Drei Männer in der Scheune (II)

 

 

Und nun? Wie soll das weitergehen? Welchen Sinn macht es, dass hier mit über zwanzig Bauern und Bäurinnen eine Versammlung stattfindet? Eine Fahrradsammlung anzufangen verträgt sich nicht mit der Verschlankung der Haushaltsführung seit einigen Jahren. Wo bleibt die Reduktion?.
Man könnte doch einige Bauern gegen ein anderes, originelles Rad eintauschen. Oder einige Bauern verkaufen.
??
Welche denn?

Ich werde einige ausschlachten zur Teilegewinnung. Das schafft Raum.
Für andere Räder?
Ein schönes altes Fahrrad kann ich mir gut vorstellen.
Es gibt Sätze, die sollte man nicht mal denken, geschweige denn laut aussprechen.

 

Aus einer dunklen Scheune in einem dunklen Tal im tiefen Taunus wird eine Perle herausgeschoben. Widerwillig drehen sich die Räder. Die alten Reifen sind platt und verzogen. Es knirscht. Französische Maße von anno dazumal. 650B demi-comfort. Was überzeugt, ist die Erscheinung des Fahrrades.
Ein Damenrad mit „französischem Rahmen“. Seit den 1970er Jahren bei uns auch als Mixte bekannt. Gehämmerte Schutzbleche aus Aluminium. Ebenso der Kettenschutz und die vordere Lampe. Viel Reden. Ein Modell aus den dreissiger oder vierziger Jahren. Umso älter desto teurer. Der Verkäufer weiss nichts über die Marke und wir noch viel weniger.
Das Rad scheint weitgehend komplett. Inzwischen weiss ich, was bestimmte alte Teile kosten, wenn sie noch zum Fahren genutzt werden können. Der Ledersattel ist ausgetrocknet und bretthart. Alle Aluteile in üblem Zustand. Aber die Lackierung des Rahmens und die Beschriftung ist zu retten. (Das Fahrrad wurde bei „Halma, Sedan“ gekauft.
Trommelbremsen hinten und vorne; das muss damals ein teures Rad gewesen sein. Der Dynamo fehlt. Luftpumpen haben wir etliche zuhause. Der Rahmen ist gerade, die Gabel nicht verzogen. Wie immer in der terra irrationalis gibt ein Detail den entscheidenden Ausschlag.
Das originale Schild der Besitzerin am Lenkkopf. Renee Emme Sedan Ardennes (Renee M., Sedan Ardennen).

Zuhause die ersten Fotografien machen nach der Ankunft. Wie sich die Schönheit unter all dem Dreck und der Korrosion verbirgt. Da, das schöne Steuerkopfschild mit der Perle. Warum ist das hintere Schutzblech so oft angebohrt? Wir werden es hoffentlich hinkriegen.

Genauere Recherchen. Neben dem sportlichen Einsatz von La Perle Rädern sind kaum Informationen im Netz zu finden.
La Perle. Eine Fahrradmanufaktur in Saint-Maur-des-Fossés in Paris. Gegründet etwa 1935. Der schweizer Radrennfahrer Hugo Koblet gewann die Tour de France 1951 auf La Perle. Ein anderes Idol, der Franzose Jacques Anquetil, fuhr ebenfalls La Perle. In der zweiten Hälfte der 50er Jahre erfolgt die Insovenz. Verkauf des Markennamens.
Zwei Angebote für La Perle Räder, vermutlich aus den 1970er Jahren habe ich inzwischen gesehen. Allenfalls Durchschnitt. Räder, die etwas vorspiegeln sollen. Wie die noch heute verwendeten, ehemals wohlklingenden deutschen Markennamen.

Es beginnt bereits beim Zerlegen. Es gibt viel neues zu lernen. Ein Beispiel. Die Steuerlager sind umgekehrt montiert wie bei den Rädern deutscher Fabrikation. Glücklich, wer das weiss. Viele kleine Kügelchen suchen wir mit Taschenlampe und Magnet auf dem Boden der Werkstatt. Ungerade Zahlen gelten nicht. Endlich sind all hurtigen Gesellen wieder eingefangen. Fünfzig an der Zahl.

Bei der Arbeit am Rad denken wir oft an Mme. Renee aus Sedan. Denn wir wissen inzwischen, dass La Perle wahrscheinlich 1946 oder 1947 montiert worden ist. Eine Frau, die den Krieg und die Deutschen überlebt hat. Sie kauft sich ein für damalige Verhältnisse exklusives sportliches Fahrrad. Wie lange wird sie damit gefahren sein? Wie mag überhaupt ihr Leben verlaufen sein? Wie hat sich die Geschichte dieses Rades abgespielt bis in jene Scheune im Taunus? Niemand wird uns all diese Fragen beantworten können.

Durch solche Gedanken; dieses Andenken wird La Perle zu einem besonderen Fahrrad. Die Hüllen der Züge müssen farblich passen. Die gibts auch im Internet nicht an jedem Onlineshop. Da muss man geduldig suchen. Und der Dynamo erst.
Endlich der Fund in Frankreich. Mails hin und her. Den Kaufpreis habe ich überwiesen und erhalte keine Antwort mehr. Dafür zwei Wochen später das Geld wieder auf dem Konto.
In den folgenden Wochen putzen, polieren, zusammenbauen, wieder demontieren, einstellen, nochmals demontieren. Aber langsam wirds was. Es wird sichtbar, wie das Rad aussehen wird. Eine Luftpumpe aus der Zeit ist in der gesuchten Abmessung ebenso selten wie teuer. Der Ankauf wird auf später verschoben.
Informationen laufen ein. Man lernt andere Menschen kennen, die sich um alte Fahrräder kümmern. (Was für ein Unterschied zum „Leben in Bloghausen“).

 

Und wieder taucht der gesuchte Dymano bei einem anderen Verkäufer in Frankreich auf. Zum Glück gibt es inzwischen gute Übersetzungsmaschinen, die mein schwaches Französisch unterstützen. Der Dynamo kommt pünktlich und er funktioniert. Endlich kam das Paket mit den 650B Deckmänteln. Die Trommelbremsen sind überholt, die Le Simplex Dreigang Kettenschaltung ebenso. Der Sattel wurde satt eingefettet und mit Mullbinden in die gwünschte Form zusammengezurrt. Den Rest erledigte die Zeit und die richtige Temperatur im Backofen..

 

Das war vor zwei Jahren. Wir brauchten etwa acht Wochen bis La Perle wieder fahrbereit war. Die täglichen Arbeitsstunden haben wir  nicht dokumentiert. Allein die Überholung der Pedallager und die Reinigung der weissen Pedalgummis dauerte mehr als einen Tag, um den zarten Füssen einer Dame würdig zu sein. Fertig wird La Perle hoffentlich in diesem Jahr werden.

 

Welches Herrenrad könnte eine gemeinsame Ausfahrt mit La Perle unternehmen? Ein Bauer Modell „Super Flieger“ von 1947 wäre historisch passend. Aber ein deutsches Kaltblut neben der grazil dahinschwebenden französischen Eleganz – wie sähe das denn aus?
Immerhin steht noch ein anderer etwa gleichaltriger Franzose bereit. Ein Porteur. Ein schlankes Transportrad wie es beispielsweise die französischen Zeitungsjungen fuhren. Zwei, drei Stapel Tageszeitungen auf dem Träger vor dem Lenker. Legendär sollen die sonntäglichen Radrennen der Zeitungsjungen von Paris gewesen sein.
Sportlich elegant kommt der Porteur nicht daher. Zudem kommt er nicht aus Paris sondern aus Nimes. Marke Nemausa. Das war der lateinische Name für Nimes.

Um es abzukürzen. In der Nachbarstadt wurde ein Terrot angeboten. Der Zustand noch schlechter als der von La Perle. Aber immerhin sind wir reicher an diesbezüglichen Erfahrungen. Terrot war einer der grossen französischen Hersteller von vorwiegend Motorrädern. Gegründet 1851, wurde das Unternehmen Anfang der 1960er Jahre von Peugeot übernommen.
Das Terrot ist bereits zerlegt. Der Verkäufer lud mich ein, in einer der kommenden Woche zu einem Spezialisten für alte Räder zu fahren.

