechte Striche wahrnahm.
Ich stand im Laden während sich die beiden Frauen unterhielten. Ich ging hinter die Theke und griff in eines der Gläser der dort befindlichen Bonbonniere. Zwei Pfefferminze nahm ich und steckte sie in den Mund. Weder die Urgroßmutter schien etwas zu bemerkt zu haben und auch Tante Käthe nichts gesagt.
Als wir nach Hause kamen, sagte meine Urgroßmutter nur lapidar: „Der hat gestohlen.“ Ich merkte, dass etwas nicht stimmte, verstand aber nichts. Vor allem, dass ich offensichtlich etwas falsch gemacht haben musste. Was gestohlen bedeutete, wusste ich nicht.
Was darauf folgte, erinnere ich nicht mehr. Die nächste Szene spielte in unserem Wohnzimmer. Mein Vater saß auf einem Stuhl legte mich über seine Knie. Es pfiff kurz und dann folgte der erste von vielen Schlägen. Stöcke aus Rattan pfeifen besonders gut. Vor allem aber hinterlassen sie auf der nackten Haut Doppelstriemen. Aus diesem Grund werden sie noch heute gerne von Folteren für leibpeinliche Strafen benutzt.

Wie hoch sich die Striemen auf meinem Rücken hinzogen weiß ich nicht. Kinderärmchen sind zu kurz, um den ganzen Rücken zu erfassen. Aber nach unten bis die Kniekehlen konnte ich sie fühlen. Das Laufen fiel mir schwer. Mein Lebensweg als kleiner Erwachsener hatte spätestens an diesem Tag mit diesem Erlebnis seinen Anfang genommen.

 

Von nun an „hatte ich Gewohnheiten“,
ob ich
oft im Schneidersitz saß,
aus dem Stand lief – ich weiß es nicht mehr.
Aber ich hatte einen Wirbel im Haar
und machte noch kein Gesicht beim Fotografieren.

 

Fast alle kleinen Kinder sind von Adel. Ihre Unbedarftheit, ihre Offenheit und vorbehaltloses Vertrauen – das alles adelt sie. Gesunde Kinder sind selten stumpft. Sie werden allenfalls abgestumpft. Durch die Menschen in ihrer Umgebung.
Lange bevor größeren Kindern durch die natürliche Entwicklung bewusst wird, dass sie autonome Einzelwesen sind, war ich für mich allein auf der Welt.

 

Alles war mir beseelt,
aber alle Seelen waren für sich und getrennt.

 

Wie ich die nächsten drei Jahre bis zu meiner Einschulung erlebte, das weiß ich nicht mehr. Mir aus diesen drei Jahren ein verbogenes Kind vorzustellen, dem man den Willen bricht und vielfach „gegerbt an Arsch und Rücken“, erniedrigt und gedemütigt – es wäre Einbildung und falsche Anschuldigung.
Zu massiv überlagern die Erinnerungen an meine Schulzeit diese Zeit. Gewiss erinnere ich den Umzug in ein anderes Haus; einige Szenen an Urlaube in Italien und die Fahrten dorthin. Dies sind jedoch Schlaglichter, denen es an farbiger Klarheit fehlt. Dennoch werde ich davon erzählen, denn Menschen werden auftauchen in meinem Leben, denen ich viel zu verdanken habe. Menschen, die mich durch ihre Verhalten und ihre Handreichungen in meinem Menschsein gerettet haben. Die in dem sonderbaren Kind und später schrägen Jugendlichen keine „stumpfe Niedrigkeit“ sondern die Möglichkeiten eines fruchtbaren Bodens gesehen haben.

 

 

 

 

 

 

 

Der Karl und seine Karla

Seinen Werdegang habe ich sinnbildlich verstanden an der grandiosen Serie „Heimat“ von Edgar Reitz. Onkel Karl stammte aus Niederkumbd. Das Dorf liegt im tiefsten Hunsrück. Karl war ein aufgeweckter Knabe. Also ist beschlossen worden, dass der Bub was lernen durfte und sollte. Nach der vierten Klasse stand für den zehnjährigen Karl ein Ortswechsel an. Die weiterführende Schule war die höhere Schule in Simmern. Von Niederkumbd bis nach Simmern ins Gymnasium sind es fünf Kilometer. Karl lief die Strecke zu Fuß. Morgens hin und nach Schulschluss wieder zurück. In der Untertertia wurde Karl konfirmiert. Für das Geschenk legten die Verwandten zusammen. Karl bekam ein Fahrrad. Die verbleibenden fünf Schuljahre fuhr Karl mit seinem Rad zur Schule.

In der Oberprima saß Karl über den Büchern. Er hatte ein Ziel. Sein Fahrrad sah auch nach fünf Jahren noch immer so aus wie vor kurzem erst gekauft. Er liebte sein Fahrrad schraubend und pflegte es entsprechend. Ähnlich nah waren ihm lediglich seine Metallbaukästen. Inzwischen brauchte er keine Bauanleitungen mehr. Er interessierte sich für alles Mechanische. Er konstruierte seit der zehnten Klasse seine eigenen Maschinen. Und er hatte einen Traum. Sein Ziel war es, Ingenieur zu werden.


Für einen Dorfbuben, der es auf eine höhere Schule in der nahen Kleinstadt gebracht und dort einen erfolgreich bestanden hatte, war die nächste Lebensstation die Stadt. Und die hieß in Karls Fall Bingen. Dort gab es eine Ingenieursschule. Das heißt, als Karl dort studierte, hieß dieses Institut noch Rheinisches Technikum. Aber jedermann kannte und nannte es die Ingenieursschule. So hieß sie tatsächlich nach ihrer Umbenennung im Jahr 1937. Mein Patenonkel „machte“ an der Binger Ingenieursschule seinen Ingenieur.


Karl sollte später sein Schwiegervater werden. Zuvor jedoch hatte Karl seine Karla gefunden. Und eine Anstellung als Ingenieur angetreten. Und war Vater einer Tochter geworden. Meine spätere Patentante.
In den 1930er Jahren war man als Ingenieur noch angesehen im bürgerlichen Sinne. Man hatte es bereits zu etwas gebracht denn die Industrien hatten volle Auftragsbücher. Sie boomten, würde man heute wahrscheinlich sagen. Auch Karl hatte eine gute Stelle, aber die Decke des Großraumbüros war ihm ziemlich hoch. Karl wollte hoch hinaus. Und er steckte sich Ziele.


Als Kind fand ich es lustig, dass ein Mann und seine Frau fast gleich hießen. Karl und Karla. Die beiden wohnten vierhundert Kilometer von uns entfernt.
Onkel Karl und Tante Karla. Von Karla wurde bei uns in der Familie nicht gesprochen. Von Karl dagegen schon, allerdings eher belustigt. Wenn er zu uns, oder besser zu meinem Großvater kam, der zwei Straßen weiter in seinem Haus lebte, hieß es schon Tage vorher süffisant, dass der Karl wieder auf der Tank- und Rastanlage Rimberg seine Hühnerbrühe verzehren müsse. Eine Hühnerbrühe auf der Herfahrt und eine auf der Rückfahrt. Er konnte angeblich auch nicht richtig deutsch sprechen. Seine laute und herrische Stimme ist eine der wenigen Stimmen, die mein inneres Ohr auch heute noch zu hören vermag.

 

Anfangs wohnten meine Paten in einem Wohnblock. Dort wohnten ausschliesslich Mitarbeiter, die in gehobenen Positionen im Werk arbeiteten. Ich durfte dort meine Oster- oder Herbstferien verbringen. Goldene Kindertage. Meine Paten waren kinderlos und ich war für sie vielleicht so etwas wie eine schöne Ahnung oder ein frommer Wunsch.
Die folgenden Osterferien verbrachte ich wieder bei meinen Paten. Die waren inzwischen umgezogen. Sie wohnten in einem Reihenendhaus, in dem vier Familien wohnten.  In der Wohnung links unten wohnten meine Paten und rechts oben der Karl und seine Karla.
Gegenüber auf der anderen Straßenseite erhoben sich Wohnblocks. Dazwischen befanden sich, quasi als Trennung verscheidener Welten Parkplätze. Die Parkplätze der Wohnblocks waren fast immer leer. Die Reihe der Parkplätze vor dem Ensemble der Reihenhäuser waren ab 17:30 Uhr belegt.

 

In diesem Haus lernte ich, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind. Durch die Reden von Onkel Karl und Tante Karla. Tante Karla kenne ich eigentlich nur als Kaffeekränzchendämchen. Schlechte Zähne hatte sie. Sie war mir unangenehm. Wenn ich das Pech hatte, dass meine Patentante nachmittags einen Termin hatte, musste ich in Tante Karlas Wohnzimmer spielen. Spielen konnte man das eigentlich nicht nennen. Ich musste einige Stunden gut aufpassen, dass ich nicht beschmutzte oder beschädigte. Dabei hörte ich, was die Kaffeetanten zu erzählen hatten. Auf einen kurzen Nenner gebracht, ging es um wichtige Mitarbeiter (die eigenen Männer) im Werk und aufbegehrende Arbeiter, die es zu nichts gebracht hätten in ihrem Leben. Dazwischen, die Szenenwechsel quasi, füllten Klagen über untaugliche Friseure oder Lobesworte über fähige Ärzte. Ich habe höchstens vier oder fünf solcher Nachmittage erlebt. Dennoch haben diese Redereien meine eigenen Wertmaßstäbe bis heute beeinflusst.
Aber auch der Onkel Karl hat seinen Anteil beigesteuert. Unangenehm ist mir neben seiner schnarzigen Stimme seine Überheblichkeit in Erinnerung. Einmal, als ich bei meinen Paten angekommen war, baten diese mich, oben bei Onkel Karl und Tante Karla mal eben Guten Tag zu sagen. Ich sprang sogleich hoch und klingelte. Onkel Karl öffnete und sah mich von oben bis unten an. Es muss in den Herbstferien gewesen sein, denn ich hatte meine ungeliebte Mütze auf. Ein scheußliches Mittelding zwischen Mütze und Hut mit Ohrenwärmklappen außen dran.

„Wie siechst Du denn aus, wie e lausicher Baurebub mit Deiner Baurekapp!“
„Ich sollte nur Guten Tag sagen.“
„Kumm wieder, wenn Du ordentlich aussiehst. Vorher brauchste net wiederkumme.“ Alles in breiter Hunsrücker Mundart.


Ein Jahr später kam meine Cousine zur Welt. Meine Rolle als Kind bei meinen Paten war zu Ende gekommen. Karl und seine Karla waren für mich kein Thema mehr.
Irgendwann, Jahre später, erzählte mir meine Mutter, Karla sei gestorben. Von uns nahm niemand an der Beerdigung teil. Bei Karl habe ich es garnicht mehr mitbekommen.


Nach der Beerdigung meines Patenonkels kam beim Leichenschmaus das Gespräch auf den Karl. Und ich fragte, wie kamen der Karl und meine Paten denn überhaupt hierher in diese Stadt und in dieses Werk.
Der Karl war doch ein ganz Zackiger. Da half die richtige Uniform in jenen Zeiten. Karls Ehre hieß Treue und er trug bei Gelegenheit eine schwarze Uniform. Er war bei der SS. Der konnte nach dem Krieg bei seinem Unternehmen nicht wieder arbeiten. Schwarze Uniformen waren aus der Mode. Und Karl hatte es in den zwölf Jahren nicht weit genug nach oben geschafft. Er fand aber rasch eine neue Arbeit hier im Werk. Inzwischen hatte auch mein Patenonkel sein Patent als Ingenieur erworben. Der wollte bei Borgward in Bremen einsteigen. Sein Schwiegervater Karl aber hatte es längst zwitschern hören. Borgward war nicht mehr zu retten und ging ein Jahr später in Konkurs. Rechtzeitig holte er meinen Patenonkel Robert ins Werk. In sein Werk. Der Begriff „das Werk“ begleitete meine Kindheit.

 

Karl hatte eine Schwester. Die war als junge Frau von Niederkumbd ins nahe Klosterkumbd verheiratet worden. Im vorgeschrittenen Alter hatte sie sich in einem Altersheim eingemietet. Meine Patentante rief mich an und fragte, ob ich bei dem Umzug ihrer Patentante helfen wolle. Es gebe auch Bücher und andere alte Sachen; ich dürfe mir sicherlich etwas Schönes aussuchen. Ich hatte eine Grippe, aber mit zweiundzwanzig ist man eigentlich unaufhaltbar. Ich fuhr in meinem flotten Golf nach Klosterkumbd.
Ich begrüßte die Patentante meiner Patentante zeimlich befangen. Es war zu der Zeit als die erste Kritik an Altersheimen aufkam. Und die alte Frau war unheimlich gut drauf. Ich half und schleppte Kisten und Kartons. Die Grippe schlug zu, ich bekam Fieber.
Ich sah die betagte Frau in ihrem neuen Zimmer stehen. Sie lächelte in einem fort und schien richtig fidel. Und sprach auch so. Eine letzte Wagenladung noch von der alten Wohnung ins neue Domizil. Ich durfte mir einen kleinen alten Bücherschrank mitnehmen. Er passte gerade so in den Golf mit offener Heckklappe. Ich fuhr nachhause und legte mich mit vierzig Grad Fieber ins Bett.


Eine Woche später rief mich meine Patentante an. Ihre Patentante sei von allen Verwandten unerwartet ganz überraschend verstorben. Beim Anblick des kleinen alten Bücherschranks sehe ich in das lächelnde Gesicht der greisen Frau.

 

 

 

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Achtzehn, zwanzig, Horst…

Die elfte Klasse und die zwölfte Klasse. Dann war endgültig Schluss mit meinem Schülersein. Vorerst jedenfalls. Da halfen auch keine Vorabkopien. Woher der Hausmeister wusste, dass mein Vater semiprofessioneller Jäger gewesen ist; ich weiß es nicht. Für ein Kaninchen gabs eine Mathe- oder eine Englischarbeit als Vorausvervielfältigung. Englisch hätte ich nicht gebraucht, eher eine Information für die anstehende Französischarbeit. Oder Physik.
Der Hausmeister hiess Herbert, war um die fünfzig und er war kein sturer Kopf. Mit einem Schüler wegen einer Arbeit unnötige Diskussionen lostreten, damit einem notfalls ein Karnickel durch die Lappen geht. Da zierte er sich nicht lange.
Das erlegte Kleinvieh meines Vaters half ebenso wenig wie Herberts freigiebige Handhabung des Vervielfältigungsgerätes im stets abgeschlossenen Räumchen neben der Paukerwalhalla. Ich jedenfalls war reif für ein Lehrstück. Nur war mir das damals noch nicht klar. Mit siebzehn hat man mehr verwaschene Träume im Kopf als Vernunft für den entscheidenden Moment. Manche Schüler jedenfalls. Und ich stand auf  der Absprungrampe.

Ob mein definitiver Niedergang in der elften Klasse bereits ihren Anfang nahm, weiß ich nicht mehr. Herbert hatte einen speziellen Keller im Gymnasium. Herberts Bierkeller. Auserlesene Schüler bekamen leihweise den Schlüssel. Für eine bestimmte nur und nach langen Reden. Hinweise, Mahnungen und Warnungen. Wehe…
Irgendwann – jetzt erinnere ich mich; es war in der elften Klasse. Irgendwann also, wurde ich wohl für würdig befunden und durfte mit in den Keller. Wenn ich mich besinne, fällt mir kein Name der Beteiligten ein, dafür ein Gesicht. Und das wahrscheinlich nur dehalb, weil wir beiden im Schuljahr darauf vom Gümmi geflogen sind. Den letzten Brief meines damaligen Klassenlehrers bewahre ich noch immer auf.

Im Keller standen ein Tisch und einige einfache Stühle. Statt der erwarteten Bierkästentürme, standen zwei halbvolle Kästen an der Wand gegenüber dem Tisch. Legenden entschärfen sich, wenn man ihnen, so gut es eben möglich ist auf den Grund geht. Wir waren zu fünft. Es wurde gewürfelt. Um Kleingeld. Und zwischendurch wurde Isidor angerufen, um Beistand für wohlfallende Würfel. Jeder hatte ein Bierchen vor sich stehen. Das Geld dafür landete in einer Blechbüchse. Ehrensache. Und eingedenk der Warnung, falls nicht: dann!!!
Wem ich den Sprung von der elften in die zwölfte Klassse zu verdanken habe weiss ich nicht. Weder mein Engagement noch erjagtes Niederwild hätten dafür ausgereicht.

Gleich zu Beginn der zwölften Klasse wechselten wir von den Würfeln zu den Karten. Meist haben wir einen Bierlachs ausgespielt. Der Bierkonsum stieg dadurch, denn der Sieger einer Runde bekam jeweils eine Flasche Bier. In der Zeit zwischen acht Uhr und der sechsten Stunde konnten das gut fünf Flaschen sein. Indem ich das hier niederschreibe wundere ich mich nachträglich, wie der Biervorrat aufgefüllt worden ist. Es standen nunmehr so um die sechs bis acht Kästen im Keller. (Ob die Oberprimaner vielleicht?…).

Ich spielte mittlerweile ziemlich gut Skat, weil ich zusammen mit einem Freund und seinem Vater spielte. Wir trafen uns mehrmals in der Woche zu einem ganz normalen Skatspiel. Sowohl Vater als auch der Sohn hiessen beide Horst. Horst Hauser senior und Horst Hauser junior. Mit dem Junior verbrachte ich viel Freizeit. Der Alte arbeitete bei einer Behörde. Er hatte einen langen Titel, versah seinen Dienst allerdings auf einer unteren Ebene. Und erklärte uns oftmals, dass die Mitarbeiter mit den längsten Titeln am unwichtigsten seien und am wenigsten verdienten.

Der alte Horst hatte ein Holzbein. Holzbein ist eigentlich Unsinn, die Prothesen waren stabile Leichtmetallstangen mit entsprechend eingestellten Gelenken. Sein Bein hatte er in Russland verloren. Wenn ich die Alten reden hörte, stiegen mir als Kind surreale Bilder auf.
„Der Horst hat sein Bein in Russland verloren.“ (Wie macht man das, ein Bein zu verlieren? Das ist doch festgewachsen.)
„Die Irmgard ist bei dem Fliegerangriff umgekommen.“ (Wie kommt man um?)
„Der Willi ist ja schon im ersten Krieg in Frankreich geblieben.“ (Wieso wollte der denn nicht mehr heimkommen?)
Kinderfragen. Als man meiner Urgroßmutter zuerst die Fußzehe, anschließend den Fuß, dann den Unterschenkel und schließlich den Oberschenkel amputiert hat, wusste ich  noch nicht, was abgenommen in diesem Zusammenhang bedeutet.
„Jetzt haben sie im Krankenhaus Deiner Uroma das Bein abgenommen.“
„Wie hat man ihr denn das Bein abgenommen? Wie geht denn das?“
„Jetzt frag´ nicht so dumm. Das wirst Du später verstehen, wenn Du groß bist.“

 

Der Hauser Horst hat sein Bein in Russland verloren. Während unsrer abendlichen Skatrunden war das kein Thema. Da sind die üblichen Sprüche ausgerufen worden.
„Jetzt aber raus mit der wilden Katze.“
„Auf, lass´ die Hosen runter. Wir wollen die Wahrheit sehen.“

Manchmal mischten sich in die Parolen jedoch auch andere Töne ein. Hatte jemand von uns Jugendlichen einmal eine Flöte einer Farbe auf der Hand, dann rief Horst sen. aus: „Du lieber Gott, der hat ja Pik von hier bis Orel.“
Sein Sohn konterte dann regelmässig mit der Frage: „da wars ganz schön kalt dort in Russland, was?“
„Aber klar doch, da wars so verdammt eiskalt, da haben wir Bogen gepisst, die stehen heute noch.“

 

In jenem Sommer hat dann festgestanden, dass es nun nichts werden würde mit einem Studium. In der zwölften Klasse hatte ich meine Zukunft versenkt. Zumindest war das die Meinung meines familiären Umfelds. So ganz aufgegeben habe ich in meinem Leben allerdings selbst mich nicht.
Ich verbrachte die Nachmittage mit den beiden Horsts. Mit unseren Fahrrädern fuhren wir an eine der Kiesgruben in der Umgegend. Der Alte hatte zwei Besonderheiten an seinem Rad. Eine abgekröpfte rechte Kurbel. Dadurch konnte man mit einer Prothese radeln. Und dem Sattel fehlte die normale Form. Die Spitze fehlte. Wenn der Mann dann so richtig in Fahrt war konnte ihn keine Steigung aufhalten.
Dann dachte ich manchmal daran, dass dieser Mann jetzt weiterfahren könnte von hier bis Orel.

 

 

 

 

 

Wenn die Klingel zweimal klingelt

Ich habe den Handwerkern den Keller geöffnet. An der Elektrik soll etwas geändert werden. Die Kabel der von hier nach dort verlegten Leitungen werden überprüft. Mit Spannungsprüfern werden Lüsterklemmen untersucht. Fragen an mich. Ich kann sie nicht beantworten. Tuschelnd leise Selbstgespräche. Das Prüfgerät gleitet über Wände. Gibt akustische Hinweise auf Kabel unter Putz. Das entscheidende Kabel ist unauffindbar. Fragezeichen unter der Gewölbedecke.

Ich kann auch nicht weiterhelfen. Elektrizitätslehre hatte ich letztmals vor Jahrzehnten im Physikunterricht? Ich kenne lediglich noch die Grundregel des Elektrikers. Rot ist schwarz und plus ist minus.

„Hier in dieser Lampe ist die Birne kaputt. Die können Sie auswechseln.“
Das kann ich in der Tat. Ich hole eine Ersatzbirne und schraube sie ein. Die Dunkelheit bleibt. Ich wusste garnicht, dass an dieser Stelle eine Lampe an der Wand ist. Weiter vorn ist das Licht. Und das funktioniert seit Jahren. Während ich noch die alte Wandlampe mit dem Schutzgitter über der Glasglocke bestaune, steht er neben schräg neben mir.

Edi Klingelmeister. Starkstromelektriker. Der Mann und sein Name begleiten mich seit Jahrzehnten. Hochbetagt ist er vor drei Jahren gestorben. Ich weiss zwar, dass er Edwin hiess, aber alle Welt nannte ihn nur Edi. Edi arbeitete im Dreischichtbetrieb in einem grösseren Unternehmen.

Seinen Ruf als „Spezialist“ erwarb er sich allerdings nebenberuflich. Er hat wohl manchen Neubau verkabelt. Preisgünstig. Es ist manches gemunkelt worden. Mir erzählte er viel später, dass er einen kennt, der vom E-Werk aus die Installationen prüft und abnimmt. Beim Bohren und Strippenziehen, beim Abisolieren, Verdrahten und Löten gab er mir Weisheiten mit auf den Weg, die mich vorerst mehr verstörten und meine Phantasie entsprechend anregten. Einen wirklichen Nutzen zog ich erst viel später daraus.

Der Edi, das fällt mir jetzt auf, hat sich erst in seinen letzten Jahren etwas verändert. Er war dünner geworden. Für mich wird er immer das kleine kompakte Kraftpaket mit dem silbernen Bürstenhaarschnitt bleiben. Leichter Bauchansatz, fleischige Hände und das graue Feinrippunterhemd.

Ich lernte Edi kennen, als er in dem alten Haus, das meine Eltern beziehen wollten, für die elektrische Installation angeheuert worden ist. Und zum ersten lernte ich eines seiner Stückchen kennen, das ich später noch oft miterlebt hatte. Er stand auf der Leiter und aus der Wand ragten verschiedene bunte Kabel. Edi hatte sein Messgerät vergessen.
„Ich kanns ja holen.“
„Nicht nötig. Ich hab´ hier eins. Das hab´ ich immer dabei.“
Er formte aus Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Gabel.
„Das ist doch kein Messgerät.“
„Doch doch, schau mal hier.“
Er hat seine beiden Finger auf die Breite von zwei abisolierten Kabelenden angepasst. Und drückte sie von vorn auf die blanken Kupferdrähte.
„Aah, hier ist die Phase.“
„Das ist doch Strom. Tut das nicht weh?“ Ich war schon mal an die Drähte des Elektrozauns einer Viehweide gekommen und wusste wie das bizzelte.
„Nein, das tut nicht weh. Du musst das nur richtig üben. Ich messe 110, 220 und 380 Volt auf diese Weise. Aber nicht jeden Tag. Letzten Sommer in Russland…“

Edi wohnte mit seiner Frau in einer improvisierten Wohnung. Kein Schnickschnack. Schmucklos. Kinderlos. Ich erinnere mich aber, dass die beiden eine Zeit lang ein Kind bei sich wohnen gehabt hatten. Edis Frau war die Lotti. Ebenso gedrungen und kompakt wie der Edi. Sie war in ihrer Jugend Damenringerin. Ihr meines Wissens einziger Luxus waren Reisen. Von drei Reisen weiss ich. Bei zweien war ich Zuhörer der Reiseerlebnisse gewesen.

Mitte der 1960er Jahre waren Edi und Lotti auf einer Reise in der Sowjetunion. Damals war das noch ein Abenteuer. Sie waren mit einem Opel Commodore Coupé unterwegs. Karosserie silbermetallic, schwarzes Vinyldach. Edi hatte den Wagen für seine Zwecke hergerichtet. Flüssigkeitsbehälter in den Türen. Für Trinkwasser. Unauffällige Halterungen, damit man unbemerkt aus dem Auto heraus fotografieren konnte.

Vier Wochen waren die beiden unterwegs. Hatten tausende Kilometer weggeschrubbt und allerhand erlebt. Und davon erzählt.
„Sag mal Edi, Du hast Dich wohl überhaupt nicht für kulturelle Sehenswürdigkeiten interessiert? Nur fürs Essen und Trinken und die Armut der Leute.“
„Das kannst Du so nicht sagen. Überall, wo wir Station machten haben mich natürlich die elektrischen Installationen zu sehen gereizt. Zum Glück hatte ich genug Werkzeug und Material dabei. Da war nämlich eine Menge zu reparieren. Ihr glaubt ja garnicht…“
Ein Gelächter hob an unter den Zuhörern. Edi war schließlich bekannt.
„Der Edi hat den Kommunisten das Licht gebracht.“ Erneutes Gelächter brauste auf.
„In einem Dorf war der Strom schon seit einer Woche ausgefallen. Ein Fehler im Generator. Ein Mords Trumm von einem Teil. Sechs Stunden habe ich gebraucht. Dann lief das Ding wieder und es ward Licht.“ Annerkennende Blicke.
„Zwei Tage haben uns die Leute danach noch bewirtet. Dann kam jemand aus dem Nachbardorf. Irgendwas schien zu flackern. Nix verstehn, versteht Ihr? Wir verabschiedeten uns also und fuhren ins Nachbardorf. Der Dorfchef fuhr bei uns im Commodore mit. Dem sind fast die Augen rausgefallen. Nix Moskwietsch.
In der Kolchose liefen einige Maschinen nur mit halber Last. Ich also das Messgerät raus,“ und er legte Daumen und Zeigefinger zum Bogen,“ und stelle gleich fest, dass nur 220Volt rauskommen, wo 380 rauskommen sollten.“

Er hatte den Fehler natürlich bald gefunden und weil das Material zur Reparatur gefehlt hatte, half er mit seinen Sachen und setzte den Schaden so gut es eben ging instand.
„Auch dort, in dieser Kolchose sind wir eingeladen worden. Da wurde gefeiert als gäbs kein Morgen. Ich trinke ja keinen Akohol. Und wenn ich genug Material hätte, könnte ich dort gut leben.“

Die Sensation von Edis Russlandfahrt war abgeebbt. Für mich standen die Sommerferien an. Eine Fahrt war geplant. Für drei Wochen mit den Pfadfindern nach England. Edi arbeitete abends bei uns im Haus und hatte selbstredend für eine Englandreise den guten Rat schlechthin.
„Die Engländer können nicht kochen. Das Essen dort ist ganz schlecht. Merk´ Dir also folgendes: wenn das Frühstück lecker ist, dann schlag´ Dir den Ranzen voll bis er spannt. Denn dann sind die anderen Essen ungeniessbar. Und wenn der Lönsch“, er meinte den Lunch, „zufälligerweise geniessbar ist, dann iss´ auf Vorrat. Und mach´ das jeden Tag, dann brauchst Du dort nicht zu verhungern “
Das Essen in meiner Gastfamilie war einfach und sowohl morgens, mittags als auch abends geniessbar. Anders als zuhause zwar aber ich lernte so die englische Alltagsküche kennen.

Manche Sätze, so absurd sie auch sein mögen, bleiben hängen. Als das grosse Kind erstmals in den Sommerferien zu einem Sprachkurs nach England gefahren ist, gab ich ihr den gleichen scheuklapprigen Rat.

 

Edi lebte schon einige Jahre im Ruhestand. Mit der Lotti hatte er sich ein Haus gekauft. Die Wohnräume waren ebenso praktisch wie schmucklos eingerichtet. Der Edi und die Lotti brauchten halt kein Brimborium. Ausser im Keller. Das war Edis Reich. Räume voller „Material“.
„Weisst Du“, sagte er mir bei einem meiner letzten Besuche dort, „weisst Du, alles kann man irgendwann mal brauchen. Und wenns nur zum Wegwerfen ist.“
Sein Auto stand längst nicht mehr auf seinem Hof. Dort sah es inzwischen aus wie auf einem Schrottplatz

 

Meine letzte Begegnung mit seinem handwerklichen Können hatte ich vor einigen Jahren gehabt. Und ein Könner war er in der Tat gewesen. Ein Nachbar hatte Probleme mit dem Heizstrahler im Badezimmer. Den hatte Edi in den 1970er Jahren dort installiert und angebracht.
„Der geht nicht mehr. Wir brauchen den ja auch nicht mehr seit wir Heizung haben im Bad. Könntest Du uns den wegmachen? Ich war schon beim Edi, aber der steigt auf keine Leiter mehr.“
„Ich kanns mir ja mal ansehen.“
Es war die typische Edikonstruktion. Vier verschiedene (gefundene und gesammelte?) Schrauben hielten den alten Strahler an der Wand. An dem Teil hätte man Klimmzüge machen können.
„Au Backe! Was soll ich denn jetzt mit den acht Kabeln machen, die mich da aus der Dose anschauen?“
„Ei, ich habe Lüsterklemmen und Isolierband. Wenn Du…“
„Schon gut, gib´ mir mal den grossen Schraubendreher dort. Ich will die Kabelenden schön auf Distanz voneinander bringen. Dann können wir sie sichern.“
Gesagt getan. Ein Kabel nach links weg, eins nach unten links, eins nach oben, eins… Es knallte laut und mir versetzte jemand einen Hammerschlag gegen den Ellenbogen. Der fette Schraubenddreher flog auf den Boden.
„Das war knapp. Der Schraubendreher ist hin.“ Am Blatt war eine tiefe Kerbe. Da lag eine Phase frei. Für Kraftstrom. Und ich hatte mit dem Werkzeug nicht mal das blanke Ende berührt.

„Tja, der Edi. Jetzt fällts mir wieder ein. Der hatte damals mehrere Kabel als Reserve verlegt, als er den Heizstrahler angeschlossen hat. Falls uns der nicht genügend warm machen würde, könnte er das ändern. Aber für uns hats immer gereicht.“

 

Menschen begleiten mein Leben. Manche habe ich vergessen im Lauf der Zeiten. Der Edi ist heute Morgen schräg neben mir wieder aufgetaucht. Unten im Keller. Den hatte er vor über fünfzig Jahren auch elektrifiziert.
Die kaputte Birne habe ich gegen eine neue ausgetauscht. Die brennt auch nicht. Ich lasse alles so wie es ist. Das Licht hinten an der Wand habe ich vorher nie bewusst wahrgenommen. Und die vordere Lampe gibt genügend Licht.

 

 

 

 

 

 

Ist das wirklich nötig? Auf jeden Fall!

. . . Wie wir im Gespräch auf das in Deutschland noch immer existierende mittelalterliche Zunftwesen gekommen sind. Ich erinnere mich nicht mehr. Schornsteiger oder Bestatter. Berufsgruppen mit der Lizenz zum zünftigen Abkassieren. Ermöglicht durch teilweise aberwitzige Verordnungen und Vorschriften. Ein Widerspruch ist zwecklos. Obwohl er sinnvoll sein kann für zeitgemässe Veränderungen.

Übermorgen wird der Schornsteinfeger kommen. Fegen wird er nicht mehr. Er wird sein Spieglein im 45° Winkel in den Kamin halten. Wie jedes Jahr wird er alles in Ordnung finden und sich mit der Überreichung einer Rechnung freundlich verabschieden. Bis zum kommenden Jahr dann.

Billige Särge habe ich im Internet gefunden. Regelkonform zu den vielfältigen Sepulkralverordnungen der deutschen Kommunen. Ich möchte schliesslich meinen Hinterbleibenden nicht unnötige Kosten für die Verwertung meiner körperlichen Hinterlassenschaften zumuten. Aber so weit ist es zum Glück noch nicht.

Sinnvoll
Zeitgemäss
Veränderungen

???

Ja, jetzt fällts mir wieder ein. Diese Themen kamen im Zusammenhang mit dem Blog aufs Tapet. Mit diesem Blog.

Ein neuer Blog? Ist das wirklich nötig?
Nö, das ist nicht nötig.

Warum also trotzdem? Zu viel Zeit? Um der Anerkennung willen?

Offen gesagt, nichts von alldem. Es wird nicht mein erster Blog sein. Mit meinem ersten Blog habe ich in über zehn Jahren reichlich Erfahrungen im virtuellen Verkehr sammeln können. Ich schrieb über andere Themen.

Und haben Sie denn nach der langen Zeit immer noch nicht den Kaffee auf? Bei den Elaboraten, die da tagtäglich verzapft und in die Welt posaunt werden? Haben Sie keine Kommentare gelesen und verfolgt? Das System Blog am Ende verstanden?

Doch doch. Sie mögen in dieser Hinsicht durchaus Recht haben. Aber gerade aus diesem Grund habe ich ein Vergnügen daran, ein Gegengewicht auf die Waage zu legen.
Mein neues Thema sind Menschen. Menschen, denen ich auf meinem Lebensweg begegnete. An diese Menschen werde ich mich in diesem Blog erinnern. Lebensnovellen. Menschen, die mich beeindruckt und dadurch meinen Lebensweg beeinflusst haben. Menschen, die im Guten wie im Schlechten gewirkt haben. Wobei sich schlecht auf den Moment der Handlung bezieht. Heute sehe ich rückblickend das damals Schlechte als das „Nochnichtgute“ an. Am Ende hat auch das scheinbar Üble mir weitergeholfen. Ausserdem werde ich auch über flüchtige Begegnungen schreiben. Manchmal sind es doch nur fünf oder zehn Minuten, in denen wir einem Menschen ganz nahe sind. Und diese Episoden sind zutiefst menschlich und werden berichtenswert.

 

Aber grau, liebe Menschen, ist alle Theorie.
Wenn Sie mögen, schauen Sie gelegentlich vorbei. Es wird hier keineswegs langweilig zugehen.