Flachmann statt Fachmann – manchmal besser

Man stelle sich die folgende Situation vor. Bei dem Versuch die Frontscheibe des Automobils zu säubern, betätigt man den Scheinwischer und besprüht dabei die Scheibe.
Der Scheibenwischer funktioniert zwar, aber es kommt kein Wasser auf die Scheibe. Mögliche Ursachen können sein, dass der Wasserbehälter leer ist, die Wasserschläuche lecken oder die Düsen von Dreck verstopft sind. Ein schlimmer Fall ist ein Riss im Wasserbehälter und am schlimmsten, weil am teuersten, wäre eine defekte Pumpe.

Den Wasserstand prüfen, die Schläuche untersuchen und mit einer Stecknadel die Düsen freistechen kann man selbst. Die Pumpe gibt bei der Betätigung des Scheibenwischerhebels noch Geräusche von sich. Aber es kommt kein Wasser. Es kann also nur eine Kleinigkeit sein – aber welche?

Ich fahre in die Werkstatt. Ich schildere den Fall. Der Gesichtsausdruck des Fachmanns verblüfft mich. Nimmt er mich nicht ernst oder erkennt er die Katastrophe, vor der ich noch nichtsahnend stehe?
„Dieses Phänomen kenne ich nicht. Hatten wir noch nie.“ Dabei hantiert er am Hebel und unter der Haube.
„Ich könnte jetzt nochmal mit einer feinen Nadel…“, — — „…das habe ich doch bereits getan.“
„Tja, können Sie den Wagen hierlassen?“
„Und was werden Sie dann machen?“
„Wir werden zuallererst auf jeden Fall die Fahrertür ausbauen, damit man besser an den Wischerhebel kommt.“ Nun scheint ihn jedoch mein Gesichtsausdruck zu befremden. Aber er bleibt sachlich kühl und fährt fort.
„Dann werden wir den Wagen auf die Bühne stellen, die Räder demontieren und das Getriebe samt Auspuff und Katalysator ausbauen. Wir werden dann nachschauen, ob die Wasserleitungen eventuell vom Bremspedal gequetscht werden. Wir müssen ja ausschliessen, dass wir gegebenenfalls die Karosserie vom Fahrgestell abheben müssten. Das wäre ungünstig, weil …“

 

Die Geschichte erscheint unglaubwürdig? Das kann sein. Sie ist mir gestern auf dem Rückweg von einer Spezial-Werkstatt eingefallen.

 

Letzthin wurde der Kauf eines neuen Notebooks fällig. Eines neuen gebrauchten Notebooks versteht sich Das alte Maschinchen hatte viele Jahre treue Dienste geleistet. Eine Aufrüstung (was für ein Wort in diesen Zeiten) auf ein moderneres Betriebssystem war aufgrund der vorhandenen Kapazitäten nicht möglich. Im nächsten Computerladen wurden wir fündig. Ein generalüberholtes Markengerät zum vernünftigen Preis. Zuhause die üblichen Zeitinvestitionen in die Individualisierung des neuen Notebooks stecken.
Vor einigen Tagen begann das Ärgernis, das viele Menschen kennen, die ihr Notebook mit einer extern angeschlossenen Maus betreiben. Beim Schreiben eines Textes springt der Mauszeiger plötzlich an eine andere Stelle im Text.

Das Phänomen ist bekannt und in verschiedenen Foren findet man unterschiedliche Lösungsvorschläge. Die meisten fnktionieren gut. Meiner Erfahrung nach deaktiviert man das Touchpad des Notebooks in solchen Fällen. Das geht, wenn man weiss wo und wie, ziemlich rasch.
Also kein grösseres Problem – oder doch?
Bei dem zur Rede stehenden Notebook gelangt man, wie gehabt zu dem Fenster, in dem die Eigenschaften des Touchpads angezeigt werden. Dort befindet sich die Schaltfläche zum aktivieren bzw. deaktvieren des Touchpads. Äääähhh ??? Wieso fehlt hier im Fenster diese Schaltfläche?
Also ab ins Internet und in die Foren. Dieser spezielle Fehler mit der fehlenden Schaltfläche scheint eher selten zu sein. Es sind keine Lösungsansätze zu finden. Man könnte das Touchpad natürlich komplett weglöschen und deinstallieren. Und was, wenn man mal unterwegs das Notebook doch mal nutzen möchte? Das ist eher unwahrscheinlich; trotzdem. Man vertut sich vielleicht eine Möglichkeit. Überdies bin ich grundsätzlich vorsichtig mit vorschnellem löschen und deinstallieren.

Nach dreistündigem Suchen und Fluchen beschliesse ich, in den Computerladen zu fahren, um dort Rat zu holen.
Spätestens jetzt erinnern Sie sich bitte an die Geschichte von der Scheibenwischanlage oben. In Kürze ergab sich folgendes Gespräch.

„Diesen Fehler gibts doch garnicht.“ Es kostete einige Überredung, dass man im Notebook selbst nachschaute und sich von der fehlenden Schaltfläche überzeugte. Und noch mehr Überredung, mal einen Text zu tippen.
„SO einen Fehler haben wir noch nie gehabt.“
„Und warum sind dann Foren voll von Fragen und Lösungsvorschlägen zu diesem Thema?“

Und nun begeben wir uns in die fiktionale Autowerkstatt.
„Mein Vorschlag, bot der Fachmann an, „Sie lassen das Notebook hier. Wir machen eine komplette Sicherung aller Ihrer Daten, bauen die Festplatte aus, bauen eine andere Festplatte ein, spielen evetuell auch ein anderes Betriebssystem auf und prüfen dann alles. Taucht der Fehler dann erneut auf, tauschen wir noch das Touchpad. Dann alles retour; wir bauen Ihre Festplatte wieder ein und spielen alles wieder auf und fertig.“
„Sie haben aber eben gesehen, dass das Touchpad einwandfrei funktioniert? Zudem möchten wir es lediglich deaktivieren.“
„Das kann ja sein, dass es funktioniert, aber warum sind Sie dann gekommen?“
„Weil wir das Touchpad deaktivieren wollen und die entsprechende Schaltfläche fehlt.“
„Es ist aber doch sowieso viel praktischer, mit dem Touchpad zu arbeiten.“

An diesem Punkt wurde mir klar, dass ich jetzt und sofort diese Veranstaltung verlassen musste. Erinnerungen an meine ersten Jahren mit Computern und dem Umgang mit den sich so gebenden Spezialisten tauchten ungut auf. Ich will sofort zurück in die Gegenwart. Bei fast allen mir jemals bekannt gewordenen Computerhandwerkern ist deren Denken maximal auf null-eins oder on-off programmiert. Problemlösungsphantasie? – weit gefehlt! Welch ein Unterschied zu den Anwendern, die tagtäglich mit ihren Maschinen arbeiten müssen.
Was war mir denn in den vergangenen fünfzehn Miunten widerfahren?
Ich stand an einer roten Ampel und wartete auf grünes Licht. Dabei fiel mir die Geschichte mit der Autowerkstatt ein. Dort kann man zwar auch allerhand erleben aber solch einen Irrsinn kaum.

Zuhause ist man inzwischen nicht müssig gewesen. Weitere Foren sind durchsucht worden. Ein Beiträger hat nach langem Suchen offenbar selbst eine praktikable Lösung gefunden.
Wir tauchen ab in die Registratur (nur machen, wenn man weiss, was man da tut!) und suchen die Eintragungen für das Touchpad. Dort tauschen wir den Zahlenwert 11 auf die von dem Poster angegebene 33.
Wir schliessen die Fenster und warten auf das Fenster mit der Aufforderung zum Neustart des Computers. Eine bange Sekunde. Nichts passiert. Wir fahren die Maschine runter und starten sie dann neu.
Das Touchpad reagiert nicht mehr auf entsprechende Berührungen. Schnell weiterklicken bis zum Fenster mit den Eigenschaften für das Touchpad. Sieh´ da – die schmerzlich vermisste Schaltfläche zum aktivieren und deaktivieren des Touchpads ist wieder da.

Der Rest ist gimme five und ein Störtebeker zum Feierabend.

 

Eine Zeit lang habe ich einem körperlich sehr beeinträchtigten jungen Mann als Studienassisstent beigestanden. Er studierte Medieninformatik. Ein relativ neues Studienfach, von dem Spötter behaupten, es sei für Studierende, die in Mathe zu schwach für Informatik und zu wenig kreativ für Grafik/Design seien. Mir ist aufgefallen, dass ausnahmslos alle Dozenten vom Spielen herkamen. Sie sind seit ihrer Jugend Spieler gewesen. Atari, Commodore oder Sinclair waren Namen, die häufig genannt worden sind. Maschinen, auf denen sie spielten und bald auch eigene Programme entwarfen zum Spielen.
In den ersten beiden Semestern waren den Studierenden die meisten Aufgaben im Umfeld von Spielen gestellt. Da ich als Begleiter eine Ausnahme im alltäglichen Studienbetrieb gewesen bin, nutzten die Dozenten Freiräume zwischen den Übungen für Gespräche mit mir. Was mir dabei aufgefallen ist, war ihre erstaunliche Kritiklosigkeit wenn es um die Realität ging.
„Verkürzt kann man also sagen, fragte ich in einem Gespräch, wenn die Menschen sich in einer entsprechend soziologisch programmierten Datenbank wie Nullen und Einsen verhalten würde, wäre die Welt in Ordnung?“ Mein Gegenüber, ein Datenbank- und KI-Spezialist lächte und lobte: „Sie haben das Optimum des Ganzen und unseren Bildungsauftrag hier verstanden.“
Leider habe ich damals nicht nachgehakt: was ist denn das Optimum des Ganzen?

Eine aktuelle Entwicklung hilft mir vielleicht dabei, das Optimum des Ganzen besser zu verstehen. Seit etwa zwei Jahren tauchen nach meiner Wahrnehmung Generatoren für Textbausteine auf. Zunehmend mit Hilfe der KI (künstliche Intelligenz) perfektioniert, kann man inzwischen anhand einiger weniger Wörter und entsprechenden Vorgaben, ganze Texte entstehen lassen. Was das im sozialen Miteinander für unsere schriftliche Kommunkation bedeutet, kann man sich einmal ganz in Ruhe durchdenken.
Wer weiterhin selbst schreiben möchte, dem wird man in wenigen Jahren in den Schreibprogrammen durch entsprechende Programmapplikationen (Apps) nicht nur die Rechtschreibung, sondern auch den individuellen Schreibstil verbessern.
Die hilfreichen und kostenlos arbeitenden Menschen auf dem Weg dahin sind die Spieler, die sich nicht beherrschen können und schon mal die kostenlos verfügbaren Quellen im Internet für ihre privaten Spielchen benutzen. Dass sie damit mit den Initiatoren dieser Seiten kommunizieren und deren KI-Aplikationen füttern, ist sowohl den Betreibern nur Recht und den Spielern offenbar egal.
Sie wollen doch nur spielen.


Jeder einzelne Mensch kann, wenns drauf ankommt, mehr als er sich selbst zutraut. Auch faszinierende Texte schreiben.

 

 

Wer die Fotografie anklickt, wird einen Steinbruch voller Möglichkeiten entdecken)

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Dienstag mittags bis abends – normales Leben

Dienstag. Es passt alles zusammen für die Erledigungen und das Vergnügen in der grossen Stadt. Mit der Bahn in die Stadtmitte. In den nördlichen Stadtteil zum Fachmann, der meine Fotografien drucken wird, anschliessend in den Süden zu meinem Antiquar. Von dort wieder in den Norden, die Fotografien abzuholen und zu guter Letzt wird sich die Familie in einer alten Traditionswirtschaft treffen.

Der Rucksack ist gepackt. Zuhause ein letzter Blick auf den Fahrplan. Die S9 werde ich nicht mehr kriegen, dafür werde ich den Regionalexpress nehmen. Am Bahnhof lese ich, dass der Regionalexpress fast 45 Minuten Verspätung haben wird. Dafür wird die S8 angezeigt, die laut ausgehängtem Fahrplan jetzt garnicht fahren sollte. Egal, S8 und S9 befahren die gleiche Strecke. Ich frage mich zum ersten Mal,  warum die beiden Züge, die im 20-minütigen Wechsel auf der gleichen Strecke fahren, verschiedene Nummern haben.
Die S-Bahn fährt ein. Maske aufsetzen gegen die ekelhaften Parfums und Duschgelees. Na also, läuft am Ende eben doch glatt, wie meistens. Ich bin, wie man heute sagt, etwas eng getaktet. Mir fällt sofort der schwere Sprachunfall Zeitfenster ein.
Die Frau mir
gegenüber erhebt sich nach zwei Stationen und zeigt mir ihren Kleinbildschirm. Ich verstehe nicht und frage. Sie winkt ab – kein Englisch, kein Französisch; nach Spanischkenntnissen frage ich nicht mehr.
Wir verständigen uns dennoch anhand unserer Fingerzeige auf dem Bildschirm: Sie möchte in der grossen Stadt zum Hauptbahnhof. Kein Problem, da will ich auch hin. Drei Stationen vor dem Hauptbahnhof hält der Zug am Flughafen. Ich höre gerade noch die Durchsage, dass unsere S-Bahn heute auf einer anderen Route in eine andere Stadt und nicht zum Hauptbahnhof… WIR ENTSCHULDIGEN UNS DAFÜR. Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Jahren hören müssen. Es wird nicht einmal mehr um Entschuldigung gebeten.

Nichts wie raus. Mein Gegenüber versteht natürlich nichts. Ich gestikuliere, winke und schneide Gesichter. Sie folgt endlich und die S-Bahn rauscht davon. Wir stehen auf dem Bahnsteig und die Frau will natürlich wissen, was los ist. Sie zieht ihr Wischfon aus der Handtasche und spricht. Slawische Sprache? Sie hält mir ihren Bildschirm vors Gesicht und ich lese: Was ist los?
Ich rede spontan, sie unterbricht mich und hält mir ihr Gerät vor. Ich erkläre, ins Daddelgerät sprechend, was hier los ist. Sie liest und nickt. Im kleinen Fensterchen sehe ich Buchstben und Wörter. Wieder spricht sie ins Mikrofon und ich lese: Ich bin aus der Ukraine, Du musst mir helfen sonst bin ich verloren.
Rufen Sie Robert, den Retter verirrter Damen auf Bahnsteigen. Ausgerechnet ich auf dem weissen Pferd. Wir warten eine Viertelstunde, dann fährt die S9 ein. Alle sonst vorgebrachten Gründe der Ansagen, Zug im Gleis voraus, Selbstmörder auf der Strecke oder Signalstörungen scheinen erledigt. Die S9 fährt exakt die Strecke, die eben noch wegen angeblicher Störungen von der S8 unbefahrbar blockiert gewesen ist.
Inzwischen weiss ich auch, wie die Frau weiterfahren möchte und mache ihr klar, dass ich es ihr zeigen werde. Sie hat nur sehr wenig Zeit, um zum planmässigen ICE zu kommen. Wir entwinden uns dem unterirdischen Labyrinth und sputen uns auf Treppen und in Fluren und erreichen pünktlich Gleis 16. Der ICE wartet schon. Sie will sich umständlich bedanken und ich kriege dieses Nichts für ungut auf serbokroatisch nicht mehr zusammen. Ich rufe Priatno und sie erwidert es. Wir lachen und winken uns kurz zu. Ich drehe mich um und rase runter ins Gedärm der U-Bahn. Ich habe es eilig.

Beim Drucker muss es etwas schneller gehen heute. Anschliessend nehme ich die Strassenbahn in den südlichen Stadtteil. Die Fahrt dauert etwa 35 Minuten. Die Beschreibung der Menschen, ihres Aussehens und Verhaltens in der Bahn ergäbe leicht einen Roman. Der Herr von Kügelgen schrieb in seinen Lebenserinnerungen, dass die genaue Beschreibung eines normalen Vormittags ein ganzes Leben in Anspruch nähme.
Eine freundliche Begrüssung bei meinem Antiquar. Wir kennen uns seit dreissig Jahren. In Frankfurt gibt nur noch drei Antiquare, die sich den Luxus eines Ladenlokals leisten. Wir haben uns seit einigen Jahren schon nicht mehr persönlich gesehen. Es gibt viel zu erzählen. Vom Irrsinn des modernen Lebens im allgemeinen und den Geschäften mit Büchern im besonderen. Die Zeit läuft weg. Ich will den Drucker noch vor seinem Feierabend erwischen. Ein schneller Abschied mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben.

Ich haste zum nächsten Taxistand. Ich habe es inzwischen sehr eilig und nenne das Ziel. Wir kommen schnell ins Gespräch. Schliesslich war ich vor Jahrzehnten selbst als Kutscher in dieser Stadt unterwegs. Der Fahrer stammt seinem Aussehen und Dialekt nach zu urteilen aus dem Nahen Osten. Wir reden übers Taxigeschäft und er gerät darüber in Rage. Als er gerade beschleunigt, blitzt das rote Licht einer mobilen Radarkontrolle auf. Nun gerät sein Blut in Wallung. Ich versuche, ihn zu beruhigen. Die dreissig Euros sind die ganze Aufregung nicht wert. Von wegen. Ich lasse eine Litanei über mich ergehen. Erwähne noch seine gute Gesundheit, um ihn abzulenken.
Meine Zeit wird knapp. Ich frage, ob er mich gleich wieder zurückfahren möchte. Schliesslich liegt die schönste Verabredung noch vor mir. Er will natürlich gerne warten.
Als ich das Taxi wieder besteige, dankt mir der Kutscher. Für was denn? Das Trinkgeld kommt doch erst am Ende der Fahrt. Nein, ich habe ihn an seine Gesundheit erinnert. Nun ist der Mann wie verwandelt und erzählt eine sehr private Angelegenheit. Ein Glaubensbruder habe ihn um seine Ersparnisse gebracht. Fünfstelliger Betrag. Wir bereden einige Möglichkeiten. Fast zu schnell erreichen wir den Taxistand, an dem die Fahrt begann. Wir verabschieden uns mit Handschlag und wünschen uns alles Gute.

Nun hurtig um zwei Ecken und ich stehe vor dem Dax. Man betritt die Wirtschaft und der Irrsinn der Grossstadt bleibt draussen. Ich sitze mit den Herzensmenschen am rustikalen Tisches. Bembel und Gerippte werden rasch gebracht, der Kellner hat wie gewohnt seine humorvoll schlauen Sprüche drauf. Auch hier im Daxbau waren wir schon länger nicht mehr. Nach schmackhaften Schäufelchen, Grillrippchen und Frankfurter Schnitzel bringen Mispelchen Erleichterung, damit sich der Magen nicht so schwer tut. Es ist ein leichter und lustiger Abend geworden. Wir fühlen uns gut aufgehoben in der Welt, nehmen Abschied voneinander und fahren zurück aus der Stadt in unsere Orte.

Dass auf die Rückfahrt mit der Bahn in die Kleinstadt nicht reibungslos verläuft verwundert eigentlich nicht. Unsere gute Laune kann der Einsatz eines Notarztes im Gleis nicht verderben. Ich bin heilfroh, dass ich nicht mehr in einer Grossstadt lebe.

Begegnungen vor Zeiten

 

 

 

Es hat sich etwas verändert. Einige Tode im vergangenen Jahr haben mich tief berührt. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob es sich um einen Schulkameraden oder eine bekannte Persönlichkeit handelt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer hat sicher mit meinem eigenen Alter zu tun. Ich sehe in der Sanduhr meines Lebens, wie es scheinbar immer schneller rieselt. Objektiv betrachtet stimmt das zwar nicht, aber emotional wirkt es eben doch.

Neulich bin ich im Morgengrauen aufgewacht und mir sind etliche Kegelbrüder meines Grossvaters eingefallen. Namentlich und mit ihren Berufen. Es lässt sich natürlich alles erklären. Karl L. war gleichzeitig auch unser Hausarzt. Und Ludwig B. war für unsere Installationsarbeiten zuständig. Paul W. hatte eine Stanzerei. Und er fuhr einen Opel Kapitän.

Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Nein, ich muss neun Jahre alt gewesen sein. Bei Paul W. hatte ich meine erste Arbeitsstelle. Für einen Tag lang. Warum man mich dorthin geschickt hat oder welche Vorverabredungen dafür getroffen worden sind, weiss ich nicht. Das lässt sich auch nicht mehr herausfinden. Wichtig war jedenfalls, dass ich bis hundert zählen können musste. Auf dem Arbeitstisch vor mir lag ein Haufen Unterlegscheiben und ein Stapelchen dünner Drahtstücke.
Meine Aufgabe bestand nun darin, je hundert Unterlegscheiben auf ein Drahtstück zu fädeln und die beiden Enden dieses Drahtstückes anschliessend zu verdrillen. Am Ende jenes Tages zahlte man mir meinen Lohn aus. Auf den Tisch wurden hundert Pfennige hingezählt. Eine Mark für einen Tag. Das heisst, ich weiss garnicht mehr, ob ich tatsächlich acht Stunden lang gearbeitet habe.
Da ich jedoch ein Pausenbrot dabei hatte und dieses mit den Schlossern verzehrt habe, bin ich wohl länger als zwei, drei Stunden in der Stanzerei gewesen.

Ich habe den Eindruck, dass immer öfter, auch durch scheinbar belanglose Nebensächlichkeiten, die verschüttetsten Erinnerungen über den Saum des Bewusstseins aufgespült werden. Manchmal stellen sich sofort Bilder ein. Ein anderes Mal ist es schier unmöglich die Einzelheiten in einer klaren Erinnerung zu sehen. Das blitzt allenfalls eine isolierte Situation geradezu skizzenhaft auf.

So geschieht es mir auch mit den oben genannten Kegelbrüdern meines Grossvaters. Eine Ausnahme bildet einzig Karl L. unser früherer Hausarzt. Ich kann seine Stimme auch nach über fünfzig Jahren noch hören. Sehe ihn in seinem langen, bis an die Schuhe reichenden Arztkittel in der Praxis. Und ich erinnere mich noch genau daran, wir flink er mich als Kind untersuchte mit seinem Stethoskop mit dem eisekalten Abhörknopf. Er stellte gleich seine Diagnose und schrieb dabei ein Rezept aus.


Bei zahlreichen anderen Erinnerungen handelt es sich um Momentaufnahmen, die für Buben oder junge Männer spektakulär sind.
Wir haben oft unsere wenigen Pfennige an den Kiosk im Ort getragen. Für Lakritzpfeifchen, Brausestäbchen oder Fussballbilder. Dort stand meist ein Mann, dem sein rechter Arm fehlte. Er hatte immer ein Jacket an. Er fuchtelte minutenlang in seiner linken Jackentasche. Dann kam die Hand wieder zum Vorschein und hielt ein weisses Röllchen aus Papier. Die Hand wurde zur Faust, er leckte sich scheinbar die Fingernägel, öffnete die Hand wieder und man sah eine Zigarette darauf liegen.
Als ich später selbst Zigaretten drehte ist es mir bei aller Übung nie gelungen, eine Zigarette mit einer Hand zu drehen.

Anders war es mit Max. Dessen erstaunliche Fähigkeiten habe ich nie nachgeahmt. Der Max war Franke oder Bayer seinem Dialekt nach. Er tauchte immer wieder mal in unserer Stammkneipe auf. Meist angetrunken. Aber stets mit ordentlich zurückgekämmten hochglänzenden schwarzen Haaren.
Er liess sich leicht provozieren. Wenn man ihn auf seine Kräfte ansprach und dabei Sprüche machte, verlangte er ein Streichholz. Er baute sich an unserem Tisch auf, nahm das Streichholz senkrecht zwischen die Kuppen von Daumen und Zeigefinger. Es wurde still am Tisch. Sein Gesichtsausdruck bewegte sich nicht und seine beiden Finger kaum merklich. Dabei zersplitterte das Streichholz in zwei Teile. Ein Beifall war ihm sicher. War er seiner Meinung nach zu gering gewesen, forderte er ein Bier. Wir johlten, bestellten zwei Bier für ihn, eventuell auch Schnäpse dazu und verlangten die Nummer mit dem Stuhl.
Er griff sich einen der massiven Wirtshausstühle und stelle ihn vor uns auf. Er streckte beide Arme seitwärts vom Körper weg, neigte sich vor und nahm die obere Stuhllehne zwischen seine Zähne. Ganz langsam hob er so seinen Kopf bis er den Stuhl waagrecht vor sich hielt. Einer von uns nahm ihm dann den Stuhl aus dem Mund und der Max schüttelte sich kurz, kippte die Schnäpse runter und liess die grossen Biere hinterher laufen ohne sichtbar zu schlucken.

Unsere erste Wirtschaft, in der wir auch sitzend bedient worden sind, war die „Alte Schmiede“. Vormals die Dorfschmiede des Ortes, wurde sie in den 1950er Jahren zu einer Gastwirtschaft umfunktioniert.Dort lernten wir Apfelwein zu trinken und Handkäse zu geniessen.
Eines abends sass der Wasser-Schorsch in der alten Schmiede und hatte ein Rippchen mit Kraut vor sich stehen. Der Wasser-Schorsch hatten seinen Spitznamen, weil er einen kleinen Getränkehandel mit Hauslieferung betrieb. Andere Männer an seinem Tisch lachten dauernd und wir wurden aufmerksam. Wahrscheinlich hatte der Schorsch schon einiges getankt.
Ihm schien öfter was von der Gabel zu fallen. Beim genaueren Hinsehen fiel es ihm wohl aus dem Mund. Das Gelächter am Nachbartisch nahm zu. Offenbar hatte der Schorsch einen Zahnersatz erhalten, dann man amüsierte sich darüber und zog ihn damit auf. Der Schorsch wurde zusehends ungehalten. Er war nicht zu verstehen; die falschen Zähne, seine Kiefer und die Zunge machten seine Äusserungen unverständlich. Drüben machte einer einen Witz und die Männer kreischten los. Da riss der Schorsch die Prothesenteile aus dem Mund, schleuderte sie ins Kraut und schrie: Freff doch felber. Was wohl, fresst doch selbst, heissen sollte.

Wohl bekomms.

 

 

 

 

Tischplatten Geschichten

Wer es genauer sehen möchte, klickt die Fotografien an.

 

Samstag, den 14. Oktober

Die Wirtschaft ist voll besetzt. Es ist ordentlich was los in der Schankstube. Seit die neue Zeit angebrochen ist geht es jedes Wochenende hoch her. Den Tisch vor dem Schanktresen besetzen heute die Honoratioren. Ausnahmsweise! Darauf wird bei jeder Gelegenheit deutlich hingewiesen. Du Josef, mach uns noch eine Runde – heute ausnahmsweise an diesen Tisch!
Der Herr Pfarrer neigt sich zum Doktor neben ihm und flüstert ihm etwas. Der Bauunternehmer prostet dem Apotheker zu. Biergläser klingen.
Am Tisch daneben dreschen die Bauern ihren Skat. Eben lässt der Mautner Karl seine fleischige Faust auf den Tisch knallen: Und den, und den und den und aus die Maus – eine Karte nach der anderen flappt in rascher Folge auf den Tisch: So wirds in nächster Zeit auch andern Orts zugehen, setzt er, ein bisschen allzu laut hinterher.
Vom Stammtisch vorm Kachelofen dringen zustimmende Rufe zu ihm. Dort dürfen heute – ausnahmsweise! – die jungen Männer des Dorfes sitzen. Neunzehn, zwanzig Jahre alt sind sie. Die ersten haben bereits eine Nachricht erhalten. Krüge scheppern aneinander. Kreischendes Lachen. Manche rauchen. Alle haben sie rote Köpfe. Nicht nur von der Hitze im Raum. Ganz grosse Sprüche werden da gerufen. Auf die neue Zeit. Auf ihre bessere Zukunft. Fast möchte man sie für Buben halten, die sich beim kindlichen Spiel zu Helden träumen.  Und immer wieder feixen sie los. Ein Messer geht von Hand zu Hand. Jetzt ist der Manni dran. Manfred Rahner. M.R. und er umrahmt sein Mongramm. Applaus und Gejohle schallen ihm entgegen. Hee Wirt: noch eine Runde!
Der Manni reicht das Messer über den Tisch. Eine weitere Verewigung. Diesmal wird noch die Jahreszahl dazu eingraviert. 1939.

 

 

 

Dienstag, den 14. Oktober

Auf den Tag sind es zwei Jahre, dass der Manfred Rahner sein Monogramm in die Tischplatte geritzt hat. Kunstvoll verzierte Buchstaben. Die Striche drumrum sind weniger geglückt. Die Linien mit den zwei Erhebungen sollen ein U-Boot darstellen. Wenn schon, dann wollte der Manfred zur Marine. U-Bootfahrer war sein Traum. Mit seinem besten Kumpel wollten sie zusammen fahren. Der Freund hat sich sogar freiwillig gemeldet. Er wurde aber abgelehnt. Untauglich für U-Boote. Mannis Boot ist gleich auf der ersten Feindfahrt versenkt worden. Den Freund hats trotzdem erwischt. Anderswo. Seine Initialen stehen auf der anderen Seite der Tischplatte.
Seit zwei Wochen ist der Stern Pflicht. Aber hier im Dorf gibts niemanden, der ihn tragen muss. Es ist Tradition geworden im Dorf, dass die Diejenigen, die einberufen werden, ihre Namen in die Tischplatte einritzen. Der Sprenger Willi ist heute dran. Setzt zu seinen Lettern noch die Zahl 1941. Beim Ritzen gehts inzwischen stiller zu. Wohin wird er kommandiert werden? Keiner will an die Ostfront. Im Nachbarort war einer, der in Russland stationiert ist, auf Heimaturlaub. Der hat bloss Andeutungen gemacht. Wir drücken dem Willi die Daumen. Zwischen seinem Namen und dem von Jochen reichen sich die beiden die Hände. Kameradschaft.

 

 

 

Mittwoch, den 4. Januar 2023.

Ein paar Tage raus von zuhause. Andere Erlebnisse, andere Erfahrungen, andere Erkenntnisse. Wir steigen in einem alten Gasthof ab. Familienbetrieb seit einigen Generationen. Vorzügliches Essen und solide Biere. Wir haben Glück mit dem Wetter und erkunden tagelang die Umgebung vorwiegend zu Fuss. Nach einem langen Spaziergang betreten wir gegen Abend den Schankraum des Gasthofes. Jetzt ein frisches Bier gegen den Wanderdurst. Der freundliche Wirt weist auf den runden Tisch vor dem Kachelofen. Die glänzend lackierte Tischplatte ist übersät mit Monogrammen. Und Jahreszahlen von 1939 bis 1943. Vielleicht waren bis dahin alle Männer des Dorfes eingezogen worden. An einigen wenigen Stellen sind noch die Insignien zu sehen, die heute nicht mehr gezeigt werden dürfen. Manche davon etwas unbeholfen entschärft.
Wir beginnen ein Gespräch mit dem Wirt. Er kennt die Menschen hinter den Kürzeln und die Geschichten dazu. Jetzt, da ich dies aufschreibe, fällt mir ein, dass ich vergessen habe, nach der Inschrift mit der Jahreszahl 1954 zu fragen. Und auch danach, was es mit dem etwas improvisierten sechszackigen Stern auf sich hat.

 

Und noch immer brennen Menschen darauf in Kriege zu ziehen. Mit einem mir unverständlichen Opferwillen. Diese jungen Männer da auf der Tischplatte. Was haben deren Väter ihnen von ihren Erlebnissen im Ersten Weltkrieg erzählt? Nur einige sind lebend heimgekehrt?
Und heute ist es nicht anders. Manche scheinen geradezu versessen auf Kriege.
Deutschland soll Angriffswaffen in die Ukraine liefern. Zur Verteidigung gegen einen russischen Aggressor? Angriffswaffen. Besonders bestürzend verhalten sich nach meinem Verständnis Mitglieder der Partei der Grünen. Von diesen Leuten habe ich andere moralische Grundsätze erwartet.

 

 

 

 

Das Jahresende ist in Sicht

 

 

Das Jahr 2022 neigt sich seinem Ende zu.

Rückblick oder Vorschau hier im Blog – das ist mir eine ernsthafte Frage.

Noch immer grassiert Corona. Nach und nach wird die Maskenpflicht abgeschafft. Und noch immer wird fälschlicherweise von einem Impfstoff gesprochen. Der soll einfacheren Gemütern vorspiegeln es gäbe ein Medikament gegen die Pandemie. Es gibt allenfalls ein Medikament für leichtere Verläufe nach einer Infektion.

Was wir bisher als Ausnahmesituation erfahren haben, werden wir zukünftig als Normalität begreifen müssen.

Ein diktatorischer Machthaber hat eine militärische Operation befohlen. Einen Krieg gegen ein Nachbarland. Was ist da jahrelang passiert, bis es dazu gekommen ist? Wie viele Milliarden haben usamerikanische Interessen seit Jahren in der Ukraine investiert? Warum ist beispielsweise Monsanto so heiss auf landwirtschaftlich ausbeutbare Flächen in der Ukraine? Zahlt die Ukraine mit den europäischen Hilfsgeldern die usamerikanischen Verbindlichkeiten?

Wer sich mit einer der beiden Kriegsparteien solidarisch erklärt, ist Kriegsteilnehmer!

Solche Fragen verblassen jedoch gegen wirtschaftliche Erfolgsmeldungen. Immerhin wurden in der BRD im laufenden Jahr 20% mehr grosse SUVs verkauft.

In der BRD gibt es ein duales Ausbildungssystem. Wer einen gewerblichen Beruf erlernt, wird praktisch und theoretisch ausgebildet. In einem Betrieb und in der Berufsschule. Wer danach ehrgeizig genug ist, kann sich weiterbilden zum Meister, zum Facharbeiter. Dieses Bildungssystem gibt es nur in ganz wenigen Ländern auf der Erde.
Sucht der Wirtschaftsminister Habeck in diesen Ländern nach den gesuchten Facharbeitern? Oder soll ich die zahllosen Lieferwagenfahrer in Paketzustelldiensten zukünftig Facharbeiter nennen?

Konsumgesellschaften leben von dauerhaft konsumierenden Menschen. Süchtig nach Konsum. Spass ist der Treibstoff für die Konsumierenden und das Wachstum ist der Treibstoff für die Produzenten und Dienstleister. Ein Volk von Handysüchtigen. Handyapps. Die Sklaverei, das bedeutet die maximale Abhängigkeit und minimale persönliche Freiheit hielt ich für weitgehend abgeschafft. Zumindest in diesem Land. In Europa zumindest weitgehend.
Nun erlebe ich, dass ganze Bevölkerungen geradezu in die Versklavung hineindrängen und dafür auch noch bezahlen wollen. Mach mich unfrei und kontrolliere mich. Unsere tägliche App gib uns heute und vergib uns unsere Sucht. Aber gib mir endlich die neue App!!!

Durch den Tod von Hannes habe ich wieder über die Begriffe Freundschaft und Kameradschaft nachgedacht. Waren wir Freunde oder Kameraden? Das Wort Kameradschaft hat etwas altmodisches, geradezu aus der Zeit gefallenes. Schulkameraden – wer spricht noch so? In Zeiten der sogenannten sozialen Medien  ist sich doch die ganze Welt Freund. Meine sechstausendzweihundertdreiundachtzig Freunde. Den Nazis übrigens war die Kameradschaft bedeutend wichtiger als die Freundschaft. Nachdenken und forschen lohnt. Noch immer.

 

Ich frage mich nicht mehr, wer den Satz aufgebracht hat, dass Glück allenfalls kurzfristig erlebbar sei, dann verflüchtige es sich. Auf jeden Fall könne kein Mensch dauerhaft glücklich sein. Was bin ich dann, wenn ich kein Mensch bin?
Ich bin glücklich. Seit Jahren. Und ich will es bleiben, solange ich kann. Ich gehe dem Glück entgegen. Es wartet an jedem Tag. Überall. Das Glück wartet in vielen Momenten und an vielen Orten. Es ist bereit, ergriffen zu werden.
So viele Menschen sind auf diese oder jene Weise unglücklich. Und warten, dass das Glück zu ihnen kommt. Dabei müssten sie bloss aktiv werden und auf ihr persönliches Glück zugehen. Ohne viele Bedingungen und Forderungen. Aber das scheint nicht so einfach zu sein.

Vier wundervolle Konzerte habe ich in diesem Jahr erleben dürfen. Jedes auf seine Art unvergleichlich. Bleibende Erinnerungen daran werde ich im Herzen tragen.

Ich habe wenige Idole. Keith Richards behauptet weiterhin Platz 1. Ein Mann, der sich selbst und seinen Idealen treu geblieben ist. Und deshalb kann er auch seinen Herzensmenschen so treu sein. Das ist mir ein Vorbild.

Es ist ein Unterschied, ob man eine Linie hat oder auf dem Strich geht.

Ich habe in letzter Zeit wieder öfter an das Projekt gedacht. Ein Angebot für Menschen, die nach einer neuen Orientierung in ihrem Leben suchen. Die sich und ihrem Leben einen neuen, wegweisenden Impuls nach vorne geben möchten. Die Menschen können eine kurze Zeit unseren Alltag mit uns teilen. Mit uns arbeiten, reden, essen und trinken. Für zehn bis zwanzig Tage in ein anderes Leben eintauchen. Tagewerk statt Geplapper. Handfest statt luftig unverbindlich.  Konstruktiv und konkret.

Warum sich nichts wirklich verbessert? Weil das Leben der Erkenntnis immer einen Schritt voraus ist.

Ich wünsche allen Menschen, denen ich hier begegne, klare Gedanken, Frieden im Herzen und eine gute Gesundheit.

Wer genau hinschauen möchte, klickt die Fotos an.

 

Buchstaben Worte Sätze Bilder Filme

 

In den Kasperle Büchern von Josephine Siebe haben Orte und Menschen oft sprechende (Familien)Namen. Protzendorf, Burg Himmelhoch, Bauer Strohkopf, Lehrer Habermus, Base Mummeline – vorm inneren Kinderauge steigen beim Lesen fantastische Bilder auf. Wenn ich mich recht darauf besinne, sehe ich noch heute die gleichen Bilder wie damals als kleiner Junge.
Diese Bücher waren meine erste eigene Lektüre. Meine ersten inneren Filme sah ich auf diese Weise. Als Kind dachte ich mir keinen Zusammenhang zwischen Text und Bild.

Das kam später. Da hatte ich die ersten Reiseerzählungen von Karl May auf dem schmalen Bücheregal stehen. Und es wurden schnell mehr. Wohl dem, der viele Onkels und Tanten hat. Bandnummern durchgeben, Buch besorgen und das Geschenk für den Buben ist da.
Ich habe gerne Karl May gelesen. Angefangen habe ich mit den Wild-West-Romanen. Tolle Bilder, schillernde Träumereien. Bis ich die ersten Verfilmungen im Kino sah. Da waren meine Bilder futsch. Überlagert vom Aussehen von Lex Barker, Pierre Brice, Ralf Wolter und all den anderen Schauspielern.
Die tausende Seiten langen Kolportageromane wurden nicht verfilmt. Und ich lernte ganz langsam, erst noch unbewusst, nach und nach dann immer klarer zu verstehen, wie sich das mit meinen Bildern wahrscheinlich verhalten würde. Und dass andere Menschen andere Bilder sähen. Aus den Texten stiegen die Bilder und die Bilder wiederum zeigten zurück auf die Texte. Eine interessante Reflexion. Was hatte ich auf den letzten gelesenen Seiten eigentlich „gesehen“? Und was nicht? Und warum nicht?

So bin ich zu einem Leser geworden. Ich erinnere mich nicht an den Kontext, jedenfalls irgendeine Erwähnung zu Karl May. Ein Klassenkamerad warf dazu ein, dass Karl May schwul gewesen sei. Das wüsste er von seinem älteren Bruder, der hätte das gelesen. Natürlich prusteten wir los, die dummen Burschen, die wir waren. Tatsächlich war 1963 eine Studie erschienen. Sitara und der Weg dorthin von Arno Schmidt. Als ich kurze Zeit danach mit Jakob-Maria,dem Jockel, zusammensass, erwähnte ich den Klassenkameraden und seine Aussage zu Karl May. Der Jockel kannte das Buch natürlich, sagte auch etwas dazu, was ich jedoch längst vergessen habe. Dann zeigte er mir eine andere Ungeheurlichkeit dieses Autors, Zettel´s Traum. Nicht als Buch, nur eine Rezension dazu in der Zeit. Ein Buch im Format A3, acht Kilo schwer, 1354 Seiten und dreihundert DMark teuer. Unglaublich. Das interessierte mich. Fünfzehnjährige kaufen allerdings eher preiswerte Taschenbücher.

Etwa zur selben Zeit sah ich in unserer Buchhandlung ein Taschenbuch mit dem Titel:
Der Sommermeteor. 23 Kurzgeschichten. Von Arno Schmidt.
(Trommler beim Zaren / Schlüsseltausch / Rollende Nacht / Tag der Kaktusblüte / Die Vorsichtigen / Was soll ich tun? / Seltsame Tage / Schulausflug / Zählergesang / Rivalen / Nebenmond und rosa Augen / Am Fernrohr / Geschichten von der Insel Man / Nachbarin, Tod und Solidus / Lustig ist das Zigeunerleben / Ein Leben im voraus / Das Heulende Haus / Sommermeteor / Kleiner Krieg / Die Wasserlilie / Er war ihm zu ähnlich / Schwarze Haare / Die Lange Grete).
Allein schon die Titel der kurzen Geschichten waren für mich überwältigend. Und die anschliessende Lektüre haute mich weg. Einzelne Sätze erzeugten ganze Filme. Irgendwann später las ich auch Sitara allerdings ohne grösseren Genuss. Zuviel Sigmund Freud.
Vom mehrfachen Lesen zerfiel der Sommermeteor als Fischer Taschenbuch rasch. Andere Autoren rückten in meinen Fokus.
Merkwürdig genug, dass viele Bilder der kurzen Geschichten von Schmidt die Bilder folgender Lektüren anderer Autoren überlagerten.

„Diese Brüder – die Dichter – machen letzten Endes mit Einem, was sie wollen; sei es, dass sie Einem die segensreichen Folgen des regelmässigen Genusses von Sanella vorgaukeln; sei es, dass man nur noch in ihren Formeln, Wortfügungen, Redensarten stottern kann.“ (Arno Schmidt: Was soll ich tun? s.o.)

Durch seine Radioessays über andere Autoren verschiedener Epochen hatte mich Schmidt am Haken. Ich las mich durch die vergangenen drei Jahrhunderte. Viel Entlegenes aber auch manche bekannteren Werke neuerer Zeit. Schmidt wurde mein erster „literarischer Hausgott“. Erstausgaben auftreiben. Sekundärliteraturen studieren. Nach Jahren trat in Sachen Schmidt die natürliche Sättigung ein.

Zunehmend habe ich Fachliteratur gelesen, nur selten Belletristik. Und wenn Belletristik – besonders zeitgenössische – dann wurde es schnell langweilig. Zu viel Nabelschau und schlecht konstruierte Fabeln. Letzten Ende kam bei mir die Keule Literaturwissenschaft. Dekonstruktion. Hier ein auktorialer Erzähler, dort eine Metalepse. Mein inneres Kino ist „dekonstruiert“ worden, Farblos die Bilder, zersplittert. Tot.

Vor einigen Jahren ist eine Bildbiografie zu Arno Schmidt erschienen. Mir war sie zu teuer. Ach, Arno…
Nach einer kurzen Rowohlt Monographie (rororo mono 484, 1992(?)) ist in diesem Jahr die erste umfangreiche Biografie über Arno Schmidt erschienen. Sven Hanuschek: Arno Schmidt. Biografie. Hanser, München, 2022. 989 S.

Ich wollte und wollte auch nicht. Ich fand dann eine gebrauchte, aber ungelesene Ausgabe. Und während der Lektüre suchte ich doch nach der Bildbiografie. Und wurde fündig. Die beiden Bände ergänzen sich prächtig. Leser, die sich bodenständig über das Leben von Schmidt informieren wollen, sind mit Hanuscheks Buch gut bedient. Man ist schnell in „Arno Schmidts Leben“, der Text lässt sich gut lesen, der Stil ist flüssig. Während die Kindheit, der junge Erwachsene, seine Kriegszeit und die erste literarisch professionelle Zeit geradezu episch ausgebreitet werden, fällt die zeitliche Schilderung zum Schluss hin vergleichsweise knapper aus. Nicht oberflächlicher, aber weniger ausgebreitet. Ganz gut fand ich, obwohl mir bekannt, dass Hanuschek die jeweiligen Werke Schmidts inhaltlich darstellt.
Trotz einiger Kritikpunkte ist mein Fazit: wer den Lebenslauf eines bedeutenden Schriftstellers im 20. Jahrhundert kennenlernen mag, ist mit Hanuscheks Arbeit gut bedient. Und wer obendrein Fanny Esterházys Bildbiografie nebendran liegen hat sowieso.

Man merkst wohl? Arno hat wieder seinen Haken ausgeworfen. Ich habe Lust drauf und werde nun nochmals intensiv sein letztes vollendetes Werk mit Genuss lesen: Abend mit Goldrand. In der alten Ausgabe als Typoskript, wie Schmidt die beschriebenen Bogen aus seiner Schreibmaschine gezogen hat. Ich will in Bildern voll von herbstlich melancholischer Schönheit schwelgen.

 

PS: wer nun Lust hat, sich über Arno Schmidt zu informieren, derdiedas besuche die Seite der Arno-Schmidt-Stiftung

PPS: Bücher kaufe ich gebraucht bei booklooker.de

 


<Wer noch einen richtigen Bildschirm sein eigen nennt, kann die Fotografie anklicken und die Bilder genau anschauen>

 

 

 

 

Ein vorletzter Gruss – Für Dich

Ein typischer Sonntagmorgen im November. Nebeldüster. Um kurz vor sechs Uhr brach die Decke aus dem ersten Stock über uns zusammen. Die Bauernstube. Neunzehn Fahrräder der Marke Bauer (Klein-Auheim) fielen auf mich herab. Oh Mann, wie kriegen wir die heillos ineinader verkeilten Fahrräder wieder auseinander? Ich hatte einen brennenden Durst. Pinkeln gehen. Wasser aus der Flasche trinken. Und zurück unters warme Plumeau. Mein Herzschlag ist mir zu deutlich spürbar. (ich lese derzeit Sven Hanuscheks Biografie über Arno Schmidt).
Angehautet an der Lebenskomplizin nochmals eingeschlafen.

Frühstück. Und nun? Der Wetterbericht kündigt 45 Minuten Sonnenschein für diesen Sonntag an.

Erstmal zum Bäcker. Zwei Meenzer.
Beim Frühstück bemerken wir, dass wir frische Eier brauchen. Wir könnten doch später…

Später. Rheinhessen: zum Hühnereierautomaten nach Gau-Kö. Unterwegs ausgestorbene Käffer. Ich bemerke, dass ich in DeDeheim nur die Durchfahrtsstrasse und das Haus Nummer sieben kenne. Nichts sonst vom Ort. Ist ja auch schon Jahre her, dass ich dort ein und aus ging. Vierzig Jahre. Ist nicht gestern.  Die Sonne bricht durch den Wolkenvorhang. Spaziergang an einem Hang des Petersberges.

Zurück wiederum durch Käffer. Daheim Quarckstollen und Tee.

Später folgen wir der Einladung zu einer Vernissage. (Ich lese Sven Hanuscheks Biografie über Arno Schmidt) : ALSO!. Gespräche über „Kunscht“. Warum dieses? Aber: Wir sind freundlich.
Ab einem gewissen Alter sollte man small-talk beherrschen oder lieber gleich zuhause bleiben im warmen Stübchen hinter einem passenden Buch.

Wir sitzen vor unseren Fernkommunikationsinstallationen. Allem Neumodischen können wir uns nicht entziehen.

Ein Störtebeker Pilsener nach den Eindrücken des Tages.

Düdeldidappdüdeldidapp. (Das Festnetzanrufsignal).

Ein Anruf von Peter. (Kennen Sie nicht?) Peter ist der Spezialist für Triumph, besonders aber auch für BSA Gold Star. Klassische British Motor Cycles. Eine Koriphäe. Nicht für diese aufgeputschen neumodischen Möchtegerne. Für klassische englische Motorräder.

Hallo?
Guten Abend Robert.
Ah, Peter, Du bists! Was gibts?
Hannes ist gestorben.

Mit Hannes bin ich bekannt seit Pfadfindertagen. Graues Hemd, blaues Halstuch. Unsere Kluft. Wir nahmen voneinander kaum Notiz. Bubenleben und Geländespiele. Ich von hier und Hannes von dort. Verschiedene Käffer. Wie es damals so war. Zeltlager des Landkreises. Knaben, die wir waren.


Als ich im Gymnasium hängen geblieben war sahen wir uns wieder. In der gleichen Klasse.
Ich blieb wieder hängen und musste die Schule verlassen.

Ein paar Jahre später. Motorräder verbinden uns. Wir begegneten uns wieder im gleichen Motorradklub. Nicht diese Gernegrossen in Uniform mit Schildern aufm Rücken.
Unser Klub war ein rollendes Motorradmuseum. Locker und alles und jeder war gleich wertig. BMW, Ducati, Honda, Horex, NSU, Norton, Triumph, Victoria, Yamaha… Und überhaupt.

Ich schlug die bürgerliche Richtung ein. Familie. Kinder. Geschäftsführung. Geld! Risikominderung. Motorräder verkauft und Fahrräder (MTBs) gekauft. Wir hielten einen losen Kontakt. Der dann ausdünnte. Und sich verlief..

Jahrelange Funkstille. Verschiedene Wege. Verschiedene Lebenswege und unterschiedliche Karrieren.

Fünfzehn Jahre später. Wir begegneten uns beiläufig an der Kerb in unseren Kaff. Und verloren uns nach einem Bier wieder. Nicht für lange diesmal.

Unser Kontakt lebte wieder auf. Das Leben ist ein wundervolles Karussell. Klassentreffen ehemaliger Gymnasiasten. Wir belebten ihn, unseren Kontakt. Wir hatten uns viel zu erzählen und Du hattest über Deine Arbeit eine sizilianische Connection. Orangen, Zitronen, Pecorino und Olivenöl. Alles bester Provenienz und erster Qualität. Niemand, der sie gekostet hat, wird unsere Orangenmarmelade vergessen. Auch Du nicht, wie wir wissen.

Vor drei Wochen haben wir mit einer Reibahle die vermaledeite Kurbel für die Achse des Miele Fahrrades Modell28 ausgedreht. Zweihunderstel Millimeter fehlten. Wir haben es versucht. Und viele Sprüche dabei gerissen. Es hat nicht hingehauen. Aber Du kanntest jemanden, der eine passende Ahle hatte… (den muss ich jetzt aufindig machen).

Am Ende hats geklappt. Wir standen bei uns im Hof. Die Kurbel hat gepasst.
Wir hauen uns ne Pizza rein, wenn ich die Kurbel fachmännisch verbaut habe mit nem passenden Keil auf der Achse. Nächste Woche vielleicht.

Zwei Wochen sind ins Land gegegangen. Die Kurbel passt.

Heute rief Peter an.

Der Hannes ist gestorben. Er muss wohl zwei Wochen in seinem Haus gelegen haben bis man ihn gefunden hat. Noch ist nichts näheres bekannt.

Scheiss auf die Pizza!

Hier werden die Schnapsgläschen gefüllt. Nordhäuser Doppelkorn. Was sonst. Der Schmerz will verwässert werden. Und der Schmerz sitzt. Mehr als fünfzig Jahre tief. Du Deppchef – bist doch gerade erst in Pension gegangen nach einem langen Arbeitsleben.

Die Trauer kommt aus dem Herzen. So viele Jahre. So viele Erlebnisse. Die Gemeinsamkeiten, die Differenzen.

Ich will Dir geradezu verbieten, jetzt zu gehen, Du Armleuchter. Warum denn ausgerechnet jetzt. Und ohne zu fragen!!!

Hier müssen sofort die grandiosen Stücke von damals donnern – für Dich, Alter und erinnere Dich an die Zeiten, als wir noch Kontinente verschieben wollten.

Frank Zappa – Willie The Pimp

King Crimson – 21st Century Schizoid Man including Mirrors

Frank Zappa & The Mothers of Invention – Dinah-Moe Humm

Gong – Downwind

Der letzte der vier Könige

 

Der letzte der vier Könige des Rock´n´Roll hat seinen Hut an den Nagel gehängt.

Jerry Lee Lewis (29.9.1935 – 28.10.2022)

 

Wer dem Link folgt, kann das legendäre Konzert vom 5. April 1964 im Hamburger Starclub hören. Nicht wenige Musikjournalisten stuf(t)en es als das wildeste Live Konzert ein. Wie dem auch sei, die Post geht jeddenfalls ab und die Füsse wippen unwillkürlich. So solls ja auch sein.)

 

Hoffnungslos erschreckend

 

So richtig lernte ich den Frankfurter Versandhandel Zweitausendeins ab 1975 kennen. In Mainz wurde ein 2001-Laden eröffnet für Bücher und Schallplatten. Sehr preiswerte Bücher und Schallplatten wurden dort angeboten. 1980 erschien in der Taschenbuchreihe ein schwarzes Buch von Ernst FriedrichKrieg dem Kriege. Es war ein Reprint des Originals von 1924. Auf dem Titelbild zu sehen ist ein vorwärts stürmender Soldat in voller Montur mit einer Gasmaske. Unter der Fotografie stand Das Ebenbild Gottes mit Gasmaske. Ernst Friedrich wollte mit diesem Buch die Schrecken des Ersten Weltkriegs zeigen. Die Verletzungen, Verstümmelungen, das Leid und Elend, die Hinrichtungen, die unmenschliche Grausamkeit. Die dokumentarischen Fotos waren (für mich) so grausam, dass ich mich noch heute an einige Fotografien aus dem Buch erinnern kann. Wer kann überhaupt einen Krieg wollen? Paul von Hindenburg, der Menschenverheizer vielleicht. Von ihm stammt das Zitat: „Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur.“

 

…. ?

Wieso fällt mir ausgerechnet dieses Buch ein; ich wollte auf ein ganz anderes hinweisen

?  … –  … : !

Letzthin wurde wieder einmal ich an ein Werk von Norbert Seitz erinnert. „Bananenrepublik und Gurkentruppe. Die nahtlose Übereinstimmung von Fussball und Politik 1954 – 1987. Das Werk hat leider keine Fortsetzung gefunden. Auch in der Publikationsliste auf der Webseite des Autors findet sich das Buch nicht.*
Ich habe es noch einmal gelesen. Als meinen Abschied vom Massenphänomen Fussball. Als Jugendlicher besuchte ich etliche Heimspiele der Frankfurter Eintracht. Ich sammelte einige Jahre lang Fussballbilder aus Wundertüten. Klebte fleissig Bilder in Alben. Bubenkram.
Auf dem Höhepunkt meiner Pubertät erwachte neben den Hormonen auch das politische Bewusstsein. Ich trieb intensiv Leichtathletik und trainierte mehrmals pro Woche.
Geh mir weg mit Fussball. Balltreter. Und nach dem Spiel müssen sich einige Schlachtenbummler Schlägereien liefern. Nach den Spielergebnissen der launischen Diva vom Main schielte ich dennoch immer wieder mal. Die 1970er Weltmeisterschaft in Mexiko hat mich nicht interessiert. Das Jahrhunderspiel habe ich folglich verpasst.
Wichtiger war meine allererste Eins in Deutsch für einen Aufsatz zu dem Thema Sport und Politik. Worte, Buchstaben, Sätze – es floss mir geradezu aus dem Kugelschreiber.
Auf der Rückfahrt eines Wochenendeinkaufs in Amsterdam plärrte es plötzlich schauderhaft aus dem alten Autoradio. Die Antenne, gebogen aus einem Drahtkleiderbügel der örtlichen Wäscherei tat gerade eben so ihren Dienst. Die Radiosendung wurde von einer aufgeregten Stimme des Ansagers unterbrochen: Der Weltmeister 1974 ist Deutschland.
War etwa WM? Im alten Opel Rekord blieben wir ruhig. Hingen unseren Bildern und Gedanken nach. Wollten nach Hause.

Fussball in den letzten zwanzig Jahren? Was bei mir ankommt lässt kein gutes Haar an dieser Ablenkungsindustrie. Immer schwindelerregendere Kaufsummen für halbgebildete Balltreter. Die moderne Form eines Sklavenmarktes. Selbst für kleine Buben werden unglaubliche Summen bezahlt. Spieler werden zwischen den Vereinen ausgeliehen. Die sogenannten Spielerberater. Die zwielichtigen Funktionäre der Verbände. Und die Schlägerbanden der jeweiligen Vereine.

Im Text von Seitz fallen die Begriffe, die ich teilweise noch von früher kenne.

Die Schlacht von Göteborg ( Deutschland : Schweden, 1958).
Die Schlacht von Santiago (Chile : Italien, 1962).
Die Schmach von Tirana (Deutschland : Albanien 0:0, 1967).
Der Fussballkrieg zwischen El Salvador und Honduras (nach einem Länderspiel zwischen beiden Ländern 1970).
Die Wasserschlacht von Frankfurt (Deutschland : Polen, 1974).
Die Schmach von Córdoba (Deutschland : Österreich 2:3, 1978).
Der Nichtangriffspakt von Gijón (Deutschland : Österreich 1:0, 1982).
Die Nacht von Sevilla (Deutschland : Frankreich 5:4 i.E, 1982)  **

Im letztgenannten Spiel verletzte der deutsche Torhüter Schumacher den französischen Verteidiger Battiston schwer, der sich bei der Attacke einen Halswirbel brach und drei Schneidezähne verlor.

Was in der obigen Auflistung fehlt und mich in diesem Zusammenhang  jedoch am meisten erschreckte, war das Ereignis am 21. Juni 1998 in Lens. Damals misshandelten Fussballsschläger den Polizisten Daniel Nivel derart, dass er seitdem schwerbehindert ist.

In welcher Welt lebe ich, dass eine Vereinigung wie die FIFA über die Macht verfügt, alle grossen Vereine weltweit zu regulieren?
Wieso lassen sich das viele Millionen schwere Vereine bieten?
Wer braucht sowas wie den DFB überhaupt?
Wieso grenzen sich die Vereine nicht gegen ihre gewalttätigen Ultras ab?

 

Nach der Lektüre des Buches von Norbert Seitz ziehe ich meinen Wunsch nach einer Aktualisierung bis in die Gegenwart zurück. Es geht längst nicht mehr um den Sport. Und schon garnicht mehr ums Spiel. Es ist verkommen zu einem widerwärtigen Geschäft, scheinbar ohne Grenzen.

Bei den nächsten Wahlen gebe ich meine Stimme der Partei, die durchsetzt, dass die Fussballvereine die enormen Kosten für die allwöchentlichen Polizeieinsätze aus den prallen Kassen zahlt.

 

* Der Autor hat auch einen Eintrag bei Wikipedia. Dort findet sich der genannte Titel.
** Zu jedem Punkt auf der obigen Liste hält die Wikipedia einen eigenen Artikel bereit. .

 

 

 

In einem Land, das es nicht mehr gibt

„Entweder Du bist frei, dann bist Du es überall. Oder Du bist es nicht, dann nützt Dir auch der Westen nichts.“

 

Irgendwie aus der Zeit gefallen. Abends mit dem Auto in die Stadt. Ins Kino. In unmittelbarer Nähe das Parkhaus. Junge Menschen laufen direkt und gemächlich vors Auto. Generation Vorfahrt. Keine Ampeln; Respekt oder gar Respekt? Unbekannt, Mann: willste was?.
Vor den Kassen des Illusionspalastes lange Schlangen. Wolken widerlichen Parfüms, Duschbädern und Antischweissgespritz.
Generation Vorfahrt verwickelt in Diskussionen um Preise und Eintrittskarten. Ältere Menschen harren aus in Geduld. Ich zähle mich zu den Älteren. Was haben wir versäumt?

Endlich. Saal eins. Treppe runter und links. Die Sitzgelegenheiten sind bequemer als damals auf den Holzklappstühlen.

Dreissig Minuten am Rande der Folter. Unsägliche lärmende Werbefilmchen. Unsäglich aufdringliche Filmhäppchen. Das sind also die Filme der kommenden Zeit. Ausbeutung der Gefühle nannte das Wim Wenders, als er noch Filme drehte.

Nach der dämlichen Eisreklame endlich die erlösende Stimme: Möchte hier noch jemand Eis?

 

Der Film beginnt. Lautstärke reduziert für fühlende Zuschauer. Wunderschöne Bilder. Die Geschichte basiert auf eigenen Erlebnissen der Regisseurin. Die hat auf Nachfrage mehr als zehn Jahre gebraucht, um den Film zu drehen. Überprüfung der eigenen Erinnerungen. Korrumpiert durch die Bilder, die uns von den Medien seit dreissig Jahren geliefert werden zum Thema DDR. Schwierig, einen Film zu finanzieren, der mit den gewohnten Stereotypen bricht. Im Film sind die Farben sichtbar bunt. Und nicht wie gewohnt entsättigt. (Ich kenne das: Die Ostsee ist eine dreckige graubraune Brühe. Als ich auf Rügen den ersten Sonnenaufgang über einer tiefblauen Ostsee gesehen habe, stiegen mir Tränen in die Augen).

Und überhaupt das Thema: Mode in der DDR. Und ein Mannequin. Gabs das überhaupt? Wisent Jeans – hör mir doch auf, mehr gabs doch dort garnicht.
Aber die „Sybille. Zeitschrift für Mode und Kultur“ war eben kein Lebensstilblatt für frustrierte Lebensmittefrauen wie die Brigitte. Die Sybille spielte in der Liga der Vogue. Ästhektik und Schönheit auf hohem Niveau. Keine Vogelscheuchen in himmelfernen Fummeln. Und die Fotografen haben ihr Handwerk verstanden.

Selbst der Rezensentin der Frankfurter Allgemeine Zeitung fiel auf, dass in dem Film, nicht wie gewöhnlich wenn es um Themen der DDR geht, die Farben entsättigt sind. Ein Stück Lebenswirklichkeit, wie es in den Köpfen der Westdeutschen nicht wohnt. Auch das Improvisieren der Subkultur in Berlin, Hauptstadt der DDR, ist realistisch dargestellt. Gut, dass auch da diese Bilder korrigiert werden können.

 

Wir sind von dem Film sehr beeindruckt. Ein anderes Kaliber als seinerzeit der Gundermann Film mit dem unsäglichen Schluss. (Waren wir nicht alle ein bisschen Stasi?). In dem Film wird ein Stück Realität des Lebens in der DDR dargestellt, wie es bisher so nicht zu sehen war.

Wir wünschen dem Film ganz viele Zuschauer. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Die Bilder sind schön anzusehen. Die Dramaturgie passt. Und die Musik auch.

 

„Hier geht es um Schönheit. Weisst Du, was das ist: Schönheit?
Schönheit ist das Versprechen, dass es jenseits der Mittelmässigkeit etwas gibt, wo Ruhe herrscht. Schönheit besänftigt die Nerven. Schönheit ist keine gute Absicht, sondern eine Tatsache.“

 

In einem Land, das es nicht mehr gibt. BRD 2022. Regie: Aelrun Goette

 

(Die beiden Zitate entnahm ich dem Film. Die Fotografie zum Vergrössern anklicken).