 

Eine sonntägliche Ausfahrt. Über den Fluss auf die andere Seite.
„Nehmen wir die beiden blauen Bauern?“
In einer kleinen Stadt am anderen Ufer fand das traditionelle Oldtimertreffen statt.
„Lass uns mal dahin fahren. Jetzt am späteren Nachmittag sind die meisten Fahrzeuge auf dem Nachhauseweg.“
„Mal sehen, welchen Apfelwein man dort ausschenkt.“
Der Apfewein war trinkbar und wir schlenderten ein wenig herum. Schoben unsere Bauern neben uns her.
„Da drüben hat jemand einen Stand.“
„Bestimmt ein Andenkenverkäufer.“
Wir gingen trotzdem hin und erlebten eine Überraschung. Hier wurden ausschliesslich Fahrradteile angeboten. Vor dem Stand standen noch etliche alte Räder zum Verkauf. Der Mann reichte mir ohne Umstände den gewünschten Zollstock um die Längen verschiedener Luftpumpen auszumessen.
„Die passt, die nehmen wir. Wir suchen noch ein spezielles Werkzeugtäschchen für einen älteren Sattel.“

Im folgenden Gespräch stellte sich heraus, dass der freundliche Verkäufer eben jener Mann ist, zu welchem mich der Vorbesitzer des Terrot mitnehmen wollte. Wir besorgten Getränke, stiessen an und setzten unsere angenehme Unterhaltung fort. Natürlich hatten wir gemeinsame Bekannte.
Keine der ledernen Werkzeugtäschchen passte. Zudem wollten wir zurückradeln.
„Kommt doch mal zu mir. Ich bin immer dienstags da. Wir werden dort sicherlich was Passendes finden.“
„Das mache ich bestimmt. Bis bald.“

 

Das war sonntags gegen Abend. Am Dienstag drauf lernte ich eine interessante Scheune kennen.

 

La Perle. Fotos anklicken und vergrössern

 

Bauer „Super Flieger“, 1947

 

Nemausa Porteur, ca. 1950

 

 

Drei Männer in der Scheune (I)

Mit Corona kehrte eine, im wahren Sinn des Wortes, himmlische Ruhe bei uns ein. Die beiden Einflugschneisen blieben weitgehend unbeflogen. Wer den Unterschied kennt und erlebt hat, weiss was eine ungestörte Nachtruhe wert ist.

Stattdessen zog eine kreative Unruhe in der Werkstatt und im Hof ein. Ganz langsam. Das imitierte Hollandrad aus fernöstlicher Produktion war innerhalb weniger Jahre unansehnlich geworden. Es lag nahe, sich um einen schönen Ersatz zu kümmern, der die Blicke möglicher Kundschaften auf sich zieht.
Das Ergebnis der Überlegungen war ein Transportrad. Nein, kein modernes Cargobike. Wir sprechen hier von einem ebenso vernünftigen wie brauchbaren Fahrrad, mit dem man auch grössere Lasten transportieren kann.

Ein altes „Bäckerrad“, das wärs.

Nach relativ kurzer Recherche fand sich so ein Rad. Hinfahrt. Besichtigung. Verhandlung. Bezahlung. Abtransport.
Dann das übliche Procedere. Beim Zerlegen erfolgt die genauere Sichtung und die sorgfältige Reinigung aller Teile. Dabei kann man gleich sehen, wie viele Arbeiten und Kosten auf einen zukommen werden. Anschliessend alle Lager überholen und neu justieren, neue Bereifungen. Und alles wieder fein säuberlich zusammenbauen.
Schliesslich die Optik. Da stellt sich gleich die Frage, welche Restaurierung es sein soll. In diesem Fall stand die Brauchbarkeit und Haltbarkeit im Vordergrund.
Ein Firmenrad braucht natürlich auch einen Hinweis auf das Unternehmen. Alle alten Transporträder warben mit diesen Schildern zwischen den Rahmenrohren für ihre handwerklichen Dienstleistungen. Die trapezförmige Fläche zwischen den Rohren war rasch vermessen. Die Wahl fiel auf dünnes Alublech. Das wurde schwarz lackiert, entsprechend beschriftet und in den Rahmen eingepasst.
Nach umfangreichen Polituren liess sich das wiedererstandene Prachtstück gerne bestaunen.

 

Wie es sich oft zuträgt im Leben.

Während der Arbeitspausen an dem alten Göricke Transportrad schweiften die Gedanken manchmal ab. Die Deutsche Fahrradindustrie erlebte in den 1960er Jahren einen rapiden Niedergang. Selbst die Erfindung der „Klappräder“ konnte den nicht bremsen. Die vielen Traditionsmarken. Im Zuge vieler Insolvenzen wurden mangels Masse selbst die Markennamen verscherbelt. Ein grosser Name war die Firma Bauer in einem Vorort von Hanau. Als Kind und später als Jugendlicher fuhr ich Räder von Bauer. Im örtlichen Fahrradladen hing die reklame an der Wand: „Sei schlauer – fahr´ Bauer“.

 

Wo mögen all die alten „Bauern“ hingekommen sein? Mein letztes Bauer Rad in metallic grün landete irgendwann beim Spermüll. Ich war ja immerhin motorisiert. Mit dem Mofa auf dem Weg in die Welt – – Ach, das ist so lange her.

Man könnte ja mal rein interessehalber… Und Zufälle gibt es sowieso nicht.
Natürlich fand sich ein „Bauer Sport“ Herrenrad für kleines Geld in der Nähe. Leidlich fahrbereit. In metallic blau. Lieber wärs mir in metallic grün. So wie meins. Damals.
Fast zeitgleich tauchte im Nachbarort ein „Bauer Sport“ Damenrad auf. Ebenfalls in metallic blau. Ist doch prima, da haben wir jetzt zwei Räder für liebe Gäste.
Im nahen Industriegebiet vermietet ein alter Herr Stellplätze für Wohnwagen. Schon vor Jahren sind mir die alten Räder aufgefallen, die dort Sommer wie Winter in Brennesseln und wucherndem Gras dahingammelten. Ich schaute jetzt genauer hin. Drei niedergerittene Räder. Eins davon ein Bauer. Ein ernsthaftes Gespräch. Der Mann überliess mir alle drei Räder zum Schlachten. Zwei haben wir zerlegt. Das Bauer ist jetzt unser Schrotti. Eine Schau für sich. Aber das Rad läuft wie vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr.
Da die Werkstatt zu klein ist, stehen etliche Bauern und Bäurinnen stehen mittlerweile im Haus. Alle zerlegt, überholt, restauriert und konserviert. Vor allem aber: alle sind fahrbereit. Als jüngster Bauer kam neulich ein Transportrad hinzu. Manche unserer Bauern wären eigene Geschichten wert. Über die Zustände, in denen sie zu uns kamen; die Menschen, die verkauften oder schenkten. Die Gespräche dabei. Das Internet war und ist hilfreich für die Kontakte. Die wahren Begegnungen finden jedoch immer im richtigen Leben statt.

 

 

Drei Fotografien zum Anklicken.
Links: Modell Sport, 1962
Mitte: Modell mit „französischem Rahmen“, 1952
Rechts: Modell Sport, 1949/51

 

 

 

 

Jeden Tag leben – mach was draus

 

„He! Robert!!!“
„?“
„Hier!“ Schepperndes Lachen.
„Horst. Bist Du das?“
Horst war vielleicht zehn, zwölf Jahre älter als ich. Weisse Haare hatte er inzwischen. Lebte als Rentner allein in seinem Haus. Die üblichen Fragen und Antworten. Und dazwischen lautes Lachen. Ich glaube, unser Lachen verband uns von Anfang an. Und der breite derbe Dialekt, in dem wir uns miteinander unterhielten.
„Weisst Du noch, damals – das muss 1974 gewesen sein – als wir alle in Axels altem Fiat-Bus im Hafen von Barcelona gepennt haben. Genau am Sockel der Kolumbussäule?“
Eben wollten die Erinnerungswellen aufschwappen.
„Du, Horst, nimms mir nicht übel. Ich muss weiter. Hab noch ne Menge zu tun.“
„Klar doch, Robert. Aber komm doch bald mal vorbei.“
„Aber sowas von sicher, Kurt, das mach ich. Als dann. Guude.“
„Guude.“

Das war vor etwa drei Jahren.

 

 

Ende der 1970er Jahre. Als ich seinerzeit aus Berlin zurückkam, machte ich mich auf die Suche nach einer Arbeit. Dürre Zeiten. Ausgebrannt vor der tagtäglichen stundenlangen Arbeit in Studio und Labor. Ich war ziemlich ausgebrannt.
Der Sommer ging zu Ende und ich brauchte ein Dach überm Kopf. Kein brauchbares Fahrzeug im Stall. Keine Freundin. Keine WG. Musikalisch reichlich desorientiert. Damals passte meine Habe in den geräumigen Kofferraum eines Mittelklassefahrzeugs. Kleidund, Schallplatten, Bücher und Schlafsack.

Eines Abends wich die Ratlosigkeit neuen Aussichten in meiner alten WG. Natürlich hatte jeder eine Idee parat. Und jeder meinte die für mich beste auf Lager zu haben. Der folgende und alle sich anschliessenden Dialoge wurden im Dialekt gesprochen. Schliesslich waren wir alle Dorfbuben aus dem alten Ortskern.

„Du kannst meinen alten Kadett haben. Schenk ich dir. Hat noch TÜV bis Februar.“ Für eine Überraschung war Horst immer gut. Wir lachten lauthals von tief unterm Herzen heraus. Und von ihm stammten Ausdrücke, die ich noch heute gerne verwende. Lutscher oder Fratzemacher zum Beispiel. Im Dialekt gebraucht für einen Schwätzer und einen aufgeblasenen Angeber.

„Geschenkt? Und was soll die Wohltat unterm Strich kosten?“
„Nix. Musst halt wegen der Beifahrertür ein bisschen aufpassen.“

Einige Bierchen später war auch das Wohnungsproblem geklärt. Wobei Wohnung nun wirklich übertrieben ist. Horst stammte von einem Bauernhof. Ich hatte das Gehöft im Vorbeifahren schon oft gesehen. In den 1970er Jahren gab es in der ganzen Gegend zahlreiche, etwas heruntergekommene bäuerliche Anwesen. Der letzte Schritt hin zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Nach der Flurbereinigung wurden viele landwirtschaftliche Betriebe nur noch als Nebenerwerbsquelle bewirtschaftet. Eine oder zwei Kühe zum Milchverkauf, Hühnerhaltung oder Spargelanbau. Die Bäurinnen sorgten damit für den monatlichen Grundbedarf. Die Bauern arbeiteten derweil als LKWfahrer oder Lagerarbeiter in den Firmen der näheren Umgebung. Wenige Landwirte, risikobereit oder bauernschlau sei dahingestellt, zogen als Aussiedler vor die Ortschaften und kauften oder pachteten das Land von den Kleinbauern oder kauften es.
Manche Kleinbetriebe öffneten ihre Hoftore in den 1980er Jahren wieder. Die grüne Bewegung der Bildungsbürger sorgte für neue Einkommensmöglichkeiten. Im Morgengrauen kauften die vormaligen Bauern landwirtschaftliche Produkte auf dem nahen Grossmarkt. Beim Bauern einzukaufen, der längst Händler geworden war, diente dem erwachenden umweltbewussten Gewissen.

„Musst halt mit meinem Vater klarkommen“, meinte Horst, „dann kannst du die frühere Knechtkammer überm ehemaligen Ziegenstall haben. Da steht vielleicht sogar noch ein Ofen drin.“ Was für ein Angebot. Ich brachte meine Habseligkeiten die schmale Treppe hoch in den kleinen Raum.
Die Anlage zur Beschallung war rasch aufgebaut. Eine Matratze. Ein Kasten Apfelwein. Und schon sassen die ersten Compañeros in der Kammer. Horsts Vater begegnete ich nicht. Im hinteren Teil sah das Anwesen ziemlich verwildert aus. Der Misthaufen schien seit Jahrzehnten zu liegen. Hin und wieder lief ein Huhn über das Pflaster des Hofes. Vielleicht auch zwei.

Ein schöner Spätsommermorgen. Ich schaute frühmorgens aus dem kleinen Fenster hinunter in den Hof. Ein altes Herrenrad lehnte da an der Mauer. Was mochte die zweite Stange unter dem Oberrohr bedeuten? Ich ging runter in den Hof. Für meine einfache Morgentoilette musste ich sowieso zur Pumpe. Zwei kleine Kordeln hielten den Stiel einer Harke unterm Oberrohr. Es wird eine Erklärung dafür geben, dachte ich mir. Und ging zur Pumpe für eine erfrischende Waschung. Im Tran hatte ich mein Handtuch oben vergessen. Und so stand ich da vornüber gebeugt. Aus meinen damals langen Haaren liess ich das Wasser ablaufen. Durch diesen haarigen Vorhang vor meinen Augen sah ich auf zwei Beine. Ich wrang die Haare aus. Der ältere Mann neben mir hatte zwei Eier in der Hand.

„Guude. Bist Du dem Robert sein Bub? Der Horst hat mir da was gesagt.“
„Guten Morgen. Ja, das stimmt. Ich habe mir oben das Zimmer eingerichtet. Übergangsweise.“
„Zimmer. Dass ich nicht lache. Eine Knechtkammer iss das. Du kommst nachher mal zu mir in die Küche zum reden.“
„Klar. Ich brauche etwa zehn Minuten.“
„Von zehn Minuten habe ich nichts gesagt. Ich habe gesagt : nachher.“
„Also gut, nachher.“

Das alte Fachwerkhaus hatte schon den dreissigjährigen Krieg und manche spätere Katastrophe erlebt. War niemals niedergebrannt. Kleine Fenster und niedrige Decken. In der Küche war es finster. Meine Tritte wurden durch einen nicht näher erkennbaren Teppich gedämpft. Eine karge Einrichtung. Der alte Eisenofen mit dem mächtigen Ofenrohr und dem seitlichen Wasserschiff. Auf dem Tisch lag allerlei herum.

„Kannst Dich da hinsetzen.“ Ich rückte den Stuhl vor den freien Platz auf der Tischplatte. Horsts Vater nahm mir gegenüber Platz. Mit dem Unterarm fegte er den Platz vor sich frei. Meine Augen hatten sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Ich sah, dass er die Schalen von der Tischplatte auf den Boden gewischt hatte. Der Boden am Tisch war übersät von Schalen.
Zu meinem Erstaunen fiel mir auf, dass ein angenehmer Geruch die Küche durchzog.

„Ich muss jeden Morgen die Eier von den zwei Hühnern suchen. Die streunen im Hof und legen, wo es ihnen gefällt. Zum pissen kannst Du auf den Mist gehen. Dort legen sie nicht.“ Bei diesen Worten schenkte er mir eine trübe Flüssigkeit ins Glas.
„Apfelwein. Selbst gekeltert. Ich putze sogar meine Zähne damit.“
„Ich habe noch nicht gefrühstückt. Später vielleicht.“
„Ach was, red´ keinen Unsinn. Hier…,“ und damit liess er den Deckel von dem grossen Topf auf diese gusseiserne Herdplatte scheppern. Er griff in den Topf und reichte mir eine sauber geschälte goldgelbe Kartoffel.
„Ich leb´ von Kartoffeln und Äpfeln. Und ich trink´ Apfelwein. Mich bringt nix um. Leider.“
Dieses nachgeschobene Leider verwirrte mich. Ich griff die Kartoffel und biss hinein. Spülte mit dem Selbstgekelterten nach. Es war eine unwirkliche Situation. Sowas kommt doch bloss in Romanen vor.
Die lauwarme Kartoffel schmeckte prima. Der Apfelwein hätte etwas kühler sein dürfen. Aber einen Kühlschrank habe ich in der Küche nicht gesehen.
Ich habe den alten Bauern nach diesem morgendlichen Gespräch nicht wieder gesprochen. Ich sah ihn manchmal, wie er den Hof mit seinem Rad und der angebundenen Harke verliess. Oder wie er es gegen Abend an die Wand lehnte und den alten, offenschtlich schweren Jägerrucksack vom Gepäckträger nahm.

„Und, klappts mit Euch beiden“, fragte Horst Monate später.
„Kann nicht klagen“, erwiderte ich, „ganz am Anfang hatte er mich mal in die Küche bestellt und mir einige Fragen gestellt. Aber sonst begegnen wir uns nicht.“
„Der macht seine Sache. Will seine Ruhe haben und lässt andere in Ruhe.“
„Sag´ mal, Dein Vater schwingt sich morgens aufs Rad und kommt nachmittags mit seinem Rucksack wieder heim. Was macht er denn den ganzen Tag über?“
„Och, der radelt rum und kümmert sich um sein Essen. Je nach Jahreszeit.“

Ich wollte mehr wissen, aber Horst wurde maulfaul. Er wurde geradezu einsilbig. So kannte ich ihn bis dahin nicht. Einige Tage später, ich machte gerade das Hoftor hinter mit zu, sprach mich ein Nachbar an.
„Du bist doch dem Robert sein Sohn?“ Ich bejahte.
„Ich bin der Karl. Und wie heisst Du?“
„Robert.“
„Auch Robert?. Na ja, dann muss sich Deine Mutter nicht so viele Namen merken.
Wohnst Du etwa hier beim Horst seinem Vater?“
Ich bejahte.

Der Nachbar wurde redselig. Er kannte meinen Vater vom Fussballspielen. Sofort spulte er einige abgestandene Schwänke aus deren gemeinsamen alten Zeiten ab. Mit manchen Menschen ist es wie mit Motoren. Man muss sie warmlaufen lassen, dann kann man Gas geben.
„Horsts Vater hat ziemlich merkwürdige Lebensgewohnheiten“, eröffnete ich.
„Hast Du Dir den Hof schon mal genauer angeschaut“, erwiderte er. Und er begann zu erzählen. Darauf hatte ich gewartet. Damals fing das an. Seit jenen Zeiten warte ich immer auf die Geschichten der Alten.

Die Frau des Bauern war viel zu jung gestorben. Den Mann sprang die Trauer so ungestüm an über den jähen Verlust seiner geliebten Frau, dass ihm sein Leben aus den Fugen geriet. Über Nacht war dem alles egal. Vernachlässigte seine Arbeit. Die Äcker. Das Vieh. Als die beiden Kühe schrieen weil die prallen Euter schmerzten, halfen die Nachbarn ohne viele Fragen. Es kennt doch einer den anderen. Da wird nicht viel gefragt. Nach und nach wurde das Inventar verkauft. Die Tiere, der mächtige Lanz Bulldog. Kleinigkeiten, die noch brauchbar waren.
Zurück blieb der Alte. Der war gebrochen. Der Horst war beim Bund. Aber der Hannes begann zu schwimmen, der Lebenswille hat noch funktioniert.

Ich denke mir Horsts Vater in seiner Trauer unverstanden von der Nachbarschaft. Aber man liess ihn gewähren. In einem überschaubaren Dorf kann einem das Leben schwer werden. Und dennoch kann man sicher aufgehoben sein. Wenn man ein wenig Glück hat.
Ich hätte es damals nicht beschreiben können, aber ich konnte den Mann irgendwie verstehen. Er imponierte mir.
Er fuhr mit seinem Rad über die Äcker und besorgte sich, was er zu seiner Notdurft brauchte. Im Herbst vor allem Kartoffeln und Äpfel. Er schien tatsächlich ausschliesslich davon zu leben. Man liess ihn machen. Die wenigen Kartoffeln, die er sich von fremden Äckern holte waren zu verschmerzen. Selbst der bei uns seit unserer Kindheit gefürchtete Feldschütz kratzte sich hinterm Ohr und winkte dann ab wenn Horsts Vater ihm in der Gemarkung zufällig vor sein Dienstmoped lief.

Im kommenden Frühjahr bezog ich die Mehlkammer und die Stuben der Bäckerburschen eines ehemaligen Backhauses. Was aus dem alten Bauern geworden ist, weiss ich nicht. Wir waren nichts als jung. Horst ging in eine andere Stadt zu seinem Studium. Ich hörte Jahre später, dass er irgendwo Karriere gemacht haben soll.
Im folgenden Frühjahr fuhr ich den Kadett zum TÜV. Die Beifahrertür war mit dem angeschweissten Riegel einer Stalltür gesichert. Das ging damals noch durch. Wir lebten schliesslich auf dem Land. Damals noch. In der Grube  klopfte der Prüfer von unten mit dem Hämmerchen gegen den Boden des Autos. Und klopfte nochmals.
„Ich kenne doch das Geräusch. Ich weiss nicht, was Sie da gemacht haben, aber der Boden ist dicht.“ Er hämmerte noch mehrmals. Man musste ihm schliesslich nicht offenbaren, dass der durchgerostete Unterboden weitgehend mit Fertigbeton zugeschmiert und abgedichtet worden war.

Horsts Vater wurde in gewisser Weise ein Vorbild für mich. Er lebte absolut reduziert. Kümmerte sich mit seinem Rad und seiner Harke um seine Nahrung. Ich bin unsicher, ob er darüber nachgedacht haben mag, was Liebe sei. Gelebt hat er sie jedenfalls bedingungslos. Es muss ihn am Leben gehalten haben, dass im schmerzlichen Leiden und in tiefer Trauer doch ein verborgenes Glück liegen kann, das einem am Leben festhalten lässt. Auch wenn man es nicht erkennt oder versteht.

 

Im Januar dieses Jahres stand mit Roland zusammen. Einer meiner letzten Gewährsleute aus dem alten Ortskern. Gewährsleute finde ich vielsagender und eleganter als den kalten Begriff Zeitzeuge. Roland mag ich sehr. Hat nach einer Lehre sein ganzes Leben lang für die Gemeinde gearbeitet. Wir stehen öfter zusammen in den letzten Jahren. Viele Fragen und Antworten. Er rückt meine Erinnerungen zurecht und ergänzt, was mir fehlt an für mich wissenswerten Details zur Geschichte des alten Ortes. Auf diesen Tableaus tauchen auch immer wieder Menschen auf.
„Sag mal, was macht denn eigentlich der Horst. Der scheint die Bäume in sem Garten umzumachen. Ich habe da noch eine Einladung und wollte ihn jetzt mal besuchen.“
„Der Horst ist doch tot. Den kannste nur noch aufm Friedhof besuchen.“
„Wie jetzt?“ Ich war erschrocken. „Wieso ist der denn gestorben. Wann war das denn?“
„Ach, der war auch nicht mehr der Jüngste. Das ist jetzt auch schon wieder bald zwei Jahre her.“
Den Rest unseres Gesprächs habe ich vergessen. Die Nachricht von Horsts Tod lag wie ein Schatten über diesem Tag.

Als ich letzte Woche meine Runde mit dem Fahrrad drehte, kam ich an Horsts Grundstück vorbei. Den fortschreitenden Kahlschlag im Garten hatte ich bereits gesehen. Jetzt hat man begonnen den Bungalow im Stil der 70er Jahre abzureissen. Der grosse Kamin aus Natursteinen ragt barmend aus den Trümmern.

 

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Auf die Insel (2. Teil)

Die Anfahrt: Unbedingt nachts starten. Die Fähre wird nicht warten und der Weg bis dahin ist weit. Trotz der Vorliebe für große Landstraßen geben Autobahnen die Route vor. Bis zur Hauptinsel. Von dort dann die Fähre und zu Fuß weiter bis hinter den Deich. Unterwegs klingt seit langem wieder viel Musik während der Fahrt. Die Futterlischke für die Rast ist wohlbestückt.

Die Sonne dämmert im Osten und die Laune steigt. Vielleicht haben wir ja doch besseres Wetter auf der Insel als die Vorhersage ankündigte. Zwei Tage Sonnenschein ab Mittag, der Rest regnerisch und leicht windig. Egal, Inselwetter ist ohnehin stets wechselhaft.

Mit jedem Kilometer nordostwärts wächst die Freude. Fischbrötchen satt. Stralsunder Bier. Sanddorn. Der Sanddorn sollte jetzt vielleicht schon blühen. Über die Brücke auf die Insel. Bald werden wir an der Fähre sein. Den Wagen auf dem Dauerparkplatz abstellen. Mit dem Koffer ins Fährbüro. Bis zum Ablegen haben wir noch etwas Zeit. Bei Schillings gibts ein Störtebeker zur Ankunft.

Auf dem Oberdeck empfängt uns eine heftige Brise. Der Himmel ist bedeckt. Als wir um fünfzehn Uhr die Fähre verlassen, reißt der Himmel über dem kleinen Hafen püntklich auf. Die Ostsee schimmert im elegantesten blaugrün. Schaumbekrönte Wellenkämme bis weit hinaus auf die offene See. Starker anlandiger Wind.
Den Koffer im Quartier ablegen und sogleich an den Strand springen. Tage mit stundenlangen Spaziergängen liegen vor uns.

Die aufbrausende See beißt gierig am Ufer. Nach zwei Tagen dreht der Wind. Der eiskalte Sturmwind treibt den feinen weißen Sand zurück aufs Meer. Zwischendurch sehr scharfe Böen. Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Die Haut fühlt sich heiß an. Die winzigen kristallinen Partikel schleifen die alte Haut weg und macht sie streichelzart.
Morgens, noch vor dem Frühstück, der erste Gang an den Strand. (Kindheitserinnerungen an die Sommer in Italien: mal schauen, ob das Meer noch da ist).
Für die uns verbleibenden Tage genießen wir den Sonnenschein von morgens bis abends. (Von wegen Wettervorhersage: ich traue weder den Vorher-Sagen noch den Nach-Richten).

Die aufgewühlte See an beiden Tagen zuvor hat viele Treibholzstücke und Tang auf den Strand geworfen. Im Seegras verborgen, taucht das Gold der Ostsee auf. Bernstein. Kleine Stücke schimmern in der schräg stehenden morgendlichen Sonne. Wenn Sturm und Kälte allzusehr anstrengen, hilft das Paradies eines Windschattens. Hinter Ginsterbüschen oder Heckenrossen ist es nahezu windstill. Auch die Versammlung einiger niedrig stehender Strandkiefern bietet einen ruhigen Aufenthalt.
Schmerzlich wird dabei bewusst, wohin die deutschlandweit aberwitzige Baumsägerei und Buschverstümmelung führen wird. Ich komme aus einem klimatisch gut beschützten Gebiet. Doch Starkwinde und Stürme nehmen stetig zu. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass sich diese klimatische Veränderung mittlerweile auch im alltäglichen Verhalten vieler Menschen zeigt.

Ich fotografiere wenig. Am Strand liegt ein schwarzes Knäuel, einem Football ähnlich. Mit einem roten Fleck an einem Ende. Bei näherem Hinsehen erweist es sich als tote Ente mit abgerissenem Kopf. Der Kopf liegt einige Meter entfernt.

Oben auf dem Dornbusch verliert sich der Blick nach Norden. Dort, das grüne Leuchtfeuer kommt von der dänischen Insel Møn. Etwa dreißig Kilometer entfernt. Hinter mir der Klausner. Erinnerungen an Kruso von Lutz Seiler. Von der Literatur schweifen die Gedanken sofort in die wirkliche Welt. Die DDR und die Sicherung der nassen Grenze Ostsee. Wieviele Menschen mögen dieses Leuchtfeuer jenseits dieser Küste gesehen haben. Was mag in ihren Köpfen vorgegangen sein?
„Eine Statistik verzeichnete über 5600 Flüchtlinge, 913 davon erfolgreich, 4522 Festnahmen und mindestens 174 Todesopferseit 1961, angeschwemmt zwischen Fehmarn, Rügen und Dänemark…“ (zit.: Seiler, 466)
Die namenlosen Toten in den Schleppnetzen der Fischtrawler, menschliche Übereste mit Anzeichen von Tierfraß, sie sind nicht erfasst in den Statistiken. Niemand kennt die Namen der Menschen, die es versucht haben; segelnd, surfend, tauchend und sogar schwimmend
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Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich einen toten Schwan. Wie er da lag im feinen, weißen Sand mit seinem zerzausten Federkleid, sah er derangiert aus. Auch er kopflos. Ich habe ihn fotografiert.
Der Kälte trotzend laufen andere Touristen mit dem Mobiltelefon in der Hand an den Strand: Zeit des Sonnenuntergangs. Binnen Minuten sind sie wieder verschwunden. Zu kalt oder zu unspektakulär. Die wundervollen Himmelserscheinungen haben sie verpasst. Oft zeigt sich im Unspektakulären gerade das Außergewöhnliche.

Ebenso die drei tollkühnen jungen Angler, die dem abendlichen Eiswasser trotzen. Ein freundlicher Gruß, ein kurzer Schwatz. Sie gingen auf Plattfische. Petri Heil. Petri Dank…

Auf der Insel ist die Bettenkapazität begrenzt, weil in den Hauptferienzeiten das Frischwasser begrenzt zur Verfügung steht. Die Entsorgung der Stoffwechselendprodukte bereitet ebenfalls Probleme. Aber es steht noch viel freie Fläche zur Verfügung. Bebauung, Bettenkapazitäten. Da nichts, was funktioniert, auch so bleiben darf, tauchten bereits sogenannte Projektentwickler auf. „Wenn sie erwachen, geht die Ehrlichkeit unter“ (zit. Klaus Hoffmann). Meerwasserentsalzungsanlage. Große Kläranlagen. Fischfilettierfabrik. Flußkreuzfahrtschiffe kämen auch mit der niedrigen Fahrrinne zurecht. Arbeitsplätze. Alles keine Probleme. Die Investoren im Hintergrund scharren und schürfen bereits mit den geldgierigen Fingern.
Im Prinzip ist der Unterschied zwischen ihnen und den Touristen recht gering.
Die strömen täglich an den Strand. Den Blick fest in den Sand gerichtet für ein Fundstückchen, das ein Vierteljahr später achtlos zuhause herumliegen wird. Anstatt der beruhigenden und erlösenden Blicke in die Weite, über die Fläche des Meeres hin in die Unendlichkeit des Himmels. Dort im scheinbaren Nichts wohnt das Glück, mit sich selbst eins zu werden.

 

Die Fotografien kann man groß betrachten, wenn man sie anklickt

 

 

Auf die Insel (1. Teil)

Ich bin ein Bewohner unter der Einflugschneise. Corona hat mich fast zwei Jahre lang vor dem Dauerlärm einfliegender Lärmflieger bewahrt. (LärmLärmLärm) Fast zwei Jahre lang hatten Politik und Publikum Zeit zum Nachdenken. Zeit, wenn schon nicht zu einer Umkehr, so doch eine Korrektur unseres kranken Wirtschaftssystems zu bedenken und erste Schritte zu einer Gesundung des Lebens beizutragen. Die (Gnaden)frist ist verstrichen. Seit zwei Wochen donnern die Lärmterroristen zwischen fünf Uhr morgens und dreiundzwanzig Uhr abends über den Korridor, in dem ich … lebe?

Die große Mehrheit der deutschen Gesellschaft folgt stumpf und blind der Forderung eines großen deutschen Tagesblattes vom 7.2.2022: „Gebt uns unser normales Leben zurück!“ Die Forderung dieses Organs richtete sich an die Bundesregierung und die Länder. Und die Masse stimmt nur zu gerne in den Schlachtruf ein.

Jetzt rauben mir also die lärmenden Flieger wieder den späten Schlaf. Aber ich kenne das und in einigen Wochen werde ich mich wieder daran gewöhnt haben. So weit ist es also gekommen.

 

Die Insel. Einige Tage weg unterm Lärmschild. Ruhe genießen und gehen. Lange gehen. Und darüber nachdenken, warum mir immer mehr Fragen nicht mehr zufriedenstellend beantwortet werden. Warum es mir selbst immer schwerer fällt, sogar im Internet plausible Antworten auf meine Fragen zu finden.

Immer mehr Menschen lassen sich freiwillig durch ihr mobiles Telefongerät versklaven. Täglich neue Applikationen (Apps). Warum? Wie schaff(t)en es die entsprechenden profitablen Interessengruppen die Mehrheit der Menschen soweit zu bringen? Warum verweigern sich diese Menschen nicht? Gleichzeitig fordern sie aber in mehr oder weniger hirnrissigen Demonstrationen ihre vermeintlich entzogenen „Grundrechte“ hinsichtlich einer vermuteten Impfpflicht zurück.

Immer mehr alte Menschen in meiner Umgebung, vorwiegend Frauen, werden gegen Gürtelrose geimpft. Warum lassen sie dies widerspruchslos geschehen? Wo finde ich aussagekräftige und vor allem ganz aktuelle Informationen über Impfungen gegen Gürtelrosen?

Und weitere Fragen.

Also lieber auf die Insel.

 

Bevor ich mich jedoch auf den Weg zur Insel begab, wurde ich auf den „Schweizer Standpunkt“ aufmerksam. Das ist eine Online Publikation, in der aktuelle Themen behandelt werden. Das Selbstverständnis und ihre moralische Richtlinie wird auf der Homepage so artikuliert, ich zitiere: „Der «Schweizer Standpunkt» ist ein weltanschaulich, politisch und finanziell unabhängiges Medienformat. Diese Plattform will unabhängig vom Mainstream Aspekte des Zeitgeschehens aufgreifen. Das Wohl des Einzelnen und das Gemeinwohl dienen als Massstab. Von Manipulation und Propaganda distanzieren wir uns.“
Die Plattform tritt weiterhin ein „für eigenständiges Denken, freie Meinungsbildung, Recht, Ethik, Verantwortung und konsequentes Handeln; für direkte Demokratie, föderale Lösungen, Gemeinwohl und soziale Marktwirtschaft; für Bekräftigung und Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts.“

Dort fand ich ein Interview mit Jacques Baud, einem ehemaligen Oberst der Schweizer Armee. Bekanntheit erlangte er durch seine Mitarbeit in internationalen Organisationen (z.B. Uno, Nato). Seine Arbeitsgebiete spannen einen Bogen von der Friedensforschung, Kriegsvermeidung, Minenräumung bis hin zur Autorschaft  von Fachbüchern zu Themen wie Nachrichtendienste, Terrorismus oder Desinformation. Seine berufliche Karriere ist am Ende des Interviews skizziert.“

Wenn zwischen den Berichten der deutschen Medien fast keinerlei Unterschiede mehr bestehen, werde ich wach. Und ich denke dabei keinesfalls an eine Fußballweltmeisterschaft. Im konkreten Fall geht es mir um den Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Ich kann nur jeden denkenden Menschen einladen, das verlinkte Interview mit Jacques Baud, einem intimen Kenner der gegenwärtigen Prozesse an der Ostgrenze der EU zu lesen. Es wird das schwarz-weiße Bild, das uns unsere Medien tagtäglich eintrichtern wollen, etwas erschüttern. Hier ist das Interview zu lesen.  Vor allen Dingen helfen die Fragen und Antworten dem Leser, sich selbst zu prüfen; sein Wissen im Kontext dieses Krieges und seine Fähigkeit die richtigen Fragen dahingehend zu stellen.

 

Aber jetzt werde ich starten und losfahren. Der Bericht wird im zweiten Teil folgen. Vielleicht auch garniert mit einigen Fotografien.

 

 

 

 

Der Aufbruch bei jedem Tagesanbruch

Das Wort aus dem spanischen verweist auf den Tagesanbruch. Die Band, die sich den Namen Madrugada erwählt hat kommt aus dem nördlichen Norwegen. Die Welt ist bunt und bestenfalls rätselhaft.

Ich kenne die Musik von Madrugada bereits seit einigen Jahren. Besonders die Stimme Sivert Høyems prägt die Stimmung vieler Lieder. Die Musiker stammen aus Stockmarknes. Die Stadt liegt auf einer Inselgruppe der Region Vesterålen. Nördlich der Lofoten und dreihundert Kilometer nördlich des Polarkreises.
In dieser beeindruckenden Landschaft haben Madrugada fünf (?) Videos zu Titeln ihres neuen, dem sechsten Album „Chimes at Midnight“ drehen lassen.

Eines dieser Videos sah ich kürzlich auf einem befreudeten Blog. Der Titel „The World could be falling down“ und das dazu gedrehte Video passt genau in unsere Gegenwart. Die Bilder im Video sind Möglichkeit und Gegenentwurf zugleich für eine lebbare Zukunft. Es geht um die Liebe. Und auf nichts anderes als auf dem Fundament der Liebe wird eine lebenswerte Zukunft zu bauen sein.

„Verflucht sei der Krieg“ (Brecht, Mutter Courage).

 

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Wellen zum Wochenende

„I feel a little strange inside
A little bit of Jekyll, a little Mr. Hyde“ (Rory Gallagher – Shadow Play)

 

Nachdenken. Darüber vielleicht, wohin wir Menschen treiben werden in nächster Zukunft. Spielt sich der Krieg nicht längst in jedem von uns auf ganz individuelle Weise ab?
Wir wollen auf unsere Umwelt achten und doch zerstören wir durch unseren Konsum mehr, als wir erhalten können.
Wir wollen freundlich miteinander umgehen, aber wehe uns nimmt jemand die Vorfahrt.
Wir sehen einen Menschen, der sich unangebracht verhält und urteilen sofort. Doch auf unsere eigenen Missgriffe angesprochen, haben wir Rechtfertigungen, die uns freisprechen sollen ebenso rasch parat. Und wenn ich mich selbst ganz genau betrachte: Wie weit unterscheide ich mich eigentlich noch von dem massenhaften Verhalten meiner Mitmenschen?


„And you balance your world on the tip of your nose
Like a Sealion with a ball, at the carnival“ (Jethro Tull – Sealion)

Selbstzufriedenheit. Es war ein Versuch. Menschen in meinem Umfeld zu befragen. Nach Humor und Intelligenz. Das Ergebnis war eindeutig. Aber warum sind diese Menschen dann so unglücklich. So einsam. Und oft auch so verbiestert?

Ich erhielt in der vergangenen Woche eine Einladung zu der Veranstaltung einer Stiftung einer der großen(?) politischen Parteien in diesem unserem Lande „Digitalisierung geschlechtergerecht gestalten“.
Gehts noch? Haben wir keine anderen Probleme?
Haben wir wirklich keine anderen Probleme?
Die Vorsitzenden der Stiftungen der großen politischen Parteien in diesem unserem Lande sind verdiente Leute der Parteien oder sie werden dorthin geschickt, weil man sie loswerden wollte. Der derzeitige Chef der Friedrich Ebert Stiftung heißt Martin Schulz. Sie erinnern sich nicht? Das war der Mann (vor) der Wahl der untergehenden SPD. Den hat man dann schnell um die Ecke verschoben, dass er nicht noch mehr Wähler vergraule. Für was der Vorsitzende der Stiftung einer politischen Partei so unglaublich viel Geld verdient?

„It’s the end of the world as we know it […] and I feel fine“. (R.E.M.)

Eine Woche weg und auf die Insel. Auf meine Trauminsel. England war das mal. Ich mag die stetig wachsende Armut bei weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr sehen.
Meine Trauminsel – und sie war das schon vor England – ist eine langezogene, schmale Erhebung in der Ostsee. Fast kein Empfang für mobile Telefone und fast ganz autofrei. Lange einsame Spaziergänge so ganz ohne Rilke. Zwischendurch eine Rast mit einer Flasche Bier von herber Art, begleitet von einem leckeren Fischbrötchen.

Nachdenken. Darüber vielleicht, wohin wir Menschen treiben werden. In nächster Zukunft. Spielt sich der Krieg nicht längst in jedem von uns auf ganz individuelle Weise ab?
An der Wasserlinie entlang spazieren und auf die Wellen achten. Was werden sie bringen, was mitnehmen?
Nach Sturmfluten, weiß man, spülen die Wellen den begehrten Bernstein frei. Ich bin zufrieden mit einem schlichten Kieselstein. Kehrte ich mit einer klaren Erkenntnis von der Insel zurück, mein Glück wäre gemacht für die kommende Zeit.
Weiter kann ich ohnehin nicht denken. Und noch weniger wissen. Jeder Tag ist ein neues Geschenk.

 

 

 

(Wer noch einen Bildschirm sein eigen nennt, kann die Fotografie anklicken. Und sich an dem Anblick des weiten Horizontes erfreuen.)

 

 

 

Alle Tage wieder (Teil2)

Beleidigungen. Verleumdungen. Desinformationen. Lügen. Säbelgerassel. Scharmützel. Grabenkämpfe. Schwere Artillerie. Heckenschützen. Der meiner Meinung nach weltweit größte Kriegsschauplatz, findet in den unzähligen Kommentarspalten der sogenannten sozialen Netzwerke statt. Hier kann sich jeder bewaffnen und mit seinen Waffen auf Jede und Jeden losgehen. Und das Beste für die Krieger und Kriegerinnen: sie müssen sich für Tun nicht verantworten. Im Gegenteil; selbst die dümmsten, verletztendsten oder brutalsten Kommentare finden aus irgendeiner Ecke noch Beifall.

In der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Russland prallen auch oder gerade im Internet die Ansichten und Meinungen aufeinander.
Selbst die Menschen in meiner unmittelbaren persönlichen Umgebung. Nachbarn. Kollegen. Kunden. Handwerker. Wenig Wissen, dafür wichtige Meinungen. Die angeführten Beweise zur Untermauerung der eigenen Sichtweise sind meist nicht haltbar.
Auch die Informationen durch als seriös angesehenen Sender wie arte sind längst nicht frei von Interessen.

 

„Wir halten uns an Regeln, wenn man uns regeln lässt.“ (Haifisch, Rammstein)


Östlich der polnischen EU Außengrenze beginnen die Dunkelländer der Diktatoren. Das geht bereits in der Ukraine los. Wer das derzeit auch gerne vergisst, sei auf die Biografien der dortigen Herrscher im letzten Jahrzehnt verwiesen. Selbst hinter dem unverdächtig erscheinenden Herrn Selenskyj, der ohne ein Wahlprogramm zum Präsidenten gewählt wurde, steht ein mächtiger Oligarch.
Die strippenziehenden Oligarchen. Männer, die innerhalb weniger Jahre unvorstellbare Vermögen zusammengerafft haben. Wie haben sie das zuwege gebracht? Der Herr Chodorkowski beispielsweise, zeitweise Putins Bauernopfer im Machtkampf mit den Oligarchen, saß im Alter von dreißig Jahren bereits an vielseitig unermeßlich sprudelnden (Geld)Quellen. Da laufen Geschäfte, von denen wir nachts nicht träumen wollen.

 

Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass uns als Menschheit nur eine Eigenschaft wirklich verbindet: wir sind eine Glaubensgemeinschaft. Wir wissen wenig und glauben viel. Und zwar durchweg das, was UNS SELBST Gewinn jedweder Art verspricht oder zumindest plausibel erscheint. Ich selbst zähle auch dazu. Der Unterschied besteht vielleicht darin, dass ich weiß, wie wenig ich weiß. Und außerdem, nach dem Zitat einer sehr lebensklugen Frau: „wenn wir erkennen, dass wir alle verrückt sind, ist die Welt weitgehend erklärt“.

 

Was mich darüberhinaus mit vielen Menschen verbindet, ist die Furcht vor DEM KRIEG.
Eine diffuses Unwohlsein. Ausgeliefert irgendwelchen Uniformierten, die mit einem machen, was sie gerade wollen. Hilflosigkeit Als junger  Erwachsener hatte ich nächteweise Alpträume. In denen ging es um Kriegshandlungen und Unmenschlichkeiten in Lagern.

 

 

„When I think of all the good times that I’ve wasted having good times
When I think of all the good time that ’s been wasted having good times.“ (Good Times, Eric Burdon & The Animals)

 

Ich persönlich habe mich, auch abgesehen vom jetzigen Krieg zweier Diktaturen, seit einigen Jahren für meinen eigenen Weg entschieden. Teil davon ist, dass ich Gespräche und Diskussionen vermeide mit Menschen, die sich nach zwei, drei Rückfragen meinerseits zum jeweiligen Thema als weitgehend uninformiert offenbaren. .

Überhaupt ziehe ich die konstruktiven Regionen des menschlichen Daseins vor. Mich interessiert nicht, wer gegen wen oder das Scheitern von Menschen meiner Umgebung. Ich orientiere mich an den positiven und kreativen Beispielen. An Beispielen von Menschen, die für eine andere (bessere?) Zukunft arbeiten ohne die kurzfristige Aussicht auf den schnellen Profit.

 

Beispiele?

Lebensgemeinschaften von Menschen. Erfreulicherweise nehmen urbane Wohnprojekte zu, in denen ältere und jüngere Menschen sich eine Immobilie teilen und zusammenwohnen. Eine wertvolle Alternative für die zerfallenden traditionellen Familienstrukturen..

Hier ein Modell, in dem Menschen zusammen leben UND arbeiten. Ein Projekt, das sich seit Jahren vorbildlich entwickelt.   Klein-Hundorf

Für mich ist die Zeit für Serien im Fernsehen vorbei. Als Kind und Jugendlicher habe ich abgeschaut, was in den beiden deutschen Fernsehanstalten präsentiert worden ist. Und dennoch reizen mich noch immer ausgefallene Serien. Allerdings keine Fiktionen, sondern Realitäten. In dem vom NDR produzierten Format „nordstory“ gibt es die Serie „Mit Mut, Mörtel und ohne Millionen“. Seit etwa zehn Jahren werden Menschen filmisch begleitet, die ein Herrenhaus gekauft haben und dies restaurieren und in neuem Glanz erstehen lassen wollen. Die bisher acht Folgen kann man in den üblichen Mediatheken sehen. Statt zeitstehlender Doku Soaps oder 0815-Serien werden ganz unterschiedliche Menschen gezeigt. Sie sprechen über ihre Höhen und Tiefen. Verzweiflungen und Glückseligkeiten. Das wirkliche Leben ist allemal interessanter. Die erste Folge in der Mediathek des NDR: Mit Mut, Mörtel und ohne Millionen

Der schönste Blogbeitrag, den ich in den letzten Tagen gelesen und die Musik dazu gehört habe kommt von Herrn Hotfox


Ich werde mich in dieser Woche an unser Landratsamt wenden. Unterkunftsmöglichkeiten werden gesucht für Menschen, die dem Krieg in der Ukraine entkommen wollen. Mich interessieren die Rahmenbedingungen.

Wir waren wieder einmal in einem ehemaligen hessischen Landesteil unterwegs. Dass es die waldärmste gegen Deutschlands ist, war mir bis dahin unbekannt. Wir haben öffentliche Bücherschränke in kleinen Dörfern gesucht. Dort sortierten wir den üblichen literarischen Massenunrat aus und stellten dafür viele Werke aus der eigenen Bibliothek. Der Verkauf lohnt ohnehin nicht. So bleibt die Hoffnung, einigen lesehungrigen Menschen interessante Bücher angeboten zu haben. Ausserdem hat es Freude gemacht zu sehen, welch originelle Ideen anhand der öffentlichen Bücherschränke realisiert worden sind

Keine Nachrichten sehen oder hören. Keine Tageszeitungen lesen. Im Internet vorsichtig unterwegs sein. Zeit sparen, indem ich mir Zeit nehme. Für meine Umwelt wach sein. Arbeiten. Der einzige Wegweiser, dem ich zu folgen versuche, ist die Freude.

 

 

 

 

 

 

 

Alle Tage wieder (Teil1)

Jetzt ist es soweit.

Jeder Schüler hat es während seiner Schullaufbahn erlebt. Ein ganz normaler Mitschüler wird bildlich zum Außenseiter erklärt. Zum Klassenclown, zum Doofi, zum Dummkopf…
Und siehe da: irgendwann wird dieser, an sich unschuldige Mitschüler seiner zugesprochenen und zugedachten Rolle entsprechen. Spätestens wenn selbst die schüchterne Klassenkamerdin in der letzten Bank denkt: da muss doch was dran sein wenn alle sagen, dass der so ist ~~~~ …

Man mag den Menschen Putin einschätzen wie man mag. Die Alten in Russland werden es ihm danken, dass er die Macht der Oligarchen gebrochen hat und ihnen damit ihre kargen Renten gesichert hat. Da muss niemand mehr verhungern.
Den westlichen Nachbarn hat er über zwanzig Jahre hin oftmals Kooperationen angeboten. Von wirtschaftlichen Zusammenarbeiten bis hin zum Wissensaustausch. Klopfte er an unsere Türen, legte man stets noch einen Riegel extra vor. Mir war immer merkwürdig, warum man als Grund angab, er sei ein Diktator. Dabei machen wir weltweit mit nicht wenigen anderen Diktatoren unterm Strich viel unprofitablere Geschäfte.

Man hat den Herrn Putin sehr lange anklopfen lassen. Und jetzt hat er eine Tür eingetreten.

Das ist die eine Seite. (Die vielen Facetten, die an diesem Prozess historisch oder wirtschaftlich dranhängen, breite ich hier nicht aus.)

Die andere Seite beunruhigt mich persönlich jedoch sehr viel mehr. Das ist die Betroffenheit in Worten und Liedern. Was wird da nicht alles hervorgeholt. Da wird in den ältesten wurmstichigen Schubladen gesucht und gefunden. Wenigstens bleibt mir das bisherige Thema Nummer EINS ein wenig erspart.
Es finden tagtäglich weltweit Kriege statt. Es müssen tagtäglich weltweit Menschen zu Kreuze kriechen. Werden abgeschlachtet, getötet, misshandelt oder vergewaltigt. Und das geschieht beileibe nicht nur für Kriege.
Stört uns das überhaupt noch?

Wer interessiert sich denn überhaupt noch dafür, woher seine Rosen für den Valentinstag kommen? Es juckt doch keinen Menschen wirklich, unter welchen Bedingungen diese Rosen produziert und geerntet werden. Ich habe Menschen auf den Rosenplantagen gesehen. Arme und Beine vergiftet, verätzt und zerstochen. Eitrig entzündete Gliedmaßen. Arbeitsschutz gibts nicht. Ich könnte mit den Billigpflanzen aus dem Baumarkt weiterschreiben…

Es macht doch niemanden von uns noch unruhig, wenn er die Sonderangebote in den üblichen Ketten und Läden sieht, begehrt und letztendlich kauft.
Immer schlechtere Qualität.
Immer billiger.
Immer mehr.

FÜR UNSERE UNERSÄTTLICHKEIT.

Der empörte mediale Aufschrei ist groß, wenn dann wieder einmal ein Zettel in einem Kleidungsstück gefunden wird. Darauf steht mit ungelenker Hand geschrieben: HELP ME PLEASE! ~~~.

Natürlich fühlt sich niemand betroffen, wenn er die Billigsupermärkte nach Schnäppchen abklappert und abgrast. Die Rechtfertigungen sind schon vorm Kauf ausgedacht. Die Menschen, die all diesen Müll produzieren mussten, wen gehen sie an?
Wir schmeißen nach einiger Zeit den billigen schrottigen Überfluss wieder weg. Oder stellens raus zum Sperrmüll.
Die Kartons vor den Hoftoren nehmen zu: ZU VERSCHENKEN steht auf den Kartons.

Das macht uns ein gutes Gewissen. In Wirklichkeit brauchen wir endlich wieder Platz, um anderen, neuen Überfluss aufzustellen.

Letzthin las ich in einem Blog einen Bericht über einen Herrn Kerkeling. Da wurde ausgeführt, dass unser Land viel mehr solcher Menschen bedürfe. Stimmt das wirklich, fragte ich mich, und in mir schrie es laut auf.
Diese Horden von Dummsprechern, Ablenkern und Verdummern brauchen wir nicht. Sie vergolden ihren Hirnabfall gewissenlos, indem sie Menschen von eigentlichen sozialen Aufgaben, die tagtäglich angegangen und gelöst werden müssen, in die Irre führen. Und die Medien geben sich dafür her, uns diese sozial unproduktiven Leute als Zelebritäten zu anzupreisen. Anstatt positive Beispiele aufzuzeigen.

Positive Beispiele? Im zweiten Teil dieses Berichtes werde ich einige meiner Meinung nach positive Beispiele präsentieren. Beispiele von Menschen, die etwas bewegen. Für mehr Menschlichkeit. Für ein anderes Wirtschaften. Für zukunftsweisende Formen des Zusammenlebens.

 

 

 

 

 

Im Auge des Sturms ist es ruhig

Für die kommenden Tage sind Stürme mit starken Böen angesagt. Medial hört es sich sofort nach Hurrikanen und Taifunen an. In unsrer Gegend wurden Schulen für zwei Tage geschlossen. Passiert ist hier bei uns nichts besonderes.
Dass wir in Zukunft jedoch tatsächlich mit zerstörerischen Stürmen zu tun haben werden, liegt angeblich am Klimawandel. Ich glaube nicht an solche Aussagen. Meiner Beobachtung nach liegt es eher am Syndikat der Baumhenker & Strauchvergewaltiger. Die sind unterwegs im Dauereinsatz gegen die sich unentwegt ausbreitende Natur. Und die stört nun mal. Schaut Euch die zerhackten Büsche und Sträucher an Straßenrändern an. Achtet auf Euren Spaziergängen auf die Baumstümpfe. Die zeugen davon, dass hier ein kerngesunder Baum umgemacht worden ist. All diese Großgewächse bremsen starke Winde. Es werden immer weniger.
Mir blutet das Herz beim Anblick der geschundenen Büsche und Sträucher; bei den sinnlos gefällten Bäumen.

Das neue Gärtchen (wer hat noch einen Garten? – Es wird zunehmend gepflastert.). Stolz und Freude über den neuen Garten hinterm Reihenhaus.
„Und wenn erst alles grünt und blüht darin.“
„Nun, das wird ein Weilchen dauern. Gärten entwickeln sich auf Dauer. Durch die Geduld erwächst ihre Schönheit.“
„Auf Dauer? Unsinn, wir haben jede Menge Bäume und Sträucher als Sichtschutz bestellt und der Rollrasen wird am kommenden Wochenende verlegt werden.“

Rollrasen. Auf Ackerflächen, die einst die Grundlagen unserer Ernährung bildeten, werden heute Photovoltaikelemente installiert. Riesige Flächen werden missbraucht für den Anbau von Rollrasen. Das Geschäft mit den Ungeduldigen in den Neubaugebieten blüht. Die Rollrasenproduzenten freuts. Und sie verschleudern Unmengen kostbaren Grundwassers für das Wachstum des Rollrasens. (Wann werden die Produzenten endlich dafür zur Kasse gebeten?).
Am Ortsrand hat ein Bauer vor einigen Jahren schon auf Rollrasenproduktion umgestellt. Der weiß, dass der neu „verlegte“ Rollrasen im Neubaugarten allenfalls fünf Jahre lang gut aussehen wird. Ohne gewachsenen Unterbau wird das nichts. Dann wird er ausgetauscht werden müssen. Oder die Gartenbesitzer haben inzwischen dazugelernt.
Ich freue mich über die Raben, Krähen und Dohlen, die in der Rollrasenanpflanzung mit ihren kräftigen Schnäbeln ordentliche Löcher verursachen. Kleinstgetier werden sie nicht finden, denn auf dem Rollrasenboden ist wegen der massiven Bodenvergiftung nichts (fr)essbares zu finden.

Im Jahr zwei nach Ausbruch der Pandemie.

Menschen offenbaren sich durch ihr Tun. In der direkten Begegnung genau wie auch im vrítuellen Raum..

Datenschutz – für wen?  Die meisten Menschen geben ihre Daten doch freiwillig und dazu noch gerne her. (Eine Schwangere postet die Ultraschallaufnahme ihres ungeborenen Kindes ins Netz).

Der inflationäre Missbrauch des Wortes teilen. In dem Verbum teilen steckt die Eile und dokumentiert somit auch die Flüchtigkeit des virtuellen Seins.

Ich durchforste Kleinanzeigen. Interessiert mich ein Angebot, schaue ich mir auch die weiteren Angebote der jeweiligen Inserenten an. Die teilweise aussageunfähigen Fotos übergehe ich. Zunehmend mehr Texte rufen spontan prustendes Lachen hervor oder lassen einen erschaudern. Welche Menschen stehen sich hinter diesen Angeboten?

 

Die radikale Reduzierung im eigenen Musikalarchiv belebt. Wiederholte Anhörungen fast vergessener Titel wecken Erinnerungen. Andere Stücke hingegen werfen Fragen auf. Als Schüler habe ich mit Single Schallplatten angefangen. Irgendwann kamen die Langspielplatten / CDs dazu. Heute würden mir Zusammenstellungen fast schon wieder genügen. Sechstausend einzelne Titel statt sechstausend Gesamtwerke. .

Manchmal wundere ich mich über mich selbst. Ich frage mich, woher ich trotz all dieser Erscheinungen meine Fröhlichkeit und Lebenslust nehme. Die Antwort kenne ich natürlich und sie ist noch immer gültig